Manchmal betritt sie jenes Zimmer, das heute ein Büro ist, immer eins war und nie eins hätte sein sollen. Sie geht zu dem Koffer hinten in der Ecke, öffnet ihn, fischt einen Strampler heraus, streicht ihn glatt.

"Sie haben den Hormonspiegel einer 60-Jährigen", sagte der Arzt, als sie gerade 33 war.

Sie nimmt die kleinen Turnschuhe in die Hand, zwei Finger passen hinein.

"Sie sind vorzeitig in die Wechseljahre gekommen."

Sie faltet das Lätzchen, noch nie war ein Fleck darauf.

"Es tut mir sehr leid, aber Sie werden auf natürlichem Weg kein Kind bekommen können."

Sie legt alles zurück. Den Strampler, die Turnschuhe, das Lätzchen. Sie verschließt den Koffer, stellt ihn weg.

Sechs Jahre sind vergangen, seit der Arzt Silvana Schulze erklärte, dass eine andere Zukunft auf sie wartete als jene, die sie und ihr Mann geplant hatten. Die beiden hatten sich gerade ein Haus gekauft. Sie wollten Kinder. Aber Silvana Schulze ist unfruchtbar, so wie sechs Millionen Männer und Frauen in Deutschland.

Silvana Schulze ist Ende dreißig. Sie und ihr Mann sind bereit, alles zu tun, um sich ihren Traum vom eigenen Kind zu erfüllen. Dabei gehen sie Wege, von denen sie nie zuvor gehört hatten und die ihnen, hätten sie davon gehört, unvorstellbar erschienen wären.

Die Schulzes dachten zunächst an Adoption. Dann lasen sie, dass auf zehn adoptionswillige Paare ein Kind kommt. Also gingen sie einen Schritt weiter, es würde nicht der letzte bleiben. Sie versuchten es mit einer Eizellspende. Die Schulzes wussten, dass die Methode in Deutschland verboten ist, aber sie verstanden nicht recht, warum. Wieso sollte eine Samenspende erlaubt sein, eine Eizellspende aber nicht? Sie fuhren nach Spanien. Dort setzte man Silvana die Eizelle einer fremden Frau ein, die mit dem Samen von Silvanas Mann befruchtet worden war.

Aus Vorfreude kauften sie in Barcelona den Strampler, der heute in Silvana Schulzes Koffer liegt. Doch dieser erste Versuch missglückte. Sie probierten es ein zweites Mal. Sie warteten wieder, kauften die kleinen Turnschuhe. Doch der Schwangerschaftstest ergab wieder nur ein verdammtes Minus. Sechs Jahre, vier missglückte Versuche, 15.000 Euro Schulden.

Silvana Schulze hat blondes Haar, das sie gern verwuschelt trägt, ein rundliches Gesicht, eine Stupsnase. Trotz ihrer fast 40 Jahre hat sie etwas Mädchenhaftes. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem kleinen Ort in Hessen. Sie sitzt auf der Couch im Wohnzimmer des zu leeren Hauses, und während sie erzählt, wie ihre Verzweiflung sich steigerte und steigerte, rutscht ihre Hand immer wieder über die Sitzfläche des Sofas hinüber, sucht die Hand ihres Mannes. Wenn es doch nur klappen würde, denke sie oft, dann wäre alles gut. Dann müsste sie nicht mehr die Straßenseite wechseln, wenn sie eine Schwangere sieht. Dann könnte auch sie bei der Arbeit sagen, dass sie in den Frühdienst will, weil sie am Nachmittag zum Kindergarten muss. Dann würde endlich jemand zu ihr sagen: Mama, ich hab dich lieb.

An einem Abend im vergangenen Winter, als die Schulzes um ihren Zukunftstraum bangten, setzte sich Carlheinz Schulze an seinen Computer. Er suchte nach einer anderen Methode, nach einer Möglichkeit, die ihm bisher entgangen war. Es musste doch etwas geben! Dann fand er es. "Silvana, komm mal schnell! Ich hab was Neues!" Seine Frau eilte ins Arbeitszimmer, wo ihr Mann am Rechner saß. "Das ist es!", rief er. Ungläubig starrte Silvana Schulze auf das Wort "Embryonenspende".

