Achteinhalb Minuten können verdammt lang sein. Wenn man einen Herzinfarkt erlitten hat. Oder nach einem Verkehrsunfall blutend im Auto eingeklemmt ist. Achteinhalb Minuten dauert es durchschnittlich in Deutschland, bis nach einem Notruf der Rettungsdienst eintrifft. Dass es auch schneller geht, beweist Israel. Dort vergehen inzwischen nur noch drei Minuten, bis ein qualifizierter Ersthelfer vor Ort ist.

"Vereinigte Hilfe" – der Name des Projekts United Hatzalah ist Programm. Es wird getragen von etwa 2.100 Freiwilligen, die benachrichtigt werden, wenn in ihrer Umgebung ein Notruf abgesetzt worden ist. Mit der Verbreitung des Smartphones ist United Hatzalah zu einem festen Bestandteil der Reaktionsschleife in Israel geworden: Per Satellitennavigation und einer App werden automatisch immer jene zehn Helfer alarmiert, die dem Unfallort am nächsten sind. Hat ein Ersthelfer den Notruf angenommen, rennt oder fährt er los, egal, ob er gerade im Büro sitzt oder Tennis spielt. Geleitet über das Navigationssystem des Smartphones, ist er nach durchschnittlich drei Minuten vor Ort. "Eine Art Flashmob, der Leben rettet", sagt der Rettungssanitäter Eli Beer, der das Netzwerk 2006 gegründet hat.

In Israel dauert es oft noch länger als in Deutschland, bis endlich ein Rettungswagen kommt. Deshalb übernehmen die per Handy herbeigerufenen Freiwilligen die Erstversorgung: Blutung stoppen, Herzdruckmassage, defibrillieren, Medikamente geben. Alle Ersthelfer haben einen Notfallkoffer. Und sie wissen, wie sie ihn einsetzen müssen: Sie wurden 200 Stunden lang geschult, über sechs Monate verteilt, bevor sie in die Liste der Ersthelfer von United Hatzalah aufgenommen wurden. "Die Freiwilligen können nach der Schulung im Grunde ebenso viel tun wie ein Rettungssanitäter", sagt Eli Beer.

Wie sehr sich das auszahlt, zeigt die Bilanz: Im Jahr haben die Freiwilligen insgesamt 207.000 Einsätze, 42.000 der Notfälle sind lebensbedrohlich. Und die Rettungszeit in Israel, die vor Einführung des Dienstes bei acht Minuten lag, wurde dank ihm mehr als halbiert. "Die Ersthelfer dürften zahlreiche Leben gerettet haben, denn oft kommt es eben auf jede Sekunde an", sagt Clemens Kill, Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am Universitätsklinikum Marburg. Vor allem bei einem Kreislaufstillstand tickt die Uhr bis zum Tod sehr schnell: "In den ersten Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit alle 60 Sekunden um zehn Prozent", sagt Kill.

Da die Reaktionszeit so lebensentscheidend ist, versuchen Rettungsdienste weltweit, sie so gering wie möglich zu halten – oft auch mithilfe der Bevölkerung. Diese Woche etwa hat unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin die "Woche der Wiederbelebung" ausgerufen: In zahlreichen Aktionen zeigen Ärzte und Sanitäter interessierten Passanten, worauf es bei der Wiederbelebung ankommt. Die zugrundeliegende Initiative "Ein Leben retten" gibt zudem auf ihrer Webseite (einlebenretten.de) Tipps zur Reanimation Bewusstloser.

Gerade hierzulande sei es extrem wichtig, die Bevölkerung für die Notwendigkeit von Reanimationsmaßnahmen zu sensibilisieren, sagt Notfallmediziner Kill, "weil wir im internationalen Vergleich bei der Tatkraft der zufälligen Ersthelfer miserabel dastehen". In Deutschland läuft nur bei knapp 20 Prozent der Einsätze schon eine Reanimation durch Laien, wenn der Rettungsdienst eintrifft. In Skandinavien, sagt Kill, reichten die Quoten dagegen an 70 Prozent heran.

Das Basiswissen für Erstmaßnahmen muss also dringend verbessert werden. In Mecklenburg-Vorpommern, wo der Rettungsdienst wegen der langen Wege oft mehr als zehn Minuten braucht, wurde Reanimation immerhin schon zum verpflichtenden Inhalt im Schulunterricht gemacht. In einigen amerikanischen Großstädten ist auch die Polizei in den Rettungsdienst eingegliedert, die Polizisten sind geschult und haben einen eigenen Defibrillator zur Wiederbelebung im Auto. In Deutschland werden bei einem Notruf mancherorts als sogenannte First Responder auch die Freiwilligen Feuerwehren informiert. Und Rettungsmitarbeiter, die gerade nicht im Dienst sind, bekommen durch ihre Leitstelle eine Nachricht aufs Handy geschickt, wenn es einen Notruf in ihrer Nähe gab. "In Ansätzen haben wir in einigen Gegenden hierzulande schon ein ähnliches System wie in Israel", sagt Kill. Nur dass es eben noch nicht so professionell und schlagkräftig sei.