Am 2. September 2014, kurz nachdem das Video, welches die Enthauptung des amerikanischen Journalisten Steven Sotloff durch eines oder mehrere Mitglieder der Terrorgruppe IS zeigt, online erschien, geschah etwas Merkwürdiges: Der IS veröffentlichte, zuerst im Deep Web, dann auch im normalen Internet, eine offizielle Entschuldigung. Allerdings nicht für den Mord, sondern für den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Durch ein Versehen eines Bruders sei das Video früher als geplant gepostet worden. "Wir haben versucht, das Video zu entfernen", heißt es in dem Statement. "Wir entschuldigen uns bei den Mitstreitern des Islamischen Staates."

Dies zeigt, wie hoch der Grad an Planung und Choreografie jedes einzelnen Elements dieses neuen, Furcht einflößenden Phänomens der Enthauptungsvideos ist. Dabei ist es an sich gar nicht neu. Enthauptungen wurden fleißig gefilmt, seit es Filmkameras gibt. Das Enthauptungsvideo ist bereits ein eigenes Genre innerhalb der parallel zum Schlachtfeld ablaufenden bildlich-medialen Kriegsführung.

2004 wurde der Journalist Nicholas Berg im Irak von Al-Kaida-Terroristen enthauptet. Das Video zirkulierte damals lange im Internet und wurde viele Millionen Male angeklickt. Ich schaute es mir auch an. Nach wenigen Sekunden musste ich nach unten scrollen, weil ich das Gemetzel nicht aushielt, aber ich hatte den Ton immer noch eingeschaltet. Bergs verzweifeltes Geschrei verwandelt sich an der Stelle, da seine Kehle durchtrennt wird, in einen Laut hastig und filterlos ausgestoßenen Lungenvolumens. Wo vorher eine menschliche Stimme war, ist in der nächsten Sekunde nur noch ein heiseres Zischen, ein Entweichen von Atemluft durch eine offene Röhre. Es ist der entsetzlichste Laut, der sich je in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Was an den drei neueren IS-Videos sofort auffällt, ist die Tatsache, dass sie, im Unterschied zu allen anderen ähnlichen Aufnahmen davor, die Enthauptung selbst gar nicht zeigen. Kein Gemetzel, kein schreiendes, brutal abgeschlachtetes Opfer. Die Intention der IS-Kämpfer ist es, eine möglichst weite virale Verbreitung zu erreichen. Deshalb haben sie jeden Aspekt ihrer Videos sorgfältig geplant und ausgearbeitet.

Die IS-Enthauptungsvideos sind echte Snuff-Videos, nach der alten Definition: nicht einfach mit einer Kamera festgehaltene Morde oder Hinrichtungen, sondern verfilmte Kurzdrehbücher. Der Islamische Staat degradiert das Opfer kurz vor seinem Tod zum Schauspieler, es hat einen vorbereiteten Text aufzusagen und eine Rolle zu spielen. Es trägt symbolträchtige Kleidung: den orangen Overall, so wie ihn auch die Gefangenen von Abu Ghraib und Guantánamo tragen müssen. Es hat eine bestimmte Pose einzuhalten, der Drehort ist inszeniert, die Bildästhetik wohlüberlegt. Albtraumhaft greller Wüstenhintergrund, eine Welt ohne Zufluchtsmöglichkeiten, keine Zivilisationsmerkmale in Sicht. Und jener merkwürdig unecht und parodistisch wirkende, in einem grotesk überzeichneten, an Sacha Baron Cohens Figur "Ali G" erinnernden Londoner Akzent sprechende, schwarz verhüllte Kämpfer, der die Rolle des Henkers spielt. Die Opfer wirken außerdem bemerkenswert ruhig und gefasst – und selbst wenn dies dem außergewöhnlichen Mut und Stoizismus dieser Männer zuzuschreiben ist, ist es doch zugleich genau das Bild, das der IS zeigen möchte. Kein Aufbegehren, kein letzter Kampf, kein Gerangel, sondern ein besiegter, sich dem Schicksal ergebender Feind. Ein in einen monolithischen Propagandablock verwandelter Mensch.