In den kommenden Wochen wird Ihnen die Geschichte von Lena begegnen. Vielleicht wird es auch die Geschichte von Lisa-Marie, Tobias oder Peregrin sein. Aber die Geschichte wird immer in etwa so gehen: Lena muss jeden Tag länger in die Schule, als mancher Erwachsene arbeitet. Sie hat keine Zeit für Sport, Musik, Familie, Freunde oder einfach nur Muße. Sie muss Unmengen an Stoff in sich hineinfressen und in Prüfungen wieder absondern, und doch bleibt am Ende nichts hängen. Lena hat keine Freude am Leben und keine Zeit für persönliche Entwicklung. Schuld ist das Turbo-Abi.

Diese Geschichte werden Ihnen die Vertreter der Bürgerinitiative G9-Jetzt-HH erzählen. Bis zum 8. Oktober sammeln sie Unterschriften, um an Hamburger Gymnasien neben dem Abitur nach zwölf Jahren das nach dreizehn Jahren einzuführen. Knapp 63.000 müssen es werden, damit es im kommenden Jahr zum Volksentscheid kommt.

Das Problem an dieser Geschichte ist: Sie klingt plausibel, ist aber ein Mythos. Es gibt keinen Beleg dafür, dass es Lena besser ginge, wenn sie ein Jahr länger in der Schule wäre.

Das Erstaunliche an der G-9-Debatte ist die gewaltige Differenz zwischen gefühlter Wahrheit und den Fakten. Fast 80 Prozent der Eltern deutschlandweit wollen, dass ihr Kind wieder 13 Jahre Zeit bis zum Abitur bekommt, das hat erst in der vergangenen Woche wieder eine Befragung gezeigt. Und das rüttelt in vielen Ländern an dem erst vor wenigen Jahren eingeführten G-8-Modell. Niedersachsen hat es als "Irrweg" wieder abgeschafft. Hessen hat die Wahlfreiheit eingeführt. In NRW und Schleswig-Holstein sind einzelne Gymnasien auf das alte System umgestiegen. In mehreren Bundesländern gibt es G-9-Elterninitiativen.

Als Kronzeugen führen die Eltern Kinderärzte und Psychotherapeuten an, die über die starke Belastung und einen Anstieg der Fälle berichten. Sie lassen Sportfunktionäre und Musikschullehrer erklären, dass die Kinder keine Zeit mehr für Hobbys hätten. Sie verweisen auf Professoren, die anhand von Einzelbeispielen aus Hausarbeiten von Studenten oder anhand von Abituraufgaben den Bildungsverfall beklagen. Eines haben diese Kronzeugen gemein: Sie berichten von persönlichen Erlebnissen und Einzelfällen. Man meint regelrecht zu spüren, wie der Druck auf die Kinder steigt.


Wer aber nach stichhaltigen Beweisen für die Thesen sucht, stellt fest: G-8-Schüler sind nicht dümmer, nicht gestresster, nicht weniger gesund. Und sie haben auch nicht weniger Freizeit.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat ergeben, dass heute mehr Jugendliche in ihrer Freizeit Musik machen, Sport treiben, Theater spielen oder ein Ehrenamt ausüben als vor einigen Jahren.

Eine Forschergruppe aus Tübingen fand heraus, dass G-8-Schüler pro Woche eine halbe Stunde weniger Zeit für Freunde und 15 Minuten weniger Zeit für Nebenjobs haben als G-9-Schüler. Sie nehmen sich aber mehr Zeit für Orchester, Sport, Computer und ihre Eltern.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In einer Befragung der Universität München klagte die Mehrzahl der Gymnasiasten über regelmäßige Kopfschmerzen. Bei der Stressbelastung ließ sich aber kein Unterschied zwischen G-8- und G-9-Schülern feststellen.

An der Universität Duisburg-Essen wurden Erstsemester gefragt, wie gut sie auf das Studium vorbereitet seien. Ergebnis: Kein Unterschied zwischen G-8- und G-9-Abiturienten.

An den Universitäten in Mannheim und Göttingen wurden Eingangstests in Mathematik ausgewertet. Keine Unterschiede.

Das heißt: Die subjektiven Klagen lassen sich objektiv nicht belegen.

Die vermeintliche Belastung hat auch keine abschreckende Wirkung: Seit der Einführung von G 8 ist die Zahl der Abiturienten in Hamburg um 70 Prozent gestiegen. Und die Anmeldezahlen für die Gymnasien steigen weiter.

Wie lassen sich die frappanten Unterschiede zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiv feststellbaren Fakten erklären?

Eine Antwort findet man im Leben der Eltern. Jeder zweite Arbeitnehmer klagt über starken Leistungsdruck, jeder fünfte fühlt sich regelmäßig überfordert. Das permanente Überlastetsein ist zu einer großen Erzählung geworden, gefestigt durch Magazintitel, Fachbücher und Talkshows. Dabei wird oft vergessen, dass dieses Problem nicht neu ist. Schon Goethe war besorgt über den Stress und die Belastungen der modernen Welt.