Vierzig Autominuten außerhalb von Liberias Hauptstadt Monrovia liegt Margibi County. Ein lokaler Beerdigungsdienst ist gerade mit seinem Kleintransporter auf einem Dorfplatz eingetroffen, um eine junge Frau zu bergen, die an Ebola gestorben ist. Das glauben jedoch nicht alle hier. Während sich die Männer für den riskanten Einsatz bereit machen, läuft der Bruder der Toten wehklagend den Dorfplatz auf und ab. "Meine liebe Schwester, meine liebe Schwester, meine liebe Schwester! Woran bist du nur gestorben? Jetzt kommen sie und holen dich. Oh, oh, oh."

Emmanuel N. B. Flomo und seine Männer lassen sich davon jedoch nicht beirren. In aller Ruhe ziehen sie sich ihre Gummistiefel an, stülpen die weißen Sicherheitsanzüge über, drei Paar Handschuhe, Masken, bis am Ende keine Stelle an ihrem Körper mehr frei ist, wo das Virus eindringen könnte, wenn sie die Lehmhütte der Toten betreten. Sie sehen jetzt aus wie Astronauten nach einer Mondlandung. Hier aber scheint die pralle Sonne. Das Dorf liegt in einem der schönsten Gebiete Westafrikas.

Der wichtigste der fünfköpfigen Gruppe ist der Mann mit dem gelben Plastikkanister auf dem Rücken. Darin befinden sich mehrere Liter Chlor, mit dem er zunächst den Eingang der winzigen Hütte desinfiziert. Auf dem Boden im dunklen Innenraum liegt die Tote in rosa Kleider gehüllt, ihre Arme sind angewinkelt. Ihr Gesicht ist bedeckt. Sie hat eine drei Monate alte Tochter, die auch schon krank sein soll. Ihr Mann, der stumm vor der Hütte wartet, passt auf das Baby auf. Ungeschützt.

Nachdem der Mann vom Beerdigungsdienst mit dem gelben Plastikkanister die Tote über und über mit Chlor besprüht hat, tritt der Rest der Gruppe ein. "Jetzt kommt der riskanteste Teil unserer Arbeit", sagt Emmanuel Flomo. "Jetzt müssen wir die Leiche vom Boden heben und in den Leichensack legen. Es ist der einzige Moment, in dem wir in direkten Kontakt mit dem infizierten Körper kommen." Ohne Sicherheitsanzug läge die Ansteckungsgefahr jetzt bei hundert Prozent.

Etwa 250 Tote hätten sie so in den vergangenen vierzig Tagen geborgen. Bislang sei jedoch keiner aus den Teams an Ebola erkrankt.

Als die Männer die Tote in einem schwarzen Leichensack zu ihrem Kleintransporter tragen, redet der Vater der Verstorbenen wild auf sie ein. "Es ist seine Schuld, dass die Frau starb", sagt Emmanuel Flomo vor der Fahrt zu einem nahe gelegenen Friedhof. Als medizinische Helfer vor ein paar Tagen hierher ins Dorf gekommen seien, Ebola festgestellt hätten und den Vater und andere Dorfbewohner baten, doch bitte mit ihnen in ein Krankenhaus zu kommen, sagte der Vater Nein. Warum, das versteht auch Emmanuel Flomo nicht genau. "In jedem Fall ist die Zahl derer in Liberia, die nicht an die Existenz von Ebola glauben, zweimal größer als die Zahl derjenigen, die daran zweifeln. Zu viele unserer Menschen sind ungebildet."

Die Weigerung, sich behandeln zu lassen, entspringt jedoch nicht nur mangelndem Wissen und Vertrauen. Die Regierung hat die Menschen zu spät und nur unzureichend über Ebola informiert. Und viele Menschen ließ sie einfach im Stich.

Paynesville ist ein Stadtteil am Rande Monrovias. Ein anderer Ebola-Krisenherd. Es geht mit Motorrädern über eine rote Staubpiste, vorbei an Bananenstauden und Kokosnusspalmen. Ende August stellte die Bezirksverwaltung hier die Bundor-Familie unter Quarantäne, weil eine Tochter an Ebola erkrankte und später starb. 21 Tage lang musste die gesamte Familie im Haus bleiben. Eine effektive Methode: 21 Tage beträgt die Inkubationszeit. Zeigt keiner Symptome, ist niemand krank. Erkrankt jemand, bleibt das Virus im Haus.

Für die Familie war das wie das Warten auf den Tod, sagt N. Jacob, der mit einer Tochter der Familie verheiratet ist: "Wir haben uns allein gelassen gefühlt." Er verstehe, sagt er, dass die Regierung Maßnahmen wie Quarantäne anwenden müsse. Sie hätten jedoch danach auch etwas Hilfe erwartet. "Doch die Regierung versorgte uns weder mit Medikamenten noch mit anderen Dingen. Auch die Gemeinde nicht." Erst nach ein paar Tagen ergriff die lokale Kirche die Initiative und half der Familie zumindest mit Wasser und Lebensmitteln. Dann waren die 21 Tage vorbei. Niemand war an Ebola erkrankt. Die Familie kam wieder frei.