Die Eizellspende ist in Deutschland verboten

In einem kleinen Büro in Dillingen, im ersten Stock über dem Dänischen Bettenlager, sitzt Hans-Peter Eiden und erklärt, was das ist – eine Embryonenspende. Eiden ist der Geschäftsführer des Netzwerks Embryonenspende, einer Art medizinischer Vermittlungsagentur. "Es ist ganz einfach", sagt er. Für eine künstliche Befruchtung entnehmen die Ärzte der Frau Eizellen und befruchten sie. Eigentlich sollten nur so viele Eizellen befruchtet werden, wie der Frau auch wieder eingesetzt werden, nämlich maximal drei. Da aber nicht alle Zellen in der Petrischale überleben und die Ärzte den Frauen ersparen wollen, die Prozedur wieder und wieder zu durchlaufen, befruchten sie mehr. Oft 15 bis 20 Stück pro Patientin. Die besten setzt der Arzt der Frau ein. "Die übrigen werden bei minus 196 Grad eingefroren", sagt Eiden. "Kryokonserviert heißt das."

Tiefgekühlt lagern die Zellen, bis das Paar sie für einen weiteren Versuch verwenden will. Manchmal nur Monate, manchmal auch Jahre oder Jahrzehnte. Aber was macht man mit diesen Zellen, wenn die Paare so viele Kinder wie gewünscht bekommen haben? "Hier setzt die Idee des Netzwerks Embryonenspende an", sagt Eiden: "Man könnte sie ja an kinderlose Paare vermitteln."

Es klingt grotesk, dass man einen Embryo spenden kann. Dass einer Frau ein ihr und ihrem Mann genetisch vollkommen fremdes Kind eingesetzt wird – und dass sie es austrägt, als wäre es ihr eigenes. Vielleicht ist es aber bloß so grotesk, wie es den Menschen vor mehr als 30 Jahren erschien, eine Eizelle und ein Spermium in einer Petrischale miteinander zu verschmelzen und daraus ein Kind entstehen zu lassen.

Als 1978 in England das erste Retortenbaby geboren wurde, war das eine Sensation: Geburt eines Wunderbabys, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Schönes neues Baby war eine Schlagzeile der ZEIT. Die Menschen waren fasziniert von den Möglichkeiten der Medizin und erschrocken zugleich. Sie gruselten sich. Ein Stern- Leser fragte: "Was müssen das für Menschen sein, die bereit sind, wie ein Kuckuck ihre eigenen Eier in fremden Nestern oder Plastikbehältern ausbrüten zu lassen?" Als vier Jahre später das erste deutsche Retortenbaby namens Oliver zur Welt kam, widmete die Bild dem Säugling zwar noch eine ganze Seite. Die Frage, ob eine künstliche Befruchtung legitim ist, wurde in den Zeitungen aber kaum noch gestellt. Inzwischen ist die Befruchtung in der Petrischale nichts Besonderes mehr, genauso wie die Samenspende.

Befeuert davon, dass die Menschen in den westlichen Industrieländern immer später Kinder bekommen, schreitet die Entwicklung der Reproduktionsmedizin in einem atemberaubenden Tempo voran. Ständig werden neue Verfahren entwickelt, die kurz zuvor noch undenkbar waren und jedes Mal wieder die Fragen aufwerfen: Haben Eltern das Recht auf ein eigenes Kind, wenn sie auf natürlichem Weg keins bekommen können? Was macht Eltern zu Eltern, was macht einen Menschen und das Erbe, das er bei der Geburt bekommt, aus?

Das Netzwerk Embryonenspende wurde vor einem Jahr gegründet, 16 bayerische Reproduktionszentren machen mit. In anderen Bundesländern hat man sich vorerst gegen die Embryonenspende entschieden. Der Berufsverband der Hamburger Reproduktionsmediziner ist der Meinung, es seien noch zu viele juristische Fragen offen. Kann das Kind Unterhaltsansprüche gegen seine leiblichen Eltern geltend machen? Und von wem wird es später einmal erben – von den leiblichen Eltern, den Eltern, bei denen es aufwächst, oder sogar von beiden? Und dann gibt es noch juristische Fragen, die sich viel früher stellen, noch bevor der Embryo in die Gebärmutter der Empfängerin eingesetzt wird.

