ZEIT: Sie haben mit dem Geld was vor?

Handke: Ja, es gibt die serbische Enklave im Kosovo, wo ich einmal war, da war ich vor drei Wochen wieder und hab gefragt, was sie brauchen, und der italienische Franziskanermönch, der dort arbeitet, ein feiner Mensch, hat mir gesagt, er fände schon seit langer Zeit, die Kinder im Dorf brauchten ein Schwimmbad.

ZEIT: Und das wollen Sie stiften?

Handke: Ja. Mit einer Pizzeria daneben.

ZEIT: Hätte Reichtum dazu führen können, dass Ihnen nichts mehr gelungen wäre?

Handke: Dass jemand mit Schreiben reich wird, heißt nicht zwangsläufig, dass er auch ein Idiot wird. Aber die Gefahr besteht. Ich find es schon eine furchtbare Last, mit Banken umzugehen. Die denken, das ist der Sinn des Lebens, dass ich ihre Scheißauszüge seh. Und dann geh ich immer Verträge ein und tu so, als würd ich alles mit Aufmerksamkeit studieren, und wenn man mich eine Stunde später fragen würde, was ich unterschrieben habe – ich wüsste es nicht. Das ist eine Schweinerei, dass man mit Geld umgehen muss, um es nicht zu verlieren!

ZEIT: Selbst wenn man Geld hat, kann es Ursache von Zorn sein?

Handke: Meine Grundeigenschaft ist eigentlich die Dankbarkeit. Wenn ich bei Sinnen bin. Manchmal bin ich nicht bei Sinnen, und dann bin ich undankbar. Dann entsteht der Zorn.

ZEIT: Können Zorn und Dankbarkeit gleichzeitig auftreten?

Handke: Nein. Das heißt: Im Formulieren des Zorns kann ich dialektisch meine Dankbarkeit ausdrücken – Dankbarkeit für die Momente, die der andere, auf den ich zornig bin, mir gegönnt hat. Ich komm drauf, was der mir eigentlich Gutes getan hat – im Zorn.

ZEIT: Aber es besteht die Gefahr, dass man den anderen in dieser Zornesehrlichkeit verliert?

Handke: Na ja, bei mir auf jeden Fall. Dass ich die Grenzen überschreite.

ZEIT: Merken Sie, wenn das rote Licht leuchtet und Sie zu weit gehen? Dass Sie dann grade dabei sind, jemanden zu verlieren?

Handke: Ja.

ZEIT: Aber man wütet trotzdem weiter?

Handke: Mhh.

ZEIT: Weil es in dem Moment wahrhaftig ist?

Handke: Es ist dann eigentlich nicht mehr wahrhaftig. Dann ist es auch nicht mehr Zorn, dann ist es Verachtung, und das ist scheußlich. Hass und Verachtung ist das Unfruchtbarste, was es gibt. Verachtung ist mein Grundproblem.

ZEIT: Die gar nicht viel mit der betreffenden Person zu tun hat?

Handke: Nein, das ist eine Grundverachtung, fast in dem Sinn von Sartres Ekel.

ZEIT: Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Verachtung und Hanekes kaltem Weltblick?

Handke: Der hat keine Verachtung. Wenn er doch wenigstens Verachtung hätte! Aber er traut sich ja gar nicht, zu verachten. Ich leider schon. Ich kann nicht umhin, dich zu lieben, sagt Hamlet zu Ophelia in einer schönen Shakespeare-Übersetzung, die ich mal las. Und ich kann nicht umhin, zu verachten. Leider.

ZEIT: Verschwindet die Verachtung wieder?

Handke: Die ist dann auch wieder weg, natürlich. Die ist auch völlig unvernünftig – nicht im guten Sinne unvernünftig, sondern einfach völlig bescheuert. Unbedacht. Bedenkenlos. Von Sinnen. Aber jetzt hören wir auf. Ich bin ja hier nicht beim Psychologen. Ich bin immer noch nicht durchgehend, und Gott bewahr mich davor, ich bin nicht durchgehend der Souverän meiner selbst. Ich kann nur stabil sein, wenn ich mich aufrufe zu mir selbst. Seltsamerweise bin ich panisch, wenn die Welt stabil ist, und stabil, wenn die Welt panisch ist.

ZEIT: Das hieße aber, dass, wenn es irgendwo brennt und ein Ernstfall eintritt, Sie das Richtige tun und ruhig werden?

Handke: Das ist genau so. Dann, würde ich sagen, erwache ich zu mir.

ZEIT: Kann es sein, dass Sie sich insgeheim Momente der Eskalation wünschen?

Handke: Wie Sie sagen: dann könnte man dazu kommen, sich den Krieg zu wünschen. Manchmal war das so. In meinem Stück Über die Dörfer sagt einer: Wann kommt denn jetzt endlich der Krieg? Damit ich nicht mehr allein bin mit mir.