Die Meinungen darüber, wer oder was Jonathan Meese sei, gehen weit auseinander. Handelt es sich um eine Kunstfigur, die mit den Ritualen und Reflexen des Kunstbetriebs Schabernack treibt? Um einen altbackenen Provokateur, der mit seiner (echten) Mutter durch die Lande zieht und dessen Hang zum Hitlergruß die Gerichte beschäftigt? Oder haben wir es mit einem visionären Gesamtkunstwerker zu tun, der seinen Finger da in die Wunde legt, wo es wehtut – beim Kuschelfaktor unseres Kulturwollens nämlich, bei der Wohlgefälligkeit aller Kunstanstrengung? "Wir haben uns der Kunst auszuliefern", sagt Meese. Und fordert: "Nicht Mitmachtheater, nicht Mitmachoper, nicht Mitmachkunst. Das ist alles von gestern, damit soll das Publikum nur bestochen werden, zum Komplizen gemacht werden, das ist der Trend heute. Man will Lobhudelei schon im Voraus, man will nur noch das machen, was gefällt." 2016 wird Jonathan Meese bei den Bayreuther Festspielen Wagners Parsifal inszenieren. Sein Verhältnis zur Oper hat er im vergangenen Herbst im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts der Kunstuniversität Graz dargelegt. Von seinem Vortrag Kunst – Zukunft der Oper – Kunst zeigen wir hier zwei Seiten. Das vollständige zwölfseitige Manuskript findet sich in dem soeben erschienenen Buch, das das Projekt mit Diskussionen, Workshops und Aufführungen dokumentiert und Mut macht, sich mit dem Musiktheater, wie es ist, nicht zufriedenzugeben.