Ralf Rangnick, Sportdirektor von RB Leipzig und RB Salzburg © Ronny Hartmann/Getty Images

DIE ZEIT: Die neue Bundesligasaison ist noch jung, aber ein Spielverderber ist bereits gefunden – RB Leipzig, für den Sie als Sportdirektor verantwortlich sind. RB Leipzig könne nur wegen eines uferlosen Kreditrahmens gewinnen, den Getränkemilliardär Dietrich Mateschitz Ihnen zur Verfügung stelle, heißt es. Trifft Sie der Vorwurf, der 2009 gegründete Verein sei ein neureiches Kunstprodukt?

Ralf Rangnick: Ich könnte es mir einfach machen und darauf hinweisen, dass der FC Bayern München auch nicht jedem gefällt. Aber ich gebe zu, an unserem Verein entzündet sich gerade der schon lange schwelende Konflikt, wie viel Tradition braucht der Fußball – und wie viel Kommerzialisierung ist erlaubt? Da müssen wir offenbar gerade als Speerspitze herhalten. Dabei gibt es eigentlich gar keinen Profiverein mehr, bei dem diese Kommerzialisierung nicht auch schon längst Einzug gehalten hat. Kurios wird es dann, wenn Fans von Clubs wie dem FC Ingolstadt oder 1860 München oder dem VfR Aalen in den Chor dieser Kritiker einstimmen. Diese Vereine gäbe es beispielsweise auf der sportlichen Landkarte gar nicht mehr, wenn sich Investoren nicht bei ihnen engagiert hätten.

ZEIT: Es geht also gerecht zu in der Branche?

Rangnick: So weit gehe ich nicht. Wenn Fans anderer Vereine uns mit Argusaugen betrachten, dann kann ich das verstehen. Wir sind privilegiert, das wissen wir. Aber wir haben einen authentischen und nachhaltigen Plan. In der aktuellen Leipziger Mannschaft spielen noch sechs Spieler, die bei uns damals in der Fünften Liga aufgelaufen sind. Es sind auch noch zehn Mann dabei, die im vergangenen Jahr in der Dritten Liga gespielt haben.

ZEIT: Es heißt, Ihre Scouts grasten den ganzen Osten nach Talenten ab.

Rangnick: Es wäre ein großer Fehler, dies nicht zu tun, denn dies tun alle anderen Vereine auch.

ZEIT: Die jungen Kräfte kommen gerne, weil sie wissen, bei RB Leipzig ist Geld in der Kasse?

Rangnick: Wer so denkt, der ist für uns nicht der richtige Spieler, und den verpflichten wir dann auch nicht. Ich muss Bescheidenheit spüren. Ich achte auf den Händedruck. Wie schaut mich der Spieler an, an dem wir interessiert sind? Wie ist sein Elternhaus? Hat er Geschwister, wie spricht er über sie? Nach einer Stunde ergibt sich dann ein Gesamteindruck. Wir wollen nicht der letzte Arbeitgeber in einer ausklingenden Karriere sein. Deshalb holen wir hochtalentierte junge Spieler, die bei uns ihren ersten oder maximal zweiten Profivertrag unterschreiben und die sich bei uns weiterentwickeln wollen. Jugendlichkeit ist für mich inzwischen ein Qualitätsmerkmal geworden.

ZEIT: Sie waren Trainer bei Schalke 04 in Gelsenkirchen, mehr Tradition geht nicht. Wann hat man eigentlich genug von all den Geschichten von gestern und vorgestern?

Rangnick: Schalke ist ein besonderer Fall, da kommen 5.000 Fans zum Training. Es ist schon eine außergewöhnliche Identifikation, die da stattfindet. Schalke ist ein überregionales Phänomen.

ZEIT: Hat es in Ihrem Leben eigentlich ein fußballerisches Erweckungserlebnis gegeben?

Rangnick: Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich mich als kleiner Junge nie nach dem Ball gebückt habe, ich habe gegen ihn getreten, als ich gerade dabei war, laufen zu lernen. In meiner Erinnerung gibt es nur ein Leben mit dem Ball. Mit sechs hat mich mein Vater bei meinem Heimatverein angemeldet, weil ich davor schon teilweise drei oder vier Jahre ältere Freunde in Mannschaften eingeteilt und ihnen Kommandos erteilt hatte. Das Lehrer- oder Trainer-Gen war offenbar schon früh bei mir ausgeprägt.

ZEIT: Hatten Sie Vorbilder?

Rangnick: Sicher war es Günter Netzer, sein Buch Rebell am Ball habe ich zur Konfirmation geschenkt bekommen. Wenn wir auf der Straße gespielt haben, wollte ich meist Günter Netzer oder Johan Cruyff sein. Später haben mich vor allem Trainer inspiriert, die nicht nur darauf aus waren, gegnerische Spieler in Manndeckung auszuschalten. Als ich im Alter von 25 Jahren meine erste Station als Spielertrainer antrat, gab es in Deutschland kaum einen Trainer, bei dem ich meine Vorstellung von Fußball wiederfand. Deshalb habe ich mich eher im Ausland orientiert und dort Trainer wie Arrigo Sacchi vom AC Mailand oder Valeri Lobanowski von Dynamo Kiew bewundert und deren Arbeit intensiv verfolgt. Das waren die Vorreiter der ballorientierten Raumdeckung, des Pressings auf dem ganzen Platz. Ich erinnere mich an ein Testspiel gegen die Mannschaft von Kiew, bei dem ich nach zehn Minuten die gegnerischen Spieler durchgezählt habe. Ich war überzeugt davon, dass sie zwei Mann mehr hatten.