Ein Gespräch mit Peter Thiel ist wie eine Reise in eine andere Galaxie. Die Antworten entstammen dem Stern eines freiheitsliebenden Internet-Milliardärs, der aber auch ein hochpolitischer Mensch ist und seine im Silicon Valley gewonnenen Einsichten auf die Gesellschaft hochrechnet.

Seine Neugier, seine Lust am politisch Inkorrekten, seine Fähigkeit, zwischen den Denkebenen hin- und herzuspringen – all das gehört zu Thiels Mosaik vom besseren Kapitalismus. Um es zu verstehen, muss man nicht bei seinen Antworten anfangen, sondern bei ihm selbst.

Bei Peter Thiel, 46, kam der entscheidende Bruch im Leben gerade noch früh genug. Er fand nicht statt, als er ein Jahr alt war und seine Eltern mit ihm von Deutschland in die USA auswanderten. Vielmehr erwies er sich dort als glänzender Schachspieler und als Einserschüler. Peter Thiel besuchte eines der besten Colleges, Stanford im Herzen des Silicon Valley. Er lernte Philosophie und wurde später zum Spitzenjuristen, der hoffen durfte, am obersten Gerichtshof der USA als Referendar einzusteigen. Mehr ging nicht. Zwei führende Richter dort wollten den libertären Nachwuchsmann haben, das Vorstellungsgespräch lief gut – und dann wurde Peter Thiel abgelehnt. Das war der Bruch.

So kam es, dass Peter Thiel in den späten Neunzigern zurück ins Silicon Valley ging. Der Rest ist Technologiegeschichte.

Mit Gleichgesinnten gründete Thiel das Online-Bezahlsystem PayPal. Nachdem das Unternehmen mit dem ärgsten Konkurrenten fusioniert hatte, war es nicht mehr zu schlagen. Thiel wurde reich und berühmt. Als Gründer, als Geldgeber und Fondsmanager. Sein größter Coup: Er war der erste Investor bei Facebook, dem Sozialen Netzwerk. Sein neuester Coup: Er hat gemeinsam mit einem Studenten ein Buch darüber geschrieben, wie man Start-ups gründet – und darüber, wie die Menschen im Westen ihren lahm gewordenen Kapitalismus wieder flottbekommen, wenn sie die festgefügten Glaubenssätze ihrer Umwelt infrage stellen. Zero to One erscheint jetzt auf Deutsch.

Man kann Peter Thiel vorwerfen, dass er Einsichten aus der Tech-Welt auf die ganze Welt anwendet. Das nimmt seinen Gedanken aber nicht ihre herausfordernde Kraft – zumal er in der Lage ist, seinen eigenen Werdegang zu hinterfragen.

Im Gespräch kritisiert er sein angepasstes, früheres Selbst: "Im Alter von 18 bis 28 war ich Teil dieser US-Elite mit ihren unglaublich festgelegten Wegen. Ich ging nach Stanford, arbeitete in einer der besten Anwaltskanzleien und in einer Wall-Street-Bank. Und dieser Ansatz führte paradoxerweise dazu, dass ich mich einer Menge Zufällen aussetzte. Ständig konkurrierten wir um dieselben Jobs. Vielleicht bekamen wir sie, vielleicht nicht. Und so kontrolliert der Werdegang aussah, dachten wir doch nicht viel über die eigene Zukunft nach." Er hätte damals Fragen stellen sollen, meint Peter Thiel heute: "Warum bewarb ich mich überhaupt am obersten Gerichtshof? Bloß weil es so viel Prestige versprach? Und wenn ich den Job bekam, wohin würde das führen? Damals ging es vor allem darum, eine Qualifikation nach der anderen zu erwerben."

Vielleicht wäre es anders gelaufen, hätte es damals schon das Thiel-Stipendium gegeben: Gleich nach der Finanzkrise hat er je 100.000 Dollar für 20 Leute unter 20 Jahren ausgelobt, die erst mal nicht studieren, sondern eine Idee verfolgen wollen, die nicht warten kann. So aber dauerte es eine Weile, bis Thiel seinen Weg fand. Bis er verstand, was seines Erachtens mit der heutigen Welt nicht stimmt: Die Masse lässt sich zu sehr vom Zufall gefangen nehmen. "Ich behaupte nicht, es gäbe keinen Zufall und kein Glück", sagt er. "Aber wenn wir sagen, dass Zufall alles regiert, dann leugnen wir unsere eigene Verantwortung."

Das bringt den Zuhörer gleich zum Kern des Buches. Ob Peter Thiel nun über den richtigen Werdegang schreibt oder berichtet, wie Jungunternehmer und ihre Investoren den Sprung zum Erfolg schaffen, ob er die Politik oder die Bildung kritisiert: Am Ende geht es ihm darum, dass die handelnden Menschen sich nicht zum Spielball des Zufalls erklären, sondern das, was sie beeinflussen können, gestalten – eigentlich ein sehr deutscher Ansatz, findet Thiel: gut planen und organisieren!