ZEIT: Ich frage so ausführlich nach ihm, um zu verstehen, wo Sie den Unterschied zu sich selbst sehen.

Handke: In einem Wort: Der ist ein Könner. Ich bin überhaupt kein Könner. Er ist aber ein unangenehmer Könner. Ich mag keine Könner.

ZEIT: Woran erkennen Sie einen Könner?

Handke: Er weiß genau: in welchem Moment muss ich welche Wirkung erzielen.

ZEIT: Ein Könner ist ein Rechner?

Handke: Man kann nicht können in der Kunst! Früher hat man gesagt, Kunst kommt vom Können. Aber Kunst kommt vom Lassen. Kunst bedeutet: das tun, was man nicht kann. Ich bin nicht dafür, dass man das Kindliche vor sich herträgt, aber in einem gewissen Sinn ist ein Künstler ein Kind.

ZEIT: Ist er auch ein Hochstapler?

Handke: Ja. Man stapelt hoch, und im Hochstapeln erwischt man doch eine Wahrhaftigkeit. Schon sich hinzusetzen und zu sagen, ich schreib jetzt ein Theaterstück, ich schreib jetzt einen Scheißroman oder irgendsowas! Schon sich hinzusetzen und zu schreiben: "Die Jefferson Street ist eine stille Straße in Providence" – so wie mein Roman Der kurze Brief zum langen Abschied anfängt –, ist eine Hochstapelei. Aber weil man der Gefangene der Hochstapelei ist, geht man in ihr weiter – und plötzlich entsteht aus der Hochstapelei eine Realität, die herrlicher ist als jede tägliche Realität. Vielleicht muss man statt Hochstapelei eher sagen: Tabubruch.

ZEIT: Worin liegt der Tabubruch?

Handke: Im Schreiben. Heutzutage schreibt jeder mühelos und kriegt den Deutschen Buchpreis, und ich seh sofort, es ist alles Gewäsch, alles gemacht. Dass heut alle schreiben, manchmal denk ich, daran bin ich schuld. Die haben damals mich gesehen, Bilder von mir in Princeton und so, und haben sich gedacht: Wenn dieser Arsch das kann, kann ich es auch. Aber für mich ist es ein gewaltiges Tabu, eine Frechheit, zu schreiben! Eine stille Frechheit.

ZEIT: Gibt es Momente, wo Sie denken, Sie erfassen schreibend das Leben eines anderen Menschen?

Handke: Manchmal beim Gehen durch die Stadt weiß ich plötzlich alles von einer Person, die mir begegnet – für drei Sekunden.

ZEIT: Ein bisschen wie der Erzähler aus Poes Mann der Menge? Der geht dann aber einem bestimmten Menschen hinterher, den er in der Menge entdeckt hat, und verfolgt ihn für Stunden.

Handke: Das hab ich auch öfter gemacht, früher.

ZEIT: Auch hier in Chaville?

Handke: Hier nicht. Hier fällt es zu sehr auf.

ZEIT: Wird Bestand haben, was Sie schreiben?

Handke: Es ist schon die Gegenwart schwierig. Ich bild mir ein, dass ich immer noch schöne Sachen mache. Aber es dringt irgendwie nicht mehr durch.

ZEIT: Aber so ist das heute, oder? Da kann auch ein Komet vom Himmel fallen, und er ist nach drei Tagen kein Thema mehr.

Handke: Für ein bisschen mehr als diese drei Tage reicht meine Zuversicht noch. Aber manchmal denk ich, es ist aus mit der Literatur. Und dann denk ich: Nein, das geht nicht, das kann nicht verschwinden. Die Sachen, die aus der Begeisterung gemacht sind, aus dem Formbewusstsein – das kann nicht vergehen!

ZEIT: Vermutlich ist jene Zeit vorbei, als die ganze Kulturszene in Habachtstellung ging, wenn bei Suhrkamp ein neuer Handke erschien.

Handke: Vielleicht war das damals eine große Ausnahmezeit. Andererseits: Ich lese gerade eine Mörike-Biografie, und ich lerne, jede Kleinigkeit von ihm, weit über das Schwabenland hinaus, wurde mit Jubel empfangen. Es hat ein Echo gefunden im schönsten Sinn. Aber heute? Da gibt’s ein paar Spinner noch, die einem schreiben, wenn ein Buch draußen ist. Aber immer die gleichen inzwischen. Es kommen gar keine anderen mehr dazu.

ZEIT: Kommen junge Autoren von Rang dazu?

Handke: Als ich damals den Preis der Mülheimer Theatertage bekam, für Immer noch Sturm, lernte ich viele junge Dramatiker kennen, die auch nominiert waren. Die waren alle ganz aufmerksam und fein und vif und fast zu witzig formulierend, aber ich hatte den Eindruck, dass die überhaupt keinen Dämon haben. Ich würd schon sagen, dass ein Schreiber ein Dämon ist – auch im guten Sinn, wie die Griechen sagen, der oi daimon, der Gute. Man muss doch wenigstens fingieren, dass man das Äußerste, das Universelle erreichen kann. Ohne das würde man doch gar nicht anfangen, den Wahnwitz des Schreibens zu betreiben, oder? Sonst würd man ja ... (Handke spricht jetzt mehr zu sich selbst, murmelnd) ... na ja, Blödsinn, hör mer auf ...

ZEIT: Sonst würde man rausgehen auf die Straße? Den Amoklauf wirklich beginnen, den der Schauspieler in Ihrem Roman Der große Fall spielen soll?

Handke: Ich hab manchmal richtig Angst vor mir, dass das mal passiert. Für nix und wieder nix. Dass ein Zitronenkernchen auf den Boden fällt, und das ist so glitschig, dass man’s nicht aufheben kann, und man zündet das ganze Haus an.

ZEIT: Bei Ihnen wurde eingebrochen vor ein paar Monaten. Waren Sie da zornig?

Handke: Eigentlich nicht. Nichts wurde gestohlen, und das ganze Zeug lag offen da, die Briefe und Bücher. Ich fand dadurch Sachen wieder, die ich längst verloren geglaubt hatte.

ZEIT: Es war das dritte Mal, dass bei Ihnen eingebrochen wurde. Hat Sie das nicht bewogen, das Haus zu verlassen?

Handke: Na, das war das dritte Mal in 25 Jahren! Alle acht Jahre – das geht.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass reiche Menschen unernst, im Grunde gar nicht richtig "da" seien. Jetzt bekommen Sie den am höchsten dotierten aller Theaterpreise, den Ibsen-Preis.

Handke: Aber das macht, auf Deutsch gesagt, das Kraut nicht fett.