Lady Gaga in ihrem Video "Judas" © Universal

Und man wird seine Kritiker unweigerlich finden, denn eine potente Musikindustrie vertreibt die Produkte und die Parolen ihrer Stars als Genussartikel in der ganzen Welt. Damit wird der Einfluss von Popstars auf die geteilten Vorstellungen der Menschen eminent. Von ihnen geht ein Bild davon aus, was eine junge Frau ist und was sie will. Wie die erfolgreichsten unter ihnen dieser Verantwortung nachkommen, ist eine berechtigte Frage, die allerdings häufig ungeschickt gestellt wird.

Eine besonders plumpe Version ist die Interviewerfrage: "Wie halten Sie es mit dem Feminismus?" Hierzu einige Stimmen aus den Rängen der zurzeit meistfotografierten und meistkommentierten Frauen der Charts. Lana Del Rey sagte: "Ich finde das Konzept nicht so interessant." Statt der Möglichkeiten der Emanzipation beschäftige sie mehr, welche noch größeren Möglichkeiten der intergalaktische Raum bereithalte.

Taylor Swift beging den typischen Fehler sehr junger Frauen, zu glauben, es handele sich um eine Frage nach ihren Ambitionen: "Meine Eltern haben mich dazu erzogen, zu denken, wenn man genauso hart arbeitet wie die Jungs, bringt man es weit im Leben."

Die Queer-Theoretikerin J. Jack Halberstam berief sich auf Lady Gaga und wünschte sich einen "Gaga-Feminismus oder Feminismus der Täuschung, des Unwirklichen und Spekulativen, der zugleich ein monströser Auswuchs des instabilen Konzepts ›Frau‹ in der feministischen Theorie ist. Eine Feier der Verbindung von Weiblichkeit und Künstlichkeit und die Ablehnung der schnulzigen Sentimentalitäten, mit denen die Kategorie der Weiblichkeit angefüllt wird." Das klingt, als wäre Lady Gaga die Einlösung von etwas, das man sich in den achtziger Jahren schon von Madonna versprochen hat. Aber Lady Gaga selbst war unkooperativ: "Ich bin keine Feministin, ich liebe Männer, ich bejuble sie. Ich feiere die männliche Kultur Amerikas, Bier, Bars und dicke Autos." Wahrscheinlich ist sie einfach zu smart, um nicht zu wissen, dass die Affirmation des Bestehenden in der Kulturindustrie stets die siegreiche Haltung bleibt. Und Gaga geht damit exzessiv um, mit ihren riesigen Perücken, dem Kleid aus rohem Fleisch, das sie legendärerweise einmal trug. Sogar wenn sie fast nichts anhat, macht sie sich zur hyperbolischen Erfüllung der Erwartungen, die man traditionell an eine Entertainerin richtet. Dazu singt sie gespielt naiv, so sei sie halt geboren, nichts zu machen: "Don’t be a drag, just be a queen."

Die Königin ist nämlich in der Tat eine symbolische Figur, die weibliche Megastars auffallend häufig für sich beanspruchen, um ihre Souveränität auszudrücken. Sie sind die Herrscherinnen über ihre Bewunderer. Wie der "Körper des Königs" gehört ihr kostbarer Körper ihnen nicht alleine, sondern dem Publikum, das ihn begehrt. Man identifiziert sich mit ihnen, sie probieren stellvertretend für uns ihre Attitüden aus und stellen Rollen dar, die wir in abgeschwächter Form in unseren gewöhnlichen Alltag übernehmen können. Die Schultern zurück, die Köpfe hoch, schreiten dann viele Königinnen in ihre Büros.

Und hören dabei vielleicht zur Ermutigung die wispernde Nixe Banks, deren erstes Album Goddess gerade erst erschienen ist. Sie hat sich jetzt schon entsprechend in Positur geworfen, obwohl sie noch neu ist im Star-Geschäft der Frauen, die sich ideologische Haltungsnoten einfangen können. Liebende Frauen, fordert sie im Titelsong der Platte, gehören nicht stehen gelassen, sondern gekrönt, und zwar zur Göttin. Das ist eine leicht schiefe semantische Vermischung von königlichen und göttlichen Figuren, die besagt: Mädchen, ihr sollt an der Liebe nicht mehr leiden! Dreht dem treulosen Knaben eine Nase: sein Pech! Die Königinnen verteidigen sich selbst, und die Reiche ihrer Herzen sind unangreifbar geworden.

Zur Musterschülerin ihrer Klasse hat sich aber Beyoncé Knowles gemacht, spätestens bei den MTV Video Music Awards Ende August. Die Silhouette ihres schönen, disziplinierten Körpers hob sich schwarz vor den hinter ihr weiß und riesig leuchtenden Buchstaben ab: FEMINIST. Dazu liefen Ausschnitte aus ihrem Song Flawless, in dem sie Teile einer Rede der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie gesampelt hat. "Wir bringen Mädchen bei, dass sie keine sexuellen Wesen sein können, wie es Jungen sind", sagt Adichie. "Wir bringen Mädchen bei, sich kleiner zu machen. Wir sagen den Mädchen: Du darfst ehrgeizig sein, aber nicht zu sehr. Dein Ziel sollte es sein, Erfolg zu haben, aber nicht zu viel. Sonst wirst du für den Mann bedrohlich. Feminist ist eine Person, die an die soziale, politische und ökonomische Gleichheit der Geschlechter glaubt."