Kurz nachdem arabische Terroristen zwei Flugzeuge der United Airlines gekapert und eines nach dem anderen in die Türme des World Trade Center gesteuert haben, träumt Maxine Tarnow einen merkwürdigen Traum. Sie hat sich darin in eine Maus verwandelt und läuft in einem riesigen Apartmenthaus herum, das, wie sie (woher auch immer) weiß, nichts anderes ist als eine Miniaturversion der Vereinigten Staaten von Amerika. Auf der Suche nach Nahrung durchstreift sie Küchen und Vorratskammern und stößt dabei irgendwann auf eine Apparatur, von der sie auch schon ganz genau weiß, worum es sich handelt. Es ist eine Lebendfalle für Mäuse, in der aber nicht wie üblicherweise bloß ein Stück Käse mit Erdnussbutter darauf steckt, sondern etwas viel Besseres – Paté vielleicht oder Trüffel. Die Maus kann nicht anders: Sie kriecht hinein, und klapp! – ist sie dort für immer gefangen.

Jetzt erscheint auf Deutsch der neue Roman von Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Und weil darin Maxine Tarnow, die sich im Traum in eine Maus verwandelt, eine typische Pynchon-Figur ist, träumt sie nun folgendermaßen weiter: Sie ist in dieser Falle nicht allein, denn da sind außer ihr noch "lauter fremde Gesichter, lauter Mitmäuse, nur dass diese eigentlich nicht mehr Mäuse – oder vielmehr nicht mehr ausschließlich Mäuse – sind". Auch dämmert ihr, "dass dieser Ort ein Gehege ist, eine Durchgangsstation zwischen der Freiheit des wilden Lebens und einer anderen, unvorstellbaren Welt, in die man sie, eine nach der anderen, entlassen wird, und dass dies nur eine Analogie zu Tod und Jenseits sein kann."

Zwischen der Freiheit des wilden Lebens und einer anderen, heute vielleicht schon nicht mehr ganz so unvorstellbaren Welt spielt Pynchons Roman. Wir befinden uns in Manhattan, im Jahr 2001, kurz vor und kurz nach dem 11. September. Hier lebt angeblich seit den neunziger Jahren auch Thomas Pynchon, und es heißt, er bewege sich dort keineswegs wie ein Einsiedler. Dass es von diesem bekanntesten Unbekannten der zeitgenössischen Weltliteratur trotzdem nur ein oder zwei verwackelte Fotos gibt, dass er niemals in der Öffentlichkeit auftritt und dass er auch den Nobelpreis für Literatur wohl ablehnen würde – all das gehört zur Folklore um diese mittlerweile 77-jährige Vorzeigefigur des Avantgardistischen in der amerikanischen Literatur.

Man sollte sich Thomas Pynchon wohl nicht als allzu hoffnungsfrohen Menschen vorstellen. In Bleeding Edge zeichnet er eine düstere Welt, über die wie ein flächendeckender Schwamm schon im Jahr 2001 eine Technologie gewuchert ist, die alles Leben in sich aufsaugt und in ein klappriges Datengerippe verwandelt. Informationen werden gesammelt, algorithmisiert und hinter undurchdringlichen Mauern aus Passwörtern irgendwo abgelegt, um auf dunklen Wegen in Geld verwandelt zu werden. Was die Sache besonders ungemütlich macht, ist das Eigenleben der Programme, die sich längst von selbst in nicht mehr kontrollierbare Richtungen entwickeln. Im Roman erklärt ein Hacker das Wesen der Bleeding-Edge-Technologie: "Kein erwiesener Nutzen, hohes Risiko – etwas, mit dem sich nur Freaks, die immer das Neueste haben müssen, wohlfühlen." Und in genau diese Technologie haben die Risikokapitalgesellschaften der späten neunziger Jahre investiert; die Dotcomblase war eine Wette auf die Zukunft, wie sie die Börsen noch nicht gesehen hatten, aber im Jahr 2001 ist sie längst geplatzt.

Das Personal des Romans gleicht, wie bei Pynchon üblich, einem sich immer weiter aufblähenden Sack Flöhe, und die in alle Richtungen wuchernde Handlung ist denkbar episch. Grob skizziert, läuft alles auf ein Duell zwischen der Betrugsermittlerin Maxine Tarnow und Gabriel Ice heraus, dem CEO der Firma hashslingrz, deren Geschäfte nur angeblich auf dem Feld der Computersicherheit angesiedelt sind. Ziemlich verdächtig ist nämlich, dass hashslingrz das Platzen der Dotcomblase nicht nur glänzend überstanden hat, sondern dass seine Gewinnkurven sogar auch jetzt noch unentwegt steil ansteigen. Riesige Geldsummen wandern auf das Konto von Start-up-Firmen, die Gabriel Ice kauft, obwohl sie längst schon pleite sind. Aber Geldwäsche, Bilanzfälschung und auch all die krummen Immobiliengeschäfte wiegen noch nichts gegen den Verdacht, dass Ice Millionen Dollar auf ein Konto in Dubai transferiert haben soll und dass der Wahhabitische Transreligiöse Freundschaftsfonds (WTF), dem dieses Konto gehört, ein Sponsor des internationalen Terrorismus ist.

