Kann eine Offenbach-Inszenierung sensationell sein? Je nun! Eine Sensation jedenfalls, eine wirkliche Sensation ist in Hamburg die amerikanische Mezzosopranistin Jennifer Larmore, die Jacques Offenbachs Belle Hélène nicht als leichtfertiges Dummchen gibt, wie es sonst oft geschieht, sondern als deutlich reifere Frau, die umso mehr zum Ehebruch geneigt ist, als sie schon auf eine längere Zeit der Langeweile an der Seite ihres Mannes Menelaos zurückblickt. Ihre Stimme ist hell und strahlend im selbstverliebten Genuss ihrer Schönheit; dunkel und süß im Verlangen nach dem Verführer Paris; hausfraulich dräuend im Verdruss; nicht ohne aggressive Schärfe in der Durchsetzung ihres Seitensprungverlangens.

Vor allem aber singt sie ohne jeden Anklang an die Operette, als die Offenbachs Werke in Deutschland oft missverstanden werden. Tatsächlich bilden sie ein eigenes Genre, das diesem Komponisten nahezu allein gehört – die sogenannte Opéra bouffe, die im Paris Napoleons III. entstand und ungefähr gleich weit von der italienischen Opera buffa Rossinis entfernt ist wie von der späteren Operette des Wiener Kitschimperiums.

Man könnte auch sagen: Offenbach ist eine Art Rossini für die Armen im Geiste, er hat von ihm die vorwärtspeitschende Rhythmik, die suggestive Serialität der Motive, aber nichts von seiner Kühnheit, Komplexität und Kontrapunktik. Es ist eine Amüsiermusik, die aus dem Bereich der großen Kunst nur das verwendet, mit dem man auch ein niederes Publikum fangen kann.

Das Orchester tut unter dem Dirigenten Gerrit Prießnitz alles, um Offenbach doch noch ein wenig in Richtung Rossini zu schieben, mit einem schönen, durchsichtigen, federnden Klang. Es suchen auch die anderen, durchweg jüngeren Sänger mit heißem Bemühen in dieser Gegend nach Poesie. Indes legt gerade das Streben nach einem edleren Offenbach ohne Tschingderassabum erst so richtig die Hohlheit der Noten bloß; auch das kann als sensationell betrachtet werden, die Entlarvung einer Musik durch ihre bestmögliche Darbietung.

Was noch? Die Inszenierung des Frankokanadiers Renaud Doucet verlegt die mythologische Handlung aus der Antike in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, was Gelegenheit gibt, die unvorteilhafte Damenmode der Zeit – gefärbter Pelz und Babydolls – zu bewundern. Und Doucet vertauscht den Originalschauplatz Sparta mit einem Kreuzfahrtdampfer, was dem Hamburger Stolz auf die Seefahrt schmeichelt. Eleganter ist selten mit der Wurst nach der Speckseite geworfen worden.

Die Aktualisierung hat aber auch einen Nachteil, denn der ursprüngliche Witz des Librettos bestand ja gerade darin, die Helden und Götter der Antike auftreten, aber wie Bürger der Moderne empfinden und reden zu lassen. In Hamburg zeigt der Regisseur jedoch eine Bourgeoisie des 20. Jahrhunderts, die sich kurioserweise in einer Imitation der Homerischen Sage gefällt – das ist auch lustig, aber nicht mehr so sehr.

Lustiger ist etwas ganz anderes, vielleicht weniger bewusst Angestrebtes. Die Antikensatire Offenbachs zielte auf die französische Gesellschaft unter Napoleon III., die sich zwar noch zum Schein über Ehebruch aufregte und von Ehre faselte, aber keineswegs eine längst üblich gewordene Libertinage mit Mord und Totschlag beantwortet sehen wollte. So lässt sich auch der gehörnte Menelaos der Oper nicht mehr zu einem Trojanischen Krieg überreden, sondern beruhigt sich mit der zynischen Formel, er sei halt zur Unzeit ins Schlafzimmer seiner Frau getappt.

Das ist typisch Offenbach: die moralische Laxheit nicht zu verurteilen, sondern als zivilisatorischen Fortschritt zu feiern. Es bedarf der Heuchelei nicht mehr, die nach dem berühmten Bonmot La Rochefoucaulds darin bestand, dass sich das Laster vor der Tugend verbeugt. Bei Offenbach verbeugt sich die Tugend vor dem Laster. Das ist eine Haltung, die ebenso gut zu dem moralisch deregulierten Neoliberalismus unserer Tage passt, der ja ebenfalls dem Bürger einzureden versucht, dass die Missstände und Korruptheiten, über die er sich aufregt, in Wahrheit gut und richtig seien und dass selbst rücksichtslos vertretenes Eigeninteresse am Ende dem Gemeinwohl diene.

Die niedrigste Gier ist die berechtigtste: Dazu hat Offenbach seine schmissige Musik gemacht. "Schmissig" nennt sie tatsächlich ein Zuhörer in der Pause, lange ist es her, dass wir den Ausdruck einer längst verflossenen Casino-Sprache gehört haben. Diese Aktualität ist das eigentlich, wenngleich versteckt Sensationelle der Hamburger Inszenierung. Dagegen verblassen die absichtlich eingestreuten Aktualitäten, die Anspielungen auf die Finanzkrise Griechenlands und der Auftritt einer Angela Merkel, die eine Schubkarre Banknoten ächzend zu den Hellenen schiebt. Großer, dankbarer Applaus des Premierenpublikums für den Spiegel, der ihm entgegengehalten wurde. Hat es sich erkannt und ermutigt gefühlt? Jedenfalls nicht verärgert oder überfordert. Und das war es ja auch, was Offenbach schon zu seiner Zeit den Erfolg bescherte.