Sie sterben tatsächlich. Dabei wirkten die Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg als Kind überlebten, schier unverwüstlich. Ihre Tüchtigkeit und Anpassungsbereitschaft halfen, das Land wieder aufzubauen. Doch nun geht diese Generation. Die Frauen und Männer nehmen etwas mit, das sie meist tief in sich verschlossen gehalten haben: die Erinnerung an Schrecken und Entbehrungen ihrer Kindheit, an Gefühle von Angst und Hilflosigkeit. Jetzt bietet sich den Alten die letzte Chance, ihre frühen Verletzungen zu betrauern. Es würde nicht allein ihnen helfen, Frieden zu finden. Sondern auch ihren Millionen Kindern. Den Babyboomern, die sich in ihrer Lebensmitte fragen, warum die Zufriedenheit, die mit Wohlstand und Fleiß einhergehen sollte, sich partout nicht einstellen will.

Für die zwischen 1930 und 1945 Geborenen hat sich der Begriff "Kriegskinder" etabliert: zu jung für den direkten Fronteinsatz, aber alt genug, um Hunger, Vertreibung und Bombenangriffe zu erleiden, den Verlust von Angehörigen, Trennungen und Todesangst.

Mit den Kämpfen endete nicht das Leid. Noch 1950, schreibt die Publizistin Sabine Bode, wohnten in Westdeutschland neun Millionen Kinder "unzulänglich, oft menschenunwürdig". Ein Jahr nach Gründung der Bundesrepublik waren die Hälfte aller Lagerbewohner Kinder und Heranwachsende. Etwa zwölf Millionen der 1930 bis 1945 Geborenen leben noch. Allein 2012 starben rund 350.000 Angehörige dieser Jahrgänge. Nimmt man die vor 1930 Geborenen hinzu, starben in jenem Jahr fast 715.000 Alte. In wenigen Jahren werden Kriegskinder den Nachgeborenen so fremd erscheinen wie die Soldaten des Kaiserreichs.

Was aber erlebten sie? Und wie erlebten sie es? Das ist nicht dasselbe. Wenn die Katastrophe zum Alltag wird, fällt es schwer, das eigene Leid als beklagenswert anzusehen. "So war das halt damals" und "Das haben doch alle erlebt" sind typische Sätze eines traumatisierten Kriegskindes. "Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen" galt als Tugend. Das eigene Leid geriet unter die Trümmer. Millionenfach mitbegraben wurde der Kontakt zu den schmerzlichen Empfindungen.

Diese Einsicht ist nicht neu. Schon 1967 prägten Alexander und Margarete Mitscherlich mit ihrem gleichnamigen Buch das Wort von der "Unfähigkeit zu trauern". Doch die beiden Psychoanalytiker hatten dabei vor allem jene Erwachsenen im Blick, die im Namen von "Führer" und Vaterland Verbrechen verübt oder geduldet hatten. Und die sich nun, ihres Erlösers und ihrer Ideale beraubt, vor der Vergangenheit verschlossen.

Viele Deutsche rechneten das eigene Leid auf gegen das von Juden, Kriegsgefangenen und anderen Opfern der deutschen Barbarei. Wenn überhaupt, dann berichteten die Älteren formelhaft von ihren Erlebnissen: "Andere hatten es schlechter als wir." Die Auseinandersetzung mit persönlicher Schuld, Scham und Angst, etwa in Form einer Psychotherapie, wurde nie zur Sache der Millionen Durchschnittsdeutschen.

Zu den ältesten Kriegskindern zählt Helmut Kohl. Der 1930 Geborene löschte nach Bombenangriffen Brände in Ludwigshafen. Sein älterer Bruder Walter starb, erst 18 Jahre alt, Ende 1944 als Soldat bei einem Tieffliegerangriff. Aus der Kinderlandverschickung sandte Helmut beruhigende Briefe nach Hause: "Wir haben hier so viel zu essen, dass Ihr es bestimmt nötiger habt als ich." Millionenfach mussten Kinder ihren traumatisierten Eltern Trost spenden – und erhielten selbst zu wenig davon. Halbwüchsige demonstrierten Stärke, die sie nicht besaßen.

Ein Beispiel für das Schicksal der jüngsten Kriegskinder ist Gerhard Schröder. Seine Mutter gebar ihn 1944 auf der Flucht vor Tieffliegerangriffen auf einem Bauernhof. Sein Vater Fritz starb vier Monate nach Gerhards Geburt bei Kämpfen in Siebenbürgen. Den Sohn hat er nie gesehen. Als Schröder 1998 Bundeskanzler wurde, stellte er ein Foto des Vaters in Wehrmachtsuniform auf den Schreibtisch. Für Millionen Söhne blieb der fremde Vater ein Männlichkeitsideal. Ihre Mütter wollten sie stolz machen.

So unterschiedlich die individuellen Erlebnisse, so sehr ähneln sich die Verhaltensweisen vieler Kriegskinder. Kohl und Schröder demonstrierten eine dröhnende Lebenstüchtigkeit, die sich ihrer selbst immer aufs Neue versichern musste: Mich kriegt nichts klein.

Millionen Traumatisierte sahen im Gründen einer Familie die Chance, die Liebe zu erfahren, die ihnen früh versagt geblieben war. Beängstigende Gefühle hielten die zu Eltern gewordenen Kriegskinder mit aller Kraft fern. Häufig zum Preis schwerer Depressionen oder scheinbar grundloser Wutausbrüche. Die Folge war eine trügerische Ruhe, von Kriegsenkeln in der Erinnerung häufig als "Nebel" oder "bleierne Schwere" beschrieben. Doch wer nicht fühlt, kann nicht mitfühlen – etwa mit den eigenen Kindern.

Die Unfähigkeit zu trauern pflanzte sich im Nachwuchs fort – als Unfähigkeit zu vertrauen. Welche Folgen das für unsere Gesellschaft hat, zeigt sich erst heute in vollem Ausmaß. Der geburtenstärkste Jahrgang der Nachkriegszeit wird in diesem Jahr 50. Die Kinder der Kriegskinder, geboren etwa zwischen 1960 und 1975, übernehmen die Macht im Land.

Natürlich sind der Zweite Weltkrieg und die seelischen Wunden, die er schlug, nicht allein verantwortlich für die Mentalität einer Nation. Doch lässt sich eine Verbindung nachweisen zwischen den Prägungen von Kriegskindern und denen ihrer Nachkommen.