DIE ZEIT: Herr Handke, Sie haben darum gebeten, dass wir nicht über Politik reden, und ich will Sie nicht als Orakel missbrauchen. Eine Orakelfrage möchte ich aber stellen: Gibt es trotz all der momentanen Umbrüche und Kämpfe auf der Welt eine positive Utopie, an die Sie glauben?

Peter Handke: Oh, das ist eine schwere Frage. Fragen Sie mich das jetzt wirklich?

ZEIT: Ja.

Handke: Es gibt einen Fotografen, bei dem ich die Fotos meiner Wegwerfkamera entwickle, und der sagt immer: Man muss so tun, als ob nix wär, sonst kann man überhaupt nicht mehr leben. Die Historie ist so dermaßen tragisch und unerträglich – ich kann gut verstehen, dass man sich sein eigenes Biedermeier erzeugt heutzutage. Man muss ja nicht glücklich sein. Aber ohne ein bisschen Freude ist überhaupt kein Sinn im Ganzen.

ZEIT: Was ist das neue Biedermeier?

Handke: Es kann in der Flucht liegen. Ich habe mir einmal vorgenommen, etwas zu schreiben, das heißt Der Held der Flucht. Das Fliehen kann eine heldenhafte Sache sein – wenn der Schmerz so groß ist, dass man zum Frieden hin flieht. Es gab einen jungen Menschen, der mich beschäftigte, in Prag, der hat sich aus Kummer über den Weltzustand das Leben genommen. Man sollte dem eine Würdigung bereiten, indem man was über ihn erfindet. Er reizt mich zum Erfinden einer Figur.

ZEIT: Ich habe den Eindruck, dass in Ihnen eine große Wut ist.

Handke: Na, die Wut bringt gute Sachen hervor. Ist gar nicht so schlecht, die Wut. Wut kann begeistert sein. Ärger nicht. Zorn ist noch besser.

ZEIT: Wie unterscheiden sich Wut und Zorn?

Handke: Wut ist nur für kurze Momente schöpferisch oder formend. Zorn dauert länger, ist epischer, episch-dramatischer. Wut ist eher lyrisch.

ZEIT: Und Sie sind ein Zornmensch?

Handke: Leider nicht genug. Es hört zu früh auf. Kaum dass er sich formuliert, hört er auf.

ZEIT: Und der Grund des Zorns?

Handke: Weiß ich nicht. Aber es ist leider wahr: Ich hab eine Grundwut in mir.

ZEIT: Können Sie, blöd gesagt, auf Ihrem Zorn reiten? Ihn benützen wie einen wilden Gaul, der Sie dorthin bringt, wohin Sie sonst nicht kämen?

Handke: Ich schreibe nur aus Zorn oder einer anderen Begeisterung. Ich finde nicht, dass der Zorn zu den sieben Todsünden gehören muss. Mir fehlt er manchmal – bei den anderen vor allem. Es gibt eine Geduld unter den Menschen, die ich nicht schön finde. Das ist nicht einmal eine Schafsgeduld, sondern eine Ochsengeduld. Manchmal kommt mir die ganze Menschheit verochst vor. Jeder kleine Stier ist mir lieber als diese erwachsenen Ochsen.

ZEIT: Zorn ist wie eine Art Nacktheit, oder? Drei Situationen gibt es, durch welche unbeteiligte Menschen in Gebannte verwandelt werden: wenn man einen Nackten, einen Zornigen oder einen Stürzenden sieht. Man sieht dann einen, der sich nicht mehr verstellt.

Handke: Das ist wahr; ja. Ich bin vor ein paar Tagen spätabends vom Land zurückgekommen, es gab keinen Zug mehr, sondern so einen Ersatzbus; der fuhr so ruckartig an, dass ich hingeknallt bin gegen eine Haltestange von dem Bus; ich hab geblutet wie ein Igel, und das war eigentlich sehr schön, wie die Leute erwacht sind; drei oder vier kamen mit Papiertaschentüchern zu mir; es war eine seltsam erweckte Stimmung in dem Bus; der Gefallene war ich. Das ist auch das Prinzip von meinem Stück Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten. Wenn da einer stirbt oder hinfällt – plötzlich hat alles Gehen, alles Stehen eine andere Musik.