Die Eizellspende ist in Deutschland verboten. Der Gedanke dahinter war vor allem, dass man verhindern wollte, dass ein Kind gewissermaßen zwei biologische Mütter hat: die Spenderin der Eizelle und die Frau, die das Kind austrägt. Die Embryonenspende aber ist erlaubt, wenn sie "die einzige Möglichkeit ist, den Embryo vor dem Absterben zu bewahren". So steht es seit 1989 in der Begründung des Embryonenschutzgesetzes. Das Problem ist: Es gibt nicht nur Eizellen, die man nicht spenden darf, und Embryonen, die man spenden darf. Es gibt auch Fast-Embryonen: Eizellen im sogenannten Vorkernstadium, die schon befruchtet, aber noch nicht ganz mit dem Samen verschmolzen sind. Aus ihnen können sich beim Auftauen Embryonen entwickeln. Für sie gibt es keine spezielle gesetzliche Regelung – aber genau solche Zellen bleiben oft nach einer künstlichen Befruchtung übrig. Laut einer Umfrage des Berufsverbandes Reproduktionsmedizin Bayern lagern allein in diesem Bundesland rund 1.000 Embryonen und 20.000 Eizellen im Vorkernstadium.

Das Netzwerk Embryonenspende macht sich die Gesetzeslücke zunutze: Trotz der unklaren Rechtslage verwaltet Hans-Peter Eiden schon jetzt eine Datenbank mit möglichen Spendern und Empfängern, vermittelt für 150 Euro pro Fall fast befruchtete Eizellen und Embryonen. Die ersten Babys wurden schon geboren.

Jetzt hat sie drei Kinder und zwei mögliche auf Eis

Auch Silvana und Carlheinz Schulze stehen auf Eidens Liste, sie wissen nicht, an welcher Position. Gleich nachdem sie vom Netzwerk Embryonenspende gelesen hatten, rief Carlheinz Schulze dort an. Hans-Peter Eiden erklärte ihm, sie brauchten bloß eine ärztliche Bestätigung, dass sie auf natürlichem Weg kein Kind bekommen können. Ein paar Tage später schickte Eiden ihnen den Vertrag und einen Bogen, auf dem sie ankreuzen sollten, welche Blutgruppe sie haben, welchen Hauttyp, welche Körpergröße, welche Augen- und Haarfarbe. "Man hat uns gesagt, man sucht dann Spender, die unseren Angaben entsprechen", sagt Carlheinz Schulze. "Aber eigentlich ist uns das egal. Wir wünschen uns nur ein Kind."

Ein Kind, ausgesucht nach Haar- und Augenfarbe? "Na ja", sagt Eiden, "wenn die Wunscheltern hellblonde, nordische Typen sind und die Spender rassige Spanier mit einem dunkleren Teint, dann wäre es etwas auffällig." Schließlich, sagt Eiden, hänge ja nicht jedes Paar die Sache an die große Glocke, und es gebe keine Pflicht, es den Kindern später einmal zu sagen. Dann schiebt er hastig nach: "Auch wenn wir natürlich empfehlen, es den Kindern zu sagen."

Die Embryonenspende ist anonym. Als Mutter gilt in Deutschland die Frau, die das Kind auf die Welt bringt. Zugleich hat jedes Kind das Recht, spätestens im Alter von 18 Jahren zu erfahren, wer sein biologischer Vater ist. Deshalb bewahrt das Netzwerk Embryonenspende die Unterlagen über die leiblichen Eltern auf.

Vielleicht ist es ethisch vertretbar, verwaiste Embryonen einer fremden Frau zu übertragen – und so den biologischen Eltern nicht nur die Wahl zu lassen zwischen jahrzehntelangem Einfrieren und Entsorgen. Aber was ist mit den Kindern? Ist es auch ethisch vertretbar, ihnen andere Eltern als ihre leiblichen zuzuteilen? In den Beginn ihres Lebens einzugreifen?