Aber was heißt es nun, dass im Deseret, jenem luxuriösen Baukomplex, der ebenfalls Gabriel Ice gehört, irgendwelche Araber an irgendetwas herumschrauben, aber auf gar keinen Fall dabei aufgenommen werden dürfen, auch wenn der Dokumentarfilmer Reg Despard von Ice eigens zum Filmen engagiert worden ist? Und dass Despard tot am Swimmingpool des Deseret aufgefunden wird, nachdem er leider eben doch gedreht hatte, wie zwei Unbekannte mit Luftabwehrraketen vom Dach des Gebäudes auf ein Flugzeug gezielt hatten, wenn auch, vielleicht, nur probeweise? Während die Handlung zielstrebig auf die Anschläge vom 11. September zusteuert, mögen pfiffige Thrillerfans bereits an der unerhörten Auflösung dieses weltbewegenden Kriminalfalls herumknobeln. Dazu hätte aber ein anderer diesen Roman zu Ende schreiben müssen. Mit Kausalitäten hat Thomas Pynchon, der alte Anarchist, nun einmal nichts am Hut. Hashslingrz arbeitet nämlich nicht nur mit dem Mossad zusammen, sondern ist eigentlich auch ein Teil des amerikanischen Sicherheitsapparats. Die Dinge sind undurchsichtig, und Romane sind keine Welterklärungsapparate. Und der 11. September? Es gab in Amerika einmal eine Zeit, da hätte die Lakonie, mit der der Autor diesen nationalen Schicksalstag abhandelt, ihn wegen antipatriotischer Umtriebe glatt vor ein Tribunal gebracht. Eigentlich steht im Roman dazu nur das: "Maxine geht nach Hause und schaltet CNN ein. Und da sieht sie es. Aus schlimm wird schlimmer. Den ganzen Tag lang."

Weil aber Pynchon nun einmal, zumindest spaßeshalber, dieses Raster aus Helden und Bösewichten in die Erzählung eingezogen hat, ist die Betrugsermittlerin Maxine Tarnow die unbestrittene Heldin des Romans. Wie aus dem Donald-Duck-Heft entnommen klingt der Name ihrer kleinen Firma: "Ertappt – Geschnappt", was eine wunderbar griffige Übertragung des überhaupt kongenialen Übersetzers Dirk van Gunsteren aus dem amerikanischen Original ist, in dem diese Klitsche "Tail ’em and nail ’em" heißt. Maxine Tarnow, die stets auf Augenhöhe von Gabriel Ice ist, den sie ja hopsgehen lassen soll, hat einen Ruf zu verteidigen. "Sie sind", so hält ihr ein Regierungsmitarbeiter der alten Schule, mit dem sie später übrigens einen besonders dreckigen Quickie auf einem besonders dreckigen Teppich haben wird, vor, "die kleine Lady, die Jeremy Fink in den Knast gebracht hat. Sie sind, getarnt als Reggae-Backup-Sängerin, nach Grand Cayman gefahren, haben mit Brandbomben zehneinhalb Milliarden Schweizer Franken abgefackelt und sich mit dem Gulfstream Jet des Haupttäters abgesetzt." Aber das wäre zu viel Action und auch mediennutzungsmäßig nicht ganz auf der Höhe. Tatsächlich basieren Maxines "Superkräfte" eher auf ihrem Softwaresortiment, auch wenn das zum Beispiel gegen das Buchführungsgebot "Du sollst dich nicht in irgendjemandes Bankkonto hacken, sondern solche Aktionen dem FBI überlassen" verstößt. Natürlich ist Maxine mit jenen Programmierern verkumpelt, die gerade das Echtzeit-Computerspiel Deep Archer entwickelt haben, auf das es auch Gabriel Ice abgesehen hat. Es sieht der real existierenden digitalen Parallelwelt von Second Life zum Verwechseln ähnlich, ist aber mit einem Tool versehen, das jede Spur digitaler Aktivität für immer tilgt, und nur dafür interessiert sich das Ekelpaket dieses Romans.

Der Köder, der die Maus in Maxine Tarnows Traum zuerst so unwiderstehlich angezogen und dann in den Limbus zwischen Leben und Tod geschubst hatte, bestand aus Paté oder Trüffeln. Der Köder, mit dem Thomas Pynchon seinen Lesern vor der Nase herumwedelt, ist der des Kriminalromans – gestrickt nach dem alten Muster von Raymond Chandlers hard-boiled novel und nachkoloriert in den düsteren Tönungen der Cyberpunk-Literatur, derem Begründer, William Gibson, hier eine erstaunlich unverhüllte Reverenz erwiesen wird. Es ist eine Attrappe, ein trojanisches Pferd, mit dessen Hilfe Pynchon eine Grundfrage an die Literatur unserer Gegenwart stellt: Wenn nur noch Datenrauschen und Bilderzauber um uns sind oder – paranoid gefasst – die blanke Macht der Algorithmen und der Überwachung, was ist dann, außerhalb der kaum noch an sieben Fingern abzuzählenden Schaltkreise dieser Hölle, überhaupt noch erzählbar? Märchen? Kindergeschichten? "Ertappt – Geschnappt"? Vergesst Dave Eggers: Über Thomas Pynchons Bleeding Edge gäbe es tatsächlich dies und das zu sagen.