ZEIT: Lässt sich mit diesem Bild Ihr Widerwille gegen den Filmregisseur Michael Haneke benennen, einen Landsmann, dessen Arbeit Sie von Herzen verachten? Etwa in diesem Gegensatz: Wenn bei Ihnen gestürzt wird, kann es sein, dass sich die Welt aufhellt, dass sie innehält – während bei Haneke der Sturz nur die Bestätigung seiner Weltsicht ist?

Handke: So ist die Welt!, sagt er dann. Er weiß genau, wie finster die Welt gemacht ist. Aber es gibt eine schöne Finsternis, von der Haneke nichts weiß, die kommt von innen her. Bei Haneke kommt nichts von innen her. Er gibt nichts von sich. In seinen Filmen ist überhaupt nichts frei. Er determiniert alles. Wenn er wenigstens Natur hätte – aber man spürt überhaupt keine Natur. Es ist alles nur Mache, gekonnte, suggestive Mache.

ZEIT: Er als Erzähler ist der abwesende Gott?

Handke: Der deterministische Gott. Woody Allen in seinen letzten Filmen macht das auch, er ist der Demiurg: Ob dieser Ball oder diese Münze jetzt so fällt oder in die andere Richtung, auf die andere Seite – das entscheidet über den Lauf der Geschichte. Aber bei Allen kann man es lieben, er hat diese Anmut, das Komödiantenhafte – das alles ist bei Haneke überhaupt nicht. Bei ihm ist nur Zwanghaftigkeit. Aber belassen wir’s jetzt mit Haneke.

ZEIT: Ich frage so ausführlich nach ihm, um zu verstehen, wo Sie den Unterschied zu sich selbst sehen.

Handke: In einem Wort: Der ist ein Könner. Ich bin überhaupt kein Könner. Er ist aber ein unangenehmer Könner. Ich mag keine Könner.

ZEIT: Woran erkennen Sie einen Könner?

Handke: Er weiß genau: in welchem Moment muss ich welche Wirkung erzielen.

ZEIT: Ein Könner ist ein Rechner?

Handke: Man kann nicht können in der Kunst! Früher hat man gesagt, Kunst kommt vom Können. Aber Kunst kommt vom Lassen. Kunst bedeutet: das tun, was man nicht kann. Ich bin nicht dafür, dass man das Kindliche vor sich herträgt, aber in einem gewissen Sinn ist ein Künstler ein Kind.

ZEIT: Ist er auch ein Hochstapler?

Handke: Ja. Man stapelt hoch, und im Hochstapeln erwischt man doch eine Wahrhaftigkeit. Schon sich hinzusetzen und zu sagen, ich schreib jetzt ein Theaterstück, ich schreib jetzt einen Scheißroman oder irgendsowas! Schon sich hinzusetzen und zu schreiben: "Die Jefferson Street ist eine stille Straße in Providence" – so wie mein Roman Der kurze Brief zum langen Abschied anfängt –, ist eine Hochstapelei. Aber weil man der Gefangene der Hochstapelei ist, geht man in ihr weiter – und plötzlich entsteht aus der Hochstapelei eine Realität, die herrlicher ist als jede tägliche Realität. Vielleicht muss man statt Hochstapelei eher sagen: Tabubruch.

ZEIT: Worin liegt der Tabubruch?

Handke: Im Schreiben. Heutzutage schreibt jeder mühelos und kriegt den Deutschen Buchpreis, und ich seh sofort, es ist alles Gewäsch, alles gemacht. Dass heut alle schreiben, manchmal denk ich, daran bin ich schuld. Die haben damals mich gesehen, Bilder von mir in Princeton und so, und haben sich gedacht: Wenn dieser Arsch das kann, kann ich es auch. Aber für mich ist es ein gewaltiges Tabu, eine Frechheit, zu schreiben! Eine stille Frechheit.

ZEIT: Gibt es Momente, wo Sie denken, Sie erfassen schreibend das Leben eines anderen Menschen?

Handke: Manchmal beim Gehen durch die Stadt weiß ich plötzlich alles von einer Person, die mir begegnet – für drei Sekunden.

ZEIT: Ein bisschen wie der Erzähler aus Poes Mann der Menge? Der geht dann aber einem bestimmten Menschen hinterher, den er in der Menge entdeckt hat, und verfolgt ihn für Stunden.

Handke: Das hab ich auch öfter gemacht, früher.

ZEIT: Auch hier in Chaville?