Eiden verschränkt die Arme vor der Brust, er wirkt jetzt ärgerlich. Er sagt: "Die Kinder sollen froh sein, dass sie am Leben sind." Und überhaupt, es gehe doch um die Paare, die unter ihrer Kinderlosigkeit litten. Paare, die sich verschuldeten wie Silvana und Carlheinz Schulze. "Denen will ich helfen, deshalb mache ich das." Und nicht zuletzt tue er es für die Spenderinnen, die ebenfalls litten, weil sie es nicht übers Herz bringen, ihre Embryonen vernichten zu lassen. "Für unsere Paare sind es nicht einfach Zellen", sagt er. "Sondern kleine Kinder."

Julia Grünert* hat zwei solche Kinder, zwei eingefrorene, befruchtete Eizellen. Sie steht in ihrer Küche, irgendwo in Deutschland, und kocht die Schnuller ihrer Zwillinge aus, räumt das Geschirr vom Vortag zur Seite. Die Schatten unter ihren Augen erzählen von kurzen Nächten, die Falten verraten ihr Alter. Julia Grünert ist 46, mithilfe einer künstlichen Befruchtung bekam sie mit 40 das erste Kind und mit 45 noch einmal Zwillinge. Sie musste sich täglich Hormone spritzen, damit man ihr möglichst viele Eizellen entnehmen konnte. Von den Hormonen war ihr ständig schlecht, sie bekam Hitzewallungen und hatte Schmerzen von Wassereinlagerungen im Bauch. Das nahm sie gern in Kauf. "Man rutscht da so rein", sagt sie. "Zuerst denkst du nur: Ich will ein Kind. Und auf einmal sitzt du da mit der Spritze in der Hand." Irgendwann sei es wie eine Sucht. "Du sagst dir immer: Nur noch ein Mal, nur noch ein letzter Versuch."

Julia Grünert und ihr Mann haben niemandem von der künstlichen Befruchtung erzählt. Bis heute nicht. Sie weiß noch, wie sie sich vor Meetings schnell eine Injektion setzte, wie sie bei der Arbeit immer neue Ausreden erfand, weil sie wieder einen Termin beim Gynäkologen hatte. Von den Ärzten wurde sie zwar über die gesundheitlichen Risiken ihrer Behandlung aufgeklärt, aber dass nach einer künstlichen Befruchtung Embryonen übrig bleiben könnten, sagte ihr niemand. Jetzt hat sie drei Kinder und zwei mögliche auf Eis. Auf dem Küchentisch liegt die Halbjahresabrechnung fürs Einfrieren: 148,75 Euro. Weitere Kinder wollen sie und ihr Mann nicht, mit dreien seien sie finanziell und psychisch am Limit, sagt Julia Grünert. Ihr Arzt hat ihr jetzt vorgeschlagen, ihre Embryonen anderen Paaren zu spenden. Geld würde Grünert dafür nicht bekommen. Aber vielleicht ein gutes Gefühl?

Wenn Julia Grünert sich entschließen sollte, ihre Embryonen zu spenden, könnte es sein, dass ihre Kinder bei Silvana und Carlheinz Schulze aufwachsen. Grünert kennt die Schulzes nicht und würde sie zunächst auch nicht kennenlernen. Sie fragt sich, wie es wäre, nicht zu wissen, wo in Deutschland ihre leiblichen Kinder aufwachsen. Was passiert, wenn in 18 Jahren ein junger Mann, eine junge Frau vor der Tür steht und sagt: "Ich bin dein Kind"? Sie weiß nicht, ob sie nicht doch Muttergefühle entwickeln würde. Sie weiß nur, dass sie die Embryonen nicht vernichten will.

Acht Prozent der Kinderwunschpaare spenden ihre überzähligen Embryonen

Wie ist es, seine Embryonen wegzugeben? Wie ist es, andersherum, ein Kind auszutragen und großzuziehen, das einem biologisch fremd ist? Wie reagieren die Kinder, die aus einer Embryonenspende hervorgegangen sind, wenn sie von ihren Entstehungsbedingungen erfahren? Es gibt niemanden in Deutschland, der einem all diese Fragen beantworten kann. Auch niemand vom Netzwerk Embryonenspende: Die ersten aus einer Embryonenspende