Als Ines Steinheimer an diesem Montag in den Kampf zieht, holt sie zwei Paar Rollerskates aus der Garage ihres Reihenhauses, einen Fußball und eine Tüte Männerpullis und packt sie in ihren Fahrradanhänger. Sie muss nur um zwei Straßenecken biegen, dann erreicht sie die Bayernkaserne im Münchner Norden. In den ehemaligen Bundeswehrgebäuden befindet sich das Hauptquartier der Münchner Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Hier leben jene, die gerade in Deutschland angekommen sind. Seit sich der Andrang von Flüchtlingen in Deutschland in weniger als einem Jahr ungefähr verdoppelt hat, ist die Bayernkaserne einer jener Orte, an denen sich zeigt, ob das Land mit dem Sturm zurechtkommt.

Viele deutsche Erstaufnahmestellen sind derzeit überfüllt. Auch in der Bayernkaserne ist die Situation angespannt. Am Montag, als Ines Steinheimer vor dem Tor steht, gibt die Bezirksregierung einen Rekord bekannt: 3.300 Flüchtlinge muss die Münchner Erstaufnahme beherbergen, mehr als je zuvor. Davon sind 2.100 jetzt in der Bayernkaserne.

Sind die Behörden von den Ereignissen überrollt worden? Haben sie nicht genügend vorgesorgt? Ist die Not auch die Folge jener Haltung, man dürfe es Flüchtlingen nicht zu gemütlich machen, sonst locke man zu viele von ihnen an?

Um den Großteil der Flüchtlinge kümmert sich in der Bayernkaserne die Innere Mission, mit lediglich zehn Sozialarbeitern. Gerade sind neue Stellen genehmigt worden, die müssen aber erst besetzt werden. Für die 2.100 Flüchtlinge gibt es zwei Ärzte und zwei Psychiater, die stundenweise da sind. Schon heute gibt es 60 Ehrenamtliche in der Bayernkaserne. Sie organisieren eine zusätzliche Kleiderausgabe und Sprachunterricht, während sich die Regierung von Oberbayern um die Registrierung der Flüchtlinge kümmert.

Wie schlimm ist die Lage? Anruf bei Elisabeth Ramzews, der Leiterin des Sozialdiensts. "Wir können die vielen Leute nicht adäquat aufnehmen", sagt sie. "Der Staat ist überfordert, die Stadt ist es, und wir sind es auch." Schneller habe man auf die stark gewachsene Zahl der Flüchtlinge nicht reagieren können.

Eine Kollegin von Ines Steinheimer, die ehrenamtliche Deutschlehrerin Ursula Baer, ist am Samstag in der Bayernkaserne gewesen. Sie besitzt einen Hausausweis. Sie berichtet, dass eine ehemalige Panzerhalle mit Stockbetten vollgestellt ist. Sie hat Klappbetten in Garagen gesehen, weinende Kinder, gestresste Mütter. Sie hat den Eindruck, dass sich alle Betreuer bemühen, auch die Mitarbeiter der Regierung, sie sagt: "Aber es reicht eben nicht. Die Leute werden nur verwahrt." Bei ihr weckt der Notstand Erinnerungen an die neunziger Jahre, als die Stimmung aufgeheizt war wegen der vielen Flüchtlinge, die vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen.

Ines Steinheimer, 47, Assistentin eines Rechtsanwaltes, gibt seit zweieinhalb Jahren Flüchtlingen Sprachunterricht. Nicht alle in der Nachbarschaft sind so aufgeschlossen wie sie. Viele hätten Angst vor Krankheiten, die die Flüchtlinge übertragen könnten, sagt sie. Aber eine Atmosphäre wie in den neunziger Jahren gibt es hier nicht. Als ein Stadtrat der "Bürgerinitiative für Ausländerstopp München" versuchte, Stimmung gegen die Flüchtlinge zu machen, hielt Steinheimer ein Schild hoch: "Wir ANWOHNERinnen heißen die Flüchtlinge willkommen."