DIE ZEIT: Frau Hermenau, wie fühlt sich das an, jetzt all die Nachrufe auf sich selbst lesen zu müssen?

Antje Hermenau: Nachrufe? Das Wort streichen Sie bitte. Ich bin nicht gestorben. Im Gegenteil. Ich habe mein Leben wieder.

ZEIT: Am vergangenen Wochenende haben Sie Ihren Rückzug aus der Politik erklärt. Kollegen aus allen Parteien haben das bedauert. Nur bei den Grünen selbst waren die Reaktionen eher verhalten.

Hermenau: Bei manchen hatte ich tatsächlich das Gefühl: Oha, Erleichterung tritt ein. Aber viele waren auch schockiert. Die haben mich umarmt und geherzt. Das hat mich schon berührt.

ZEIT: Wann haben Sie beschlossen, dass Schluss sein soll mit der aktiven Politik?

Hermenau: Das begann vor reichlich einem Jahr, als wir in Sachsen das Neuverschuldungsverbot in der Verfassung festgeschrieben hatten, die Schuldenbremse. Das war mein wichtigstes politisches Ziel. Als wir das geschafft hatten, dachte ich: Jetzt könnte meine Zeit in der Politik auch enden. Nach all den Verwerfungen.

ZEIT: Was ist damals geschehen?

Hermenau: Die Idee der Schuldenbremse war mein inhaltliches Projekt, aber nicht unumstritten in Partei und Fraktion. Aus dieser Sachfrage machten einige eine Machtfrage, und Mobbing begann. Das belastete mich: Ich wurde schwer krank, bekam Magengeschwüre, zeitweise bestand ein Verdacht auf Speiseröhrenkrebs. Ich bin Mutter eines kleinen Kindes. Es war schrecklich. Mir wurde klar: Das ist Politik nicht wert.

ZEIT: Sie sind gesund geworden.

Hermenau: Ja, und der Krebsverdacht hat sich nicht bestätigt. Danach hat mich der Landesvorstand gefragt, ob ich 2014 ein drittes Mal als Spitzenkandidatin ins Rennen gehen würde.

ZEIT: So wie 2004 und 2009.

Hermenau: Ja. Ich bin dann durch die Kreisverbände getingelt, um herauszufinden, ob man mich noch einmal will. Einige sagten: Du bist uns zwar nicht links genug, aber du bist die Bekannteste. Ich habe es also gemacht. Ich hatte ja noch etwas vor.

ZEIT: Ihr Großprojekt zwei: Schwarz-Grün.

Hermenau: Eine schwarz-grüne Koalition in Sachsen, ja. Dafür kämpfe ich seit zehn Jahren. Ich wusste, dass die Chance nie mehr so günstig sein würde wie jetzt, 2014.

ZEIT: Rechnerisch wäre die Koalition möglich gewesen. Sie haben aber nach der Wahl auf den Fraktionsvorsitz verzichtet. Warum?

Hermenau: Um die Chancen auf schwarz-grüne Sondierungen zu erhöhen, musste ich das Amt vorzeitig opfern, damit die Partei in Verhandlungen treten konnte. Ich hätte es eh aufgeben müssen, so oder so. Alle Medien fragten nur: Was wird aus Hermenau? Da musste ich den Druck rausnehmen. Ich wollte das nicht nur mit meinem Namen verknüpft sehen. Ich dachte: Unsere Mannschaft ist hungrig, der Großteil der Abgeordneten sitzt erstmals im Landtag – ist also auch nicht gefrustet durch zehn Jahre Opposition. Da geht doch was!