Handke: Hier nicht. Hier fällt es zu sehr auf.

ZEIT: Wird Bestand haben, was Sie schreiben?

Handke: Es ist schon die Gegenwart schwierig. Ich bild mir ein, dass ich immer noch schöne Sachen mache. Aber es dringt irgendwie nicht mehr durch.

ZEIT: Aber so ist das heute, oder? Da kann auch ein Komet vom Himmel fallen, und er ist nach drei Tagen kein Thema mehr.

Handke: Für ein bisschen mehr als diese drei Tage reicht meine Zuversicht noch. Aber manchmal denk ich, es ist aus mit der Literatur. Und dann denk ich: Nein, das geht nicht, das kann nicht verschwinden. Die Sachen, die aus der Begeisterung gemacht sind, aus dem Formbewusstsein – das kann nicht vergehen!

ZEIT: Vermutlich ist jene Zeit vorbei, als die ganze Kulturszene in Habachtstellung ging, wenn bei Suhrkamp ein neuer Handke erschien.

Handke: Vielleicht war das damals eine große Ausnahmezeit. Andererseits: Ich lese gerade eine Mörike-Biografie, und ich lerne, jede Kleinigkeit von ihm, weit über das Schwabenland hinaus, wurde mit Jubel empfangen. Es hat ein Echo gefunden im schönsten Sinn. Aber heute? Da gibt’s ein paar Spinner noch, die einem schreiben, wenn ein Buch draußen ist. Aber immer die gleichen inzwischen. Es kommen gar keine anderen mehr dazu.

ZEIT: Kommen junge Autoren von Rang dazu?

Handke: Als ich damals den Preis der Mülheimer Theatertage bekam, für Immer noch Sturm, lernte ich viele junge Dramatiker kennen, die auch nominiert waren. Die waren alle ganz aufmerksam und fein und vif und fast zu witzig formulierend, aber ich hatte den Eindruck, dass die überhaupt keinen Dämon haben. Ich würd schon sagen, dass ein Schreiber ein Dämon ist – auch im guten Sinn, wie die Griechen sagen, der oi daimon, der Gute. Man muss doch wenigstens fingieren, dass man das Äußerste, das Universelle erreichen kann. Ohne das würde man doch gar nicht anfangen, den Wahnwitz des Schreibens zu betreiben, oder? Sonst würd man ja ... (Handke spricht jetzt mehr zu sich selbst, murmelnd) ... na ja, Blödsinn, hör mer auf ...

ZEIT: Sonst würde man rausgehen auf die Straße? Den Amoklauf wirklich beginnen, den der Schauspieler in Ihrem Roman Der große Fall spielen soll?

Handke: Ich hab manchmal richtig Angst vor mir, dass das mal passiert. Für nix und wieder nix. Dass ein Zitronenkernchen auf den Boden fällt, und das ist so glitschig, dass man’s nicht aufheben kann, und man zündet das ganze Haus an.

ZEIT: Bei Ihnen wurde eingebrochen vor ein paar Monaten. Waren Sie da zornig?

Handke: Eigentlich nicht. Nichts wurde gestohlen, und das ganze Zeug lag offen da, die Briefe und Bücher. Ich fand dadurch Sachen wieder, die ich längst verloren geglaubt hatte.

ZEIT: Es war das dritte Mal, dass bei Ihnen eingebrochen wurde. Hat Sie das nicht bewogen, das Haus zu verlassen?

Handke: Na, das war das dritte Mal in 25 Jahren! Alle acht Jahre – das geht.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass reiche Menschen unernst, im Grunde gar nicht richtig "da" seien. Jetzt bekommen Sie den am höchsten dotierten aller Theaterpreise, den Ibsen-Preis.

Handke: Aber das macht, auf Deutsch gesagt, das Kraut nicht fett.

ZEIT: Sie haben mit dem Geld was vor?

Handke: Ja, es gibt die serbische Enklave im Kosovo, wo ich einmal war, da war ich vor drei Wochen wieder und hab gefragt, was sie brauchen, und der italienische Franziskanermönch, der dort arbeitet, ein feiner Mensch, hat mir gesagt, er fände schon seit langer Zeit, die Kinder im Dorf brauchten ein Schwimmbad.

ZEIT: Und das wollen Sie stiften?

Handke: Ja. Mit einer Pizzeria daneben.

