Stefan, der Tiger, kommt gerade von einem Kunden. Wie immer trägt er ausgelatschte Vans-Stoffschuhe, eine beigefarbene Handwerkerhose und ein blaues Käppi. Das ist sein Putzoutfit. Seit April arbeitet Stefan für die Online-Reinigungsvermittlung Book a Tiger, vier bis fünf Stunden täglich wischt er den Staub von Berliner Wohnzimmerregalen, schrubbt gegen Kalkflecken in Badezimmern an und wischt Fußböden. Die Kunden zahlen dafür 15 Euro pro Stunde, Book a Tiger kassiert davon 3 Euro als Vermittlungsgebühr, 12 Euro bekommt Stefan. Der Stundenlohn, sagt Stefan, habe ihn aufmerksam werden lassen. "Das Konzept", sagt er, "finde ich gut."

Reinigungskräfte online zu vermitteln ist ein Markt, den Start-ups gerade für sich entdecken. Dass sich dieses Geschäft lohnt, zeigt das Vorbild Homejoy, das 2012 in den USA startete und Anfang 2014 von Google und anderen Investoren 38 Millionen Dollar bekam, um nach Europa zu expandieren. Seit diesem Sommer bietet Homejoy seinen Vermittlungsservice auch in Deutschland an – und ist damit längst nicht mehr allein: Die Mitbewerber heißen Book a Tiger, Helpling oder Clean Agents. Der Markt scheint vielversprechend, Schätzungen zufolge arbeiten 90 Prozent der Haushaltshilfen in Deutschland schwarz. 90 Prozent, die man in die Legalität holen und an denen man verdienen kann. Selbst das Bundesfamilienministerium überlegte, mit einer Vermittlung einzusteigen – hat die Idee jedoch inzwischen verworfen.

Im April hatte Stefan einen Abreißzettel an einem Laternenmast in Prenzlauer Berg gesehen: "Tiger gesucht". Am nächsten Tag stellte er sich bei Book a Tiger vor. Stefan hatte bis dahin Büros gereinigt, immer zwei Etagen, immer dreieinhalb Stunden Zeit. "Das war kaum zu schaffen", sagt Stefan. Sieben Euro Stundenlohn bekam er dafür.

Wie bei jedem Start-up arbeiten bei Book a Tiger vor allem Leute um die 30, Leute, die einen sofort duzen. Stefan gefiel das. "Ich wurde dort von Anfang an als Mensch behandelt", sagt er. Stefan ist 34 und jemand, dem man ansieht, dass er schon vieles erlebt hat. Als gelernter Kommunikationselektroniker machte er irgendwann Transferfahrten für eine Autovermietung, Paris, Barcelona, davon erzählt er noch heute. Anschließend fuhr er Medizintechnik durch Deutschland. Dann begann er zu putzen.

Die Büros von Book a Tiger liegen in Berlin-Mitte, gleich neben dem Landessitz der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Das Firmenschild am Eingang ist noch nicht montiert, das Unternehmen ist wenige Monate alt, die 25 Mitarbeiter sitzen erst seit Kurzem hier. Book a Tiger heißt so, weil man eine "coole Marke" schaffen will, bei der man nicht ans Putzen denkt. Die Firma will in Zukunft auch Hilfskräfte für andere Dienste vermitteln, etwa zum Möbelaufbauen. Nikita Fahrenholz, der Chef, trägt an diesem Tag das schwarze Firmen-T-Shirt, das auch Stefan anzieht, wenn er zu Kunden fährt. Fahrenholz hat den Essenslieferservice Delivery Hero mit gegründet, nun will er den Reinigungsmarkt aufmischen. "Wir gehen gerade ein Thema an, bei dem jährlich Milliarden umgesetzt werden, alles schwarz abgewickelt", sagt er. "Das ist wahnsinnig spannend."

In acht deutschen Städten, unter ihnen Berlin, Düsseldorf und München, ist Book a Tiger präsent, pro Monat sollen fünf bis zehn weitere Städte folgen. Bevor das Unternehmen Leute wie Stefan in die Kartei aufnimmt, werden sie interviewt, anschließend müssen sie ein Quiz bestehen, abgefragt wird unter anderem das Vier-Farben-System (der Lappen fürs WC hat eine andere Farbe als der für die Einrichtungsgegenstände). Zum Schluss wird ein Probeputzen veranstaltet, manchmal in der Wohnung von Fahrenholz.

Wie viele Aufträge Stefan annimmt, kann er selbst entscheiden. Hat ein Kunde online eine Anfrage verschickt, bekommen alle Tiger eine SMS mit den Details, bei Interesse müssen sie antworten. Wer am schnellsten ist, bekommt eine Bestätigung, wieder per SMS. Stefan äußert sich ausschließlich positiv über Book a Tiger. Vielleicht, weil ihn der Chef für das Gespräch mit der Journalistin ausgewählt hat. Im Internet ist er auf vielen Unternehmensfotos zu sehen, sie sind mit "Tigers at work" betitelt.

Die Putzkräfte haben Gewerbescheine und schreiben Rechnungen. Das unterscheidet die Putzvermittler von Portalen wie Airbnb oder Uber, die Dienstleistungen vom formellen Sektor – Hotels, Taxibetriebe – in den informellen bewegt haben und sich in einer Grauzone bewegen.

Claudia, 32, dunkelrote Nägel und kurze Haare, ist kein Tiger, sondern ein Helpling, so heißen die Putzkräfte bei der Firma Helpling. Auf der Unternehmenshomepage lächelt sie mit den Gründern Benedikt Franke und Philip Huffmann um die Wette, "Jetzt Helpling werden und Aufträge sichern!" steht darüber.