So wird aus einer Ohrfeige eine Liebeserklärung: Das Urteil des Frankfurter Landgerichts sei "ein wichtiger Schritt hin zur Anerkennung von Uber als innovative und legitime Bereicherung für die mobile Gesellschaft", verkündete Fabien Nestmann, Deutschlandchef des amerikanischen Unternehmens Uber am vergangenen Dienstag freudig. Da hatte das Frankfurter Landgericht dem Privatchauffeurdienst UberPop in einem Urteil gerade erlaubt, weiter auf Deutschlands Straßen fahren zu dürfen.

Doch das ist nur ein Scheinsieg gegen den Kläger, das deutsche Taxigewerbe. Die Klage scheiterte an juristischen Formalien. Nichts machte das deutlicher als die Kommentare des Vorsitzenden Richters Frowin Kurth. Der betonte im Prozess: Uber begehe "Anstiftung" zum Rechtsbruch und versuche, "das Gesetz zu umgehen". Den nächsten Prozess könnte Uber also leicht verlieren.

Sicher ist trotzdem schon jetzt: Auch dann wird das Unternehmen weitermachen. Es wird weiter Gelegenheitschauffeuren dabei helfen, über das Internet Kunden zu finden. Es wird sie weiter dazu animieren, durch die Gegend zu fahren, ohne dass dafür eine Genehmigung oder der Versicherungsschutz klassischer Taxis vorliegt. Und es wird darauf setzen, so einen immer größeren Teil der vier Milliarden abzubekommen, die hierzulande mit Taxis und Mietwagen umgesetzt werden.

Denn hinter Uber stecken Leute mit einfachen Grundsätzen beim Erobern von Märkten: einfach mal machen. Die Gesetze erst mal ignorieren. Schnell über das Netz viele neue Kunden gewinnen. Und wenn man erst groß genug ist, den Druck der Straße zu nutzen, damit die Politiker die Gesetze ändern.

Die Strategie stammt aus den USA. Hierzulande ist sie vielen Unternehmen noch fremd. Auch die deutsche Bevölkerung fremdelt mit diesem Ansatz. Eine große Mehrheit spricht sich gegen Uber aus, wie eine repräsentative Emnid-Umfrage für die ZEIT ergab. Demnach sind 73 Prozent der Befragten für ein Verbot von Uber.

© ZEIT-Grafik

Für Uber sind solche Konflikte fast schon Geschäftsgrundlage. "Fühl dich wohl bei Konfrontationen" sei einer seiner Grundsätze, sagte der 38-jährige Firmenchef Travis Cordell Kalanick vor einiger Zeit dem Wall Street Journal, beseelt von einer "Wer bremst, verliert"-Philosophie. Ähnlich machte das zuletzt Airbnb, ein Dienst, der private Zimmer via Internet vermittelt und seither die professionellen Hoteliers ärgert. Auch Facebook wurde groß, indem es zunächst Fakten schuf – und erst später und nur widerwillig auf Proteste von Nutzern oder Datenschützern einging.

Dass so etwas mit einem fein regulierten Wirtschaftssystem wie dem deutschen kollidiert, zeigt sich am Taxistreit nun ein weiteres Mal. Wieder stößt ein aggressiver Newcomer auf ein System mit vielen Schutzregeln. Wer dabei gewinnen wird, ist längst nicht entschieden.

Die Uber-Lobbyisten arbeiten jedenfalls auf vielerlei Wegen daran, Deutschland zu erobern. Ihr derzeit wichtigstes Ziel ist: das Personenbeförderungsgesetz "ans 21. Jahrhundert anzupassen", wie es aus dem Umfeld der Firma heißt. Im Klartext bedeutet das: Uber will, dass die Bundesregierung das Gesetz so umschreibt, dass es zur Firma passt. So, dass Uber-Fahrer künftig überall legal Kunden für ihre Autos einsammeln können. Nicht nur die Taxifahrer, die dafür eine Prüfung bestehen mussten. Gelänge das, wäre die Firma auch die lästigen Gerichtsprozesse weitgehend los.

Offiziell möchte bei Uber zwar niemand über dieses Thema sprechen. Doch wie das Unternehmen Einfluss nimmt, zeigt ein Meisterstück der Lobbyarbeit aus Ubers Heimat: In der US-Hauptstadt Washington startete am 4. Juli 2012 – dem symbolträchtigen amerikanischen Unabhängigkeitstag – der Chauffeurdienst UberPop. Nur Tage später wollte der Stadtrat die Fahrten mit Uber gegenüber Taxifahrten verteuern. Dann bat Firmenchef Kalanick die Crowd um Hilfe. Im Firmenblog rief er seine Anhänger dazu auf, Politikern die Meinung zu sagen. Er selbst könne es kaum glauben, "dass ein gewähltes Gremium entscheiden könnte, die Preise für Personentransport künstlich hochzuhalten". Tausende twitterten daraufhin mit dem Hashtag #UberDClove und bekundeten so ihre "Liebe" zu Uber. Politiker sollen außerdem mehrere Tausend Mails von Uber-Fans erhalten haben. Am nächsten Tag war der Vorschlag im Stadtrat vom Tisch.

Ubers wichtigster Lobbyist organisierte Obamas Wahlkampf

"Wir haben innerhalb von 18 Stunden richtig Donner gebracht", sagte Kalanick danach der New York Times , wo er sich auch als Kämpfer für die Demokratie ausgab. "Wir haben vielen Wählern eine Stimme gegeben. Menschen, die vorher niemals angehört worden wären." Uber kann also durchaus die große Bühne bespielen. Und Mehrheiten organisieren.