ZEIT: Hätte Reichtum dazu führen können, dass Ihnen nichts mehr gelungen wäre?

Handke: Dass jemand mit Schreiben reich wird, heißt nicht zwangsläufig, dass er auch ein Idiot wird. Aber die Gefahr besteht. Ich find es schon eine furchtbare Last, mit Banken umzugehen. Die denken, das ist der Sinn des Lebens, dass ich ihre Scheißauszüge seh. Und dann geh ich immer Verträge ein und tu so, als würd ich alles mit Aufmerksamkeit studieren, und wenn man mich eine Stunde später fragen würde, was ich unterschrieben habe – ich wüsste es nicht. Das ist eine Schweinerei, dass man mit Geld umgehen muss, um es nicht zu verlieren!

ZEIT: Selbst wenn man Geld hat, kann es Ursache von Zorn sein?

Handke: Meine Grundeigenschaft ist eigentlich die Dankbarkeit. Wenn ich bei Sinnen bin. Manchmal bin ich nicht bei Sinnen, und dann bin ich undankbar. Dann entsteht der Zorn.

ZEIT: Können Zorn und Dankbarkeit gleichzeitig auftreten?

Handke: Nein. Das heißt: Im Formulieren des Zorns kann ich dialektisch meine Dankbarkeit ausdrücken – Dankbarkeit für die Momente, die der andere, auf den ich zornig bin, mir gegönnt hat. Ich komm drauf, was der mir eigentlich Gutes getan hat – im Zorn.

ZEIT: Aber es besteht die Gefahr, dass man den anderen in dieser Zornesehrlichkeit verliert?

Handke: Na ja, bei mir auf jeden Fall. Dass ich die Grenzen überschreite.

ZEIT: Merken Sie, wenn das rote Licht leuchtet und Sie zu weit gehen? Dass Sie dann grade dabei sind, jemanden zu verlieren?

Handke: Ja.

ZEIT: Aber man wütet trotzdem weiter?

Handke: Mhh.

ZEIT: Weil es in dem Moment wahrhaftig ist?

Handke: Es ist dann eigentlich nicht mehr wahrhaftig. Dann ist es auch nicht mehr Zorn, dann ist es Verachtung, und das ist scheußlich. Hass und Verachtung ist das Unfruchtbarste, was es gibt. Verachtung ist mein Grundproblem.

ZEIT: Die gar nicht viel mit der betreffenden Person zu tun hat?

Handke: Nein, das ist eine Grundverachtung, fast in dem Sinn von Sartres Ekel.

ZEIT: Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Verachtung und Hanekes kaltem Weltblick?

Handke: Der hat keine Verachtung. Wenn er doch wenigstens Verachtung hätte! Aber er traut sich ja gar nicht, zu verachten. Ich leider schon. Ich kann nicht umhin, dich zu lieben, sagt Hamlet zu Ophelia in einer schönen Shakespeare-Übersetzung, die ich mal las. Und ich kann nicht umhin, zu verachten. Leider.

ZEIT: Verschwindet die Verachtung wieder?

Handke: Die ist dann auch wieder weg, natürlich. Die ist auch völlig unvernünftig – nicht im guten Sinne unvernünftig, sondern einfach völlig bescheuert. Unbedacht. Bedenkenlos. Von Sinnen. Aber jetzt hören wir auf. Ich bin ja hier nicht beim Psychologen. Ich bin immer noch nicht durchgehend, und Gott bewahr mich davor, ich bin nicht durchgehend der Souverän meiner selbst. Ich kann nur stabil sein, wenn ich mich aufrufe zu mir selbst. Seltsamerweise bin ich panisch, wenn die Welt stabil ist, und stabil, wenn die Welt panisch ist.

ZEIT: Das hieße aber, dass, wenn es irgendwo brennt und ein Ernstfall eintritt, Sie das Richtige tun und ruhig werden?

Handke: Das ist genau so. Dann, würde ich sagen, erwache ich zu mir.

ZEIT: Kann es sein, dass Sie sich insgeheim Momente der Eskalation wünschen?

Handke: Wie Sie sagen: dann könnte man dazu kommen, sich den Krieg zu wünschen. Manchmal war das so. In meinem Stück Über die Dörfer sagt einer: Wann kommt denn jetzt endlich der Krieg? Damit ich nicht mehr allein bin mit mir.