Dass die Welt nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht, ist eine alte Weisheit, für die man ohne Murren im Bus aufsteht. Wer ihr widerspricht, gehört a) zur Gattung der Hunde und kann rein sehtechnisch nicht anders, obwohl die Forschung selbst diesen Tieren mittlerweile auch Grün und Blau zugesteht. Oder man heißt b) Karl Lagerfeld. Ja genau, der "Modezar" und hanseatisch klimatisierte Schnellsprechapparat, der sein Äußeres strengst mit den beiden Nichtfarben gestaltet. Seine Markenzeichen sind der weiße Puderzopf und die schwarze Sonnenbrille, die er auch drinnen nicht absetzt, woran man im Normalfall den Fatzke erkennt, was aber bei Lagerfeld als Extravaganz durchgeht.

Wer es schwarz auf weiß braucht: "Mit meiner dunklen Sonnenbrille vermag ich die alte und die neue Welt gleichzeitig zu sehen." So steht es geschrieben in der ersten Ausgabe von Karl Daily, einer Zeitung, geschaffen vom "Meister" (Gala) selbst, die am vergangenen Wochenende in den sogenannten Karl-Stores von Antwerpen bis Paris auslag – und wegen der Doppelsicht auf alte und neue Welt gleichwohl auch im Internet zu lesen ist (www.karl.com). 20 Seiten, auf denen man allerhand erfährt. Etwa dass Lagerfeld "Hunderte iPods" besitzt, seine Büchersammlung "legendär und überwältigend" ist, er keine Angst vor dem "weißen Papier" (vielleicht vor rotem?) hat und was seine Katze Choupette zu alldem sagt. Ein Horoskop empfiehlt unter anderem den Waagen viel Mut zu modischen Risiken, und als Zugabe gibt es "Karlismen" genannte Sinnsprüche, Sätze, welche die halbe Welt für ein Symptom des Geniebefalls hält, den Lagerfeld in seiner Zeitung nicht ganz unironisch zelebriert.

Das erste Zeitungsselfie der Welt! Wenn es stimmt, dass Lagerfeld die neuesten Trends erkennt, bevor "du überhaupt weißt, was gerade in Mode ist", können wir uns forthin auf die Borisbeckerisierung dieser publizistischen Avantgarde gefasst machen, auf "Birgit Schrowange Weekly" und "Bushido am Sonntag". Übrigens: Vor einigen Jahren gab es schon Lagerfelds Selbstporträt in Spielzeugform, erhältlich in einem Pariser Edelkaufhaus: "Zinnsoldat" hieß diese Figur. Ein Name, der womöglich auch die kuriose Bewunderung erklärt, die Lagerfeld sowohl auf dem Boulevard genießt als auch unter Leuten, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Berliner Stadtschloss: glamouröser Sonnenkönig mit protestantischer Arbeitsethik, die Faszination für Arkadien und die neofeudale Begeisterung fürs Preußentum. Wobei der Unterschied zwischen Friedrich dem Großen und Karl dem Großen sich nicht nur darin ausdrückt, dass Friedrich eine Brieffreundschaft mit Voltaire pflegte, Lagerfeld hingegen bloß am Quai Voltaire wohnt.