Als Wolfgang Herrndorf sich am 26. August 2013 am Ufer des Hohenzollernkanals erschoss, war seine Krebserkrankung so weit fortgeschritten, dass es keine Hoffnung mehr für ihn gab. In den letzten Monaten seines Lebens schrieb er seinen Blog Arbeit und Struktur. Und er arbeitete an Szenen zu einem neuen Roman, ohne die geringste Aussicht, ihn noch beenden zu können.

In den letzten Wochen seines Lebens liest ihm die Freundin Kathrin Passig die ersten Kapitel des unvollendeten Buches vor. In seinem Blog schreibt Herrndorf an diesem Tag: "Passig liest die ersten zwei Kapitel von ›Isa‹ laut vor. Die habe ich noch nie gehört, die anderen auch nicht. Gut finden die’s. Ich schreie und schreie und heule und tobe, und dann ist es vorbei."

Das unfertige Manuskript wird sein Vermächtnis. Am Krankenbett lässt er sich immer weiter aus dem Text vorlesen, "an dem Text zu schreiben oder auch nur in ausformulierter Form zu diktieren war ihm aber nicht mehr möglich", schreiben die Freunde Marcus Gärtner und Kathrin Passig in ihrem Nachwort zu dem Buch, das es nach dem Willen des Autors eigentlich nicht geben sollte. Am 1. Juli 2013 hatte Wolfgang Herrndorf in seinem Testament geschrieben: "Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente aufbewahren. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben."

Buchstäblich im letzten Augenblick, eine Woche vor seinem Selbstmord am Hohenzollernkanal, lenkt er ein: "Isa" sollte in unfertiger Form erscheinen. Die Freunde erhielten den Auftrag, "zu redigieren, zu streichen, anzuordnen und zwischenzeitlich herausgenommene Passagen wieder einzufügen" – alles ohne jeden "Germanistenscheiß".

Das Ergebnis wird am 26. September erscheinen und fällt, das kann man jetzt schon mal vorwegnehmen, in einer so grundumstürzenden Weise aus den literarischen Üblichkeiten heraus, dass man nun doch zu den allergrößten germanistenscheißartigen Vergleichen ansetzen und das Romanfragment in die Liga der weltberühmten Außenseiterromane einreihen möchte: Isa ist so verrückt wie Büchners Lenz, so verloren wie Robert Walsers Jakob von Gunten, so empfindsam und kalt wie Camus’ Fremder.

Und doch ist Isa ganz anders als diese weltberühmten Männer, denen es in spektakulärer Weise misslang, den allgemein verbreiteten, vorformatierten Erwachsenenblick auf ihre Gegenwart zu werfen. Denn Isa ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das barfuß durch Deutschland rennt, auf Müllhalden nach Essbarem sucht, im Freien schläft und manchmal sehr unvierzehnjahrehafte Sätze sagt wie: "Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker."

Die Leser der Bücher Wolfgang Herrndorfs kennen das schöne barfüßige Kind – jeder germanistisch auch nur halbwegs beschlagene Leser muss, ob er will oder nicht, bei ihrem Anblick sofort an die legendäre Mignon aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren denken – aus seinem Jugendroman Tschick, der inzwischen sagenhafte zwei Millionen Mal verkauft wurde. Isa war das Mädchen auf den Müllbergen, das Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, zeigte, wo die Schläuche hingen und wie man mit ihnen Benzin aus fremden Autos abzapfte.

Die beiden vierzehnjährigen Jungs, die in den großen Ferien mit einem geklauten Lada durch Deutschland gondelten, wollten zunächst gar nichts von der "Fotze" wissen (die beiden kamen aus Berlin-Marzahn und sprachen manchmal auch so). Das Mädchen stank ihnen zu sehr und redete zu viel. "Tolle Figur, aber voll asi", fasste Tschick die Lage damals zusammen. Dennoch haben die Jungs dann mit Isa Schmidt Brombeeren gegessen und sie noch ein Stück in ihrem Lada mitgenommen. Isa und der Erzähler Maik sind sich auf dieser Fahrt sogar ein bisschen näher gekommen und hätten sich beinahe geküsst (wenn Tschick im entscheidenden Moment nicht mit der Brötchentüte aufgekreuzt wäre).

Am Ende schwören die drei, sich am 17. Juni 2060 um fünf Uhr nachmittags als 64-jährige "Greise" an derselben Stelle wieder zu treffen. Dann gingen die Lada-Wandertage von Maik und Tschick ohne Isa weiter. Auch Wilhelm Meister konnte sich auf seiner Bildungsromanreise nicht ewig mit dem bezaubernden Naturkind Mignon aufhalten.

Aber Wolfgang Herrndorf war mit Isa dann doch noch nicht fertig. Und auch mit der großen Liebe nicht, die in Tschick (und wer weiß, wo noch) verpasst wurde: Den Titel für den Isa-Roman Bilder deiner großen Liebe legte Herrndorf in den letzten Tagen seines Lebens fest. Die Arbeit an dem Isa-Stoff begann er schon, während er noch an seinem Roman Sand schrieb. Im Blog heißt es am 19. Juni 2011 "Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich aber nicht."

Was ihn dann doch dazu gebracht hat, die Fortsetzung von Tschick aus Isas Sicht zu schreiben, versteht man sofort, wenn man den unvollendeten Roman liest: Isa ist eine noch viel radikalere Heldin der Verlorenheit als alle anderen Herrndorf-Figuren zuvor.