Fast geräuschlos gleitet die schwere Limousine über die Öresundbrücke, die Kopenhagen mit Malmö verbindet. Ola Källenius, Mitglied des Bereichsvorstands von Mercedes-Benz Cars, genießt es. Sein neuer Wagen trägt am Heck eine lange Typbezeichnung: S 500 Plug-In Hybrid. "Wer technologische Spitzenleistungen in der automobilen Oberklasse sucht, für den ist die S-Klasse das beste Auto", sagt der Vertriebschef unbescheiden. "Wir haben in diesem Auto den fortschrittlichsten Hybridantrieb, den es derzeit auf dem Markt gibt." Satte 2,2 Tonnen bringt der Mercedes auf die Waage, angetrieben von einer Kombination aus einem 6-Zylinder-Turbomotor und einer Elektromaschine, die zusammen 442 PS leisten. Mit einer Aufladung an der Steckdose ("plug-in") kann das Auto bis zu 33 Kilometer weit rein elektrisch gefahren werden.

Und dieses Auto soll nur 2,8 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen? "2,8 Liter ist korrekt", bestätigt Källenius, "mit diesem Wert ist das Auto nach der gültigen EU-Norm zertifiziert."

Das stimmt mit Sicherheit. Und doch ist es ein großer Bluff. Wer mit seinem Hybridauto versucht, die vom Hersteller angegebenen Verbrauchswerte zu erzielen, wird das im Alltag kaum schaffen.

Denn die Mercedes-Leute sind nicht die Einzigen, die in diesen Tagen neue Pkw mit fabelhaft klingenden Verbrauchswerten anpreisen. Der Porsche Panamera S Hybrid, ein direkter Konkurrent des von Källenius gefahrenen Mercedes, schafft laut Prospekt einen "Kraftstoffverbrauch kombiniert" von 3,1 Litern. Zwei Klassen darunter fährt seit Kurzem der kompakte Audi A3 Sportback e-tron mit 1,7 Litern, und von Dezember an bietet der Golf GTE ähnlich niedrige Normwerte an. All diese Modelle vereinen einen Benzinmotor mit einer Elektromaschine, deren Batterie an der Steckdose aufgeladen werden kann.

Die Erklärung der fabelhaften Verbrauchswerte liegt in der Formel für die einschlägige EU-Norm – in sie fließt bei solchen Zwittern ein überproportional hoher Anteil an rein elektrisch gefahrener Strecke ein. Bei der Berechnung des Kraftstoffverbrauchs und der CO₂-Emissionen bleibt der Stromverbrauch komplett außen vor.

Was Autokonzerne freut, hat mit der alltäglichen Fahrpraxis allerdings oft wenig zu tun.

Der Kritiker Axel Friedrich, der lange im Umweltbundesamt für den Verkehrsbereich verantwortlich war und jetzt als freier Verkehrsberater für Regierungen und Organisationen tätig ist, findet die Annahmen für den Fahrzyklus der Plug-in-Hybride "völlig irreal". Der Anteil der elektrisch gefahrenen Kilometer sei viel zu hoch angesetzt, sagt er, was die Verbraucher täusche. "Es ist einfach inakzeptabel, wenn da zwei Liter angegeben werden, aber in der Praxis sind es sieben bis acht Liter", wettert Friedrich.

Wie die Alltagswerte auch bei Källenius’ neuem Plug-in-Hybrid aussehen könnten, deutete kürzlich ein Praxistest von Auto-Bild an. Wenn die Batterie – die Elektroreichweite liegt meist um die 30 Kilometer – erst einmal leer ist, steigt der Durst schlagartig. Da kam etwa der neue BMW-Sportwagen i8, der laut Hersteller 2,1 Liter (EU-Norm) braucht, auf 7,8 Liter. Der Mitsubishi Outlander schluckte statt 1,9 Litern mehr als das Vierfache.

Für die Autohersteller sind die neuen Hybridmodelle deshalb wichtig, weil sie mit ihren niedrigen CO₂-Emissionswerten – beim S-Klasse-Plug-in-Hybrid etwa sind es 65 Gramm pro Kilometer – überproportional helfen können, die strengen CO₂-Emissionsziele der EU zu erreichen: 2020 darf die Neuwagenflotte rechnerisch nur noch maximal 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Derzeit liegt der Durchschnittswert aller in der EU verkauften Mercedes- und Smart-Pkw bei 134 Gramm, das entspricht einem Verbrauch von 5,5 Litern Benzin oder 5,1 Litern Diesel. Die Nobelmarke liegt damit ungefähr auf gleicher Höhe wie der Schnitt aller in Deutschland zugelassenen Neuwagen.

"Wir bringen bis 2017 insgesamt 10 Plug-in-Modelle auf den Markt", sagt Källenius. "Das ist ein wichtiger Teil unserer Effizienzstrategie, um die von der EU vorgegebenen Emissionsziele zu erreichen." Konkurrenten wie der VW-Konzern haben ähnlich ehrgeizige Pläne.

Noch aber machen die Plug-in-Hybride mit ihren Verbrauchs-Fabelwerten weniger als ein Prozent an den Neuzulassungen aus.