Was für eine Horrornacht. Kein Schlaf, weil die Hunde draußen vor der Hütte seit zwei Stunden höllisch bellen. Wir liegen zu acht nebeneinander auf einer langen Pritsche, die groben Wolldecken, die uns vor der Kälte der Bergnacht schützen sollen, müffeln. Durch die Felsbrocken, aus denen die Wände gefügt sind, zieht es. Der Magen ist unbefriedigt, die kulinarische Eigenheit des Abendessens hatte uns nicht so recht zulangen lassen. Und kein Glas Raki half in den Schlaf.

Dabei wären Stärkung und Ruhe nötig. Den ganzen Tag sind wir gekraxelt, aus dem Kosovo herüber nach Albanien. Wir wandern auf der Route Peaks of the Balkan, die durch das Dreiländereck mit Montenegro führt. In der wohl am wenigsten erschlossenen Region Europas sind wir touristische Avantgarde.

Vor 15 Jahren war die Gegend Kampfstätte. Serben, Albaner und Kosovaren haben einander im Konflikt um das Erbe Jugoslawiens massakriert und ganze Dörfer zerstört. Bei unserer Anfahrt aus dem Städtchen Pejë säumen Schutthaufen den Straßenrand, die meisten Häuser sind aus noch nicht verputztem Ziegelwerk neu errichtet. Am Wegesrand das Schild einer Schweizer Dienstleistungsfirma, die Minenfelder räumt. Die gängigen Routen sind inzwischen sicher, aber ins Gelände geht man besser nicht alleine.

Oberhalb des Ortes Junik klettern wir aus den Geländewagen und überlassen die schweren Rucksäcke Packpferden. Während des Kriegs hat die UÇK von hier aus operiert, die Nationalisten also, die für die Unabhängigkeit des Kosovos kämpften. Die Unwegsamkeit des Geländes, die den Partisanen dienlich war, stellt uns vor Herausforderungen.

Meine Gefährten sind bergerprobte Reisende, in ihren Erzählungen kommen respektgebietende Begriffe vor: "Eigernordwand, Tibet, Anden ..." Anfangs geht es auch bei mir gut, der schmale Pfad windet sich durch Graspolster aufwärts. Die Höhe gestattet bald einen großartigen Blick in die Weite des Amselfelds. Über Enzianwiesen führt der Weg zur Gjeravica, mit 2.656 Meter der zweithöchste Gipfel im Süden des Dinarischen Gebirges. Davor liegt ein Bergsattel, auf dem rasten mag, wer will. Schorsch, eine Art promovierter Bär aus München, lacht: "Der Sattel ist ja wohl keine Option." Er möchte auf den Gipfel.

Ich will nicht kneifen – dass mich bald ein Sattel über den forschen Schorsch erheben wird, ahne ich noch nicht. Beim Anstieg macht sich allerdings ein schärfer werdender Wind bemerkbar. Der Hang wird steiler und wandelt sich zu einem Klettergelände aus sperrigen Blöcken. Ich nehme die Hände zu Hilfe. Eine Bergwanderung auf allen vieren ist eine Premiere für mich. Als es so stark weht, dass die Trekkingstöcke, die eben noch von meinen Handgelenken baumelten, waagerecht in der Luft liegen, gibt mir eine Wandergefährtin einen Wink: "Lass es sein!" Man muss auch den Mut zur Umkehr haben, schließlich will ich das hier genießen.

Der Verzicht erweist sich als klug. Am Nachmittag sind zwei weitere Bergrücken und ein Pass zu bewältigen. Im Zickzack geht es Hänge hinauf und hinunter, über bröckeliges Geröll, auf schmalen Galerien an Abstürzen entlang, durch Senken mit verharschten Schneefeldern. Die Tour wird immer anstrengender, mir schwant, dass meine Zusage zu dieser Reise wohl ein wenig mutig war. In guten Momenten lenkt der Blick ab, weit hinein nach Montenegro, auf sich im Dunst verlierende graue Bergketten. Es sind keine erhabenen Gipfel, wie sie etwa in den Dolomiten rufen. Diese Berge schweigen den Wanderer an, schroff und abweisend. Und doch geht von ihnen eine Lockung des "Trotzdem" aus. Ein Reiz, sich das unwegsame Gelände mit Augen und Füßen anzueignen – auch wenn die ihre Schritte zusehends kipplig setzen.

Am letzten Pass treffen wir auf die Packpferde, die einen leichteren Weg genommen haben. Unter uns erstreckt sich ein weites Tal, geformt von sattgrünen Almen, die im Gegenlicht der sinkenden Sonne paradiesisch wirken. Bergkamerad Achim schwärmt: "Jetzt geht es nur noch abwärts – der kontemplative Teil." Ich kontempliere, dass meine Gelenke knirschen. Und falle beim Abstieg weit zurück.

Eine komfortable Herberge wäre jetzt willkommen, aber das kann hier niemand erwarten. Die Almwirtschaft in Dobërdol wird nur während weniger Sommerwochen betrieben. Solange die Tiere im Tal Futter finden, tun die Bauern sich das karge Dasein hier oben nicht an. Über die Hänge verstreut stehen Hütten schlichtester Bauart, Hunde streunen. Ein wenig Elektrizität kommt aus dem kleinen Solarpanel auf dem Hüttendach, das ein paar Lämpchen versorgt.

Die Herberge hat Manol gebaut, der junge Albaner, der die Packpferde betreut. Rund 300 Euro hat er selbst investiert, 1.700 Euro hat ihm die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) als Zuschuss gegeben, eine Hilfe, die für Manols Familie ein Segen ist. Pro Nacht und Gast nimmt er 15 Euro ein, im vergangenen Jahr kamen 70 Gäste. Dobërdol ist eine Station auf dem knapp 200 Kilometer langen Trail, den die GIZ und der Deutsche Alpenverein (DAV) seit 2013 mit den regionalen Behörden der drei Staaten einrichten. Ein Stück wirtschaftliche Aufbauhilfe und zugleich ein Friedensprojekt.