Kennen Sie Ibsen?" – "Leider nein. Wie macht man das?" Der alte Witz ist gar nicht so blöde, denn Karin Henkels Antwort lautet, dass sie Ibsen zwar kennt, aber nicht macht. Geübte Theatergänger allerdings wissen, dass, wo Ibsen (oder Shakespeare) draufsteht, nicht unbedingt Ibsen (oder Shakespeare) drin sein muss. Irgendetwas allerdings sollte drin sein. In Henkels Inszenierung von Ibsens John Gabriel Borkman am Hamburger Schauspielhaus aber war gar nichts drin außer Klamauk und Ödnis. Sie begann um acht, und als ich nach zwei Stunden auf die Uhr blickte, war es halb neun.

Einige sagten hinterher, man könne das völlig verstaubte Stück sowieso nicht mehr spielen. Wieso eigentlich nicht? Der größenwahnsinnige Banker namens Borkman, der seine Bank gegen die Wand gefahren, seine Kunden betrogen hat und nicht die Spur von Reue zeigt – hat man von solchen Fällen nicht gelegentlich gehört? Oder davon, dass alte und gescheiterte Menschen ihre letzte Hoffnung auf einen jungen setzen: Erhart Borkman soll seinen Eltern zur Wiederkehr in die Gesellschaft verhelfen und seiner Tante zu einem schönen Lebensabend. Er will aber nicht. Was Karin Henkel wollte, weiß der Himmel.

Es fängt mit dem Ende an. Ganz hinten, am beleuchteten Ende der in Stufen aufsteigenden Bühne liegt aufgebahrt der Held des Stücks. Und vorne steigen Mädchen in kurzen Kleidern empor, sie tragen Kerzenleuchter und singen Klagelieder. Es sind wohl Engel, ist wohl eine Art Requiem. Jetzt wird die Geschichte von hinten nach vorne erzählt, und unversehens kippt die Stimmung. Die Damen schreien einander an, sie kämpfen um den Sohn oder Neffen. Und wie! Die Mutter schleppt polternd eine Badewanne die Stufen herab, die Tante reißt dem Jungen die Kleider vom Leib. Hat jetzt jeder kapiert, dass wir einen Schwächling, ein Muttersöhnchen vor uns haben? Nein? Dann muss der Arme wie ein Baby auf Mamas Schoß.

An diesem Abend herrscht das Grobe, das Niedrige, das Hässliche. Nirgends Zwischentöne, nirgends Subtilität oder gar Poesie. Keine dieser Figuren weckt Anteilnahme. Es sind wandelnde Karikaturen, Schreckgespenster, Ausgeburten einer spießig dumpfen Fantasie. Der Raum ist vielleicht eine Tiefgarage, vielleicht eine Bahnhofsunterführung, die Wände und Decken sind aus grauem Beton, mit Graffiti bemalt. John Gabriel Borkman (Josef Ostendorf) ist ein monströser Fettsack, der Sohn ein zitternder Weichling, die Tante schwankt zwischen Geilheit und Klapprigkeit.

Habe ich das Ganze gründlich missverstanden? Vielleicht ist die Szene ein Irrenhaus, vielleicht folgt der Abend dem Prinzip Geisterbahn, wo an jeder Ecke ein Gespenst grässlich lacht und ein Wind oder ein Wolf schaurig aus dem Finstern heult. So auch an diesem Abend, und die Zuschauer lachten und schrien, als wären sie auf dem Dom. Nach zwei Stunden war alles vorbei, es gab herzhaften Beifall. In der Tat muss man die Schauspieler loben, allen voran Lina Beckmann. So viel Selbstverausgabung und Selbstverleugnung! Tapfer.

Das darf doch nicht alles sein. Wir Hamburger sollten nicht derart selbstzufrieden sein und von unsrem Schauspielhaus etwas mehr verlangen.

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