Männer mit Männern. Frauen mit Frauen. Verheiratete mit Unverheirateten. Wohl nirgendwo sonst haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Einstellungen so radikal gewandelt, wurden Tabus so nachhaltig gelockert wie auf dem Feld der Sexualität. Was die Bürger in den Betten treiben, geht den Staat nichts an. Das ist gut so. Wer meint, die Familie habe dadurch gelitten, schaue sich die wachsende Zahl eingetragener Partnerschaften an.

Im Grunde existiert nur noch ein einziges Tabu: der Sex zwischen unmittelbaren Verwandten. Dass Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern sich geschlechtlich vereinen, verbietet der Staat bis heute. Bis zu drei Jahre Gefängnis sieht der Paragraf 173 für diejenigen vor, die gegen das Inzestverbot verstoßen. Dieser Paragraf soll weg, fordert jetzt der Deutsche Ethikrat. Sobald sie über 18 Jahre alt sind, sollen auch Brüder und Schwestern Sex miteinander haben dürfen. Wenn sie nicht zusammenleben, soll die Erlaubnis sogar ab 14 Jahren gelten. Das aktuelle Gesetz, so der Ethikrat, verstoße gegen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht. Es könne nicht die Aufgabe des Strafrechts sein, ein bestimmtes Moralempfinden durchzusetzen.

Der Deutsche Ethikrat hat manche gute Empfehlung abgegeben. Das war bei der Präimplantationsdiagnostik so, wo die Politik eines der beiden Voten des Rats später zum Gesetz machte; oder beim Thema Intersexualität, als die Sachverständigen den Nöten von Menschen, die sich nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen lassen, zur offiziellen Anerkennung verhalfen. In beiden Fällen war das Urteil des Rats notwendig, relevant und nachvollziehbar. Das Inzestgutachten erfüllt keines dieser Kriterien. Es beantwortet eine Frage, die niemand gestellt hat – in einem Deutsch, das kaum jemand versteht.

Den Anstoß zur Empfehlung gab ein Geschwisterpaar aus Sachsen: Susan K. und Patrick S. Die beiden haben eine schwierige Kindheit hinter sich, als sie sich das erste Mal begegnen. Er ist 24, sie 16 Jahre alt. Aus der Geschwisterliebe wird bald mehr: Vier Kinder zeugen die beiden miteinander. Als die Sache herauskommt, verurteilt ein Gericht den Mann wegen widerrechtlichen Beischlafes mit seiner Schwester. Die Frau wird, da bei den Taten noch minderjährig, freigesprochen. Das Urteil geht durch alle Instanzen bis vors Bundesverfassungsgericht. Hier scheitert das Paar ebenso wie später vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Der Vater muss ins Gefängnis, die Kinder (zwei von ihnen sind behindert) werden dem Jugendamt überstellt.

Die verbotene Geschwisterliebe aus Sachsen ist tragisch, vielleicht sogar ein Skandal. Ganz sicher aber ist sie ein Einzelfall. Denn anders als in der Literatur, wo die sogenannte "Blutschande" von jeher ein dankbares Motiv ist, kommen sexuelle Handlungen unter Geschwistern nur äußerst selten vor, meist als kurze kindliche oder pubertäre Verwirrung. Wenn Kinder gemeinsam aufwachsen, scheint es in ihren Körpern und Köpfen eine Schranke zu geben, die dauerhafte sexuelle Beziehungen verhindert. Die Inzestscheu gibt es in allen Kulturen – ob nun aus sozialen, psychologischen oder evolutionären Gründen, sei dahingestellt.

Nur wenn Männer und Frauen eine Partnerschaft eingehen, ohne zu wissen, dass sie unmittelbar miteinander verwandt sind, kann es Probleme geben. Insbesondere wenn sie Kinder bekommen. Auch in diesen Fällen handelt es sich um eine winzig kleine Gruppe, meist sind es Halbgeschwister. Vor Gericht kommt ihr Sexualleben so gut wie niemals. Ein Gutachten des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg schätzte die Zahl der Verurteilungen, bei dem der Inzestparagraf überhaupt eine Rolle spielt, auf rund zehn pro Jahr in Deutschland. Dabei dürfte es sich in den meisten Fällen um sexuelle Handlungen zwischen Eltern und Kindern handeln, die hier gar nicht gemeint sind. Wie wenig relevant das Thema ist, zeigt der Ethikrat selbst: Er muss auf ein Paar verweisen, das in einer Radioshow von seinen Geschwisterbanden erfährt. Das war in Brasilien.

Anders als bei früheren Liberalisierungen des Sexualstrafrechts – Ehebruch, Homosexualität oder der sogenannten Kuppelei – schreit beim Inzestverbot kein Missstand nach einer Lösung. Es gibt keine Selbsthilfegruppen von Betroffenen, keine relevante politische Gruppierung hat jemals die Abschaffung des Paragrafen 173 gefordert. So liest sich das Gutachten zur Inzestfrage wie ein Gesetzeskommentar. Dass im Ethikrat inzwischen mehr Rechtsgelehrte als Ethiker sitzen, dürfte hierbei eine Rolle spielen.

In Bandwurmsätzen und Einerseits-andererseits-Konstruktionen beklagen die Autoren die logischen Widersprüche und nicht bewiesenen Annahmen des Inzestverbotes. Etwa dass der Paragraf nur den "Vaginalverkehr" von Bruder und Schwester unter Strafe stellt, nicht aber den Analverkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Geschwistern. Oder dass Geschwister, die einvernehmlich Sex haben, niemandem schaden. Zwar würden Kinder, die aus einer solchen Beziehung hervorgingen, mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50 Prozent "Fehlbildungen oder Intelligenzminderung" aufweisen. Aber auch Frauen über 40 oder Paare mit einer Genstörung würden ähnliche Risiken eingehen. Ihnen verbiete der Staat auch nicht die Fortpflanzung.

Alles recht, alles billig. Aber will man das so genau wissen vom Ethikrat, der von seinem Selbstverständnis her Wissenschaft, Medizin oder Politik Hinweise gibt, wie wichtige ethische Konflikte in einer pluralen Gesellschaft zu lösen sind? Das Gremium zweifelte daran wohl selbst. Länger als sonst diskutierten die Mitglieder, ob man sich der Frage überhaupt annehmen solle. Immerhin 9 der 23 Mitglieder votierten dafür, den Paragrafen nicht anzutasten und zu hoffen, dass extreme Fälle wie jener in Sachsen bei Staatsanwälten und Richtern auf Gnade stoßen oder besser auf Desinteresse.

Es gäbe wichtigere Fragen. Die Sterbehilfe gehört dazu, die Ärzte wie Politiker entzweit und die der Bundestag im kommenden Jahr gesetzlich regeln muss. Auch die Lage vieler alter Menschen in Heimen ruft nach Aufmerksamkeit. Oder auch die weiterhin hohe Zahl von Abtreibungen in diesem sehr reichen Land. Und wer es etwas spezieller haben will, für den bleibt die Eizellspende: Warum ist die verboten, während die Samenspende erlaubt ist? Die Frage betrifft immerhin ein vierstellige Zahl von deutschen Paaren, die jährlich für fremde Eizellen ins Ausland gehen. Bedarf für Rat in Wertefragen gibt es reichlich, gerade in der Mitte der Gesellschaft. Randständige Angelegenheiten sollte der Ethikrat anderen überlassen.