Soldaten der ukrainischen Armee in der Nähe von Luhansk © Maks Levin/Reuters

Dass sich der Fokus der großen Mächte auf die Lenkung und Überwachung der Flüsse von Kapital, Information und anderen Gütern verschieben würde, diese Tendenz ist für das 21. Jahrhundert seit Längerem prognostiziert worden. Man hatte freilich damit gerechnet, dass sich die Verschiebung der weltpolitischen Gewichte weitgehend auf dem Feld der Wirtschaft abspielen und kriegerischen Auseinandersetzungen nur eine marginale Rolle zukommen würde. Das dürfte eine allzu optimistische Prognose gewesen sein.

Der Krieg im Osten der Ukraine könnte stattdessen für eine Rückkehr des Krieges in das Ringen um die weltpolitische Ordnung sprechen; in ihm geht es noch einmal um die Verfügung über Territorien. Deswegen beunruhigt uns Europäer der Ukrainekrieg mehr als alle anderen Konflikte, eingeschlossen das Vordringen der IS-Milizen in Syrien und im Irak. In den Vereinigten Staaten werden dagegen die Akzente umgekehrt gesetzt: Hier spielt der Greater Middle East eine größere Rolle als die Ukraine. Darin deutet sich womöglich das Ende des "Westens" als geschlossen handelnder Akteur an.

Der Ukrainekrieg hat für uns nicht zuletzt darum Brisanz, weil in ihn eine Atommacht verwickelt ist, deren Verantwortlichkeit nur schwer zu fassen ist. Das liegt nicht nur an Wladimir Putins Undurchsichtigkeit, sondern auch an einer neuen Strategie: Hatten die Russen im Georgienkrieg, der auf den ersten Blick eine Reihe von Ähnlichkeiten mit dem Ukrainekrieg aufweist, noch auf ihre überlegenen Streitkräfte gesetzt, um den Waffengang innerhalb weniger Tage für sich zu entscheiden, so wenden sie nun eine spiegelverkehrte Strategie an: Sie unterstützen ihre Anhänger in der Ostukraine verdeckt und dosieren diese Unterstützung so, dass die ukrainischen Streitkräfte gegen die Separatisten nicht die Oberhand bekommen.

Sieht man genauer hin, so zeigt sich allerdings auch, dass im Georgien- und im Ukrainekrieg eines gleich bleibt: das russische Bestreben, nicht in die Rolle eines Angreifers zu geraten, sondern aus der diplomatisch gewinnbringenderen Position eines Verteidigers agieren zu können. In dem einen Fall bot ihnen die Offensive der georgischen Armee die Chance dazu, während sie in der Ostukraine zwischen den Behauptungen, das Recht auf Selbstbestimmung zu verteidigen oder humanitäre Hilfe zu leisten, hin- und herwechselten – eine Hilfe im Übrigen, die sie, wie die russische Seite behauptete, gegen eine unbarmherzig agierende ukrainische Armee militärisch durchsetzen musste.

Der Ukrainekrieg droht dadurch zum Präzedenzfall zu werden, zum Anfang vom Ende der nach dem Zweiten Weltkrieg installierten internationalen Ordnung, einschließlich des in der UN-Charta verankerten Verbots des Angriffskrieges.

Es fällt auf, dass die USA, der bisherige Globocop der internationalen Ordnung, im Ukrainekrieg keine herausgehobene Rolle spielen; die russischen Optionen durch eigenes Handeln zu begrenzen, ist in erster Linie Sache der Europäer. Die sind damit jedoch erkennbar überfordert. Sie ahnen, dass sie infolge der US-amerikanischen Aufmerksamkeitsverlagerung aus dem atlantischen in den pazifischen Raum die Probleme an ihrer Peripherie in Zukunft ohne die Hilfe der USA werden bearbeiten müssen, haben aber keine Vorstellung davon, wie und womit sie das tun wollen oder können.

Zurzeit setzen sie darauf, dass der Gebrauch militärischer Macht durch den Einsatz wirtschaftlicher Macht blockiert werden könne. Das Problem ist freilich, dass diese beiden Machtsorten unterschiedlichen Zeitregimen unterliegen: Militärische Macht zeitigt kurzfristige Effekte, wirtschaftliche Macht entfaltet ihre Wirkung über längere Zeiträume. Militärische Macht verhindert eher, als dass sie gestaltet; wirtschaftliche Macht kann Entwicklungen gestalten, aber einen Gegenspieler nicht kurzfristig ausschalten.

Inzwischen ist davon die Rede, der russische Präsident Wladimir Putin verfolge den Plan, Schritt für Schritt das alte Sowjetimperium unter der Leitidee eines eurasischen Machtblocks wiederherzustellen. Dieser Plan wäre langfristig angelegt, weshalb sich aus europäischer Sicht wirtschaftliche Macht als das auf Dauer wirksamere Gegenmittel erweisen dürfte, wirksamer als militärische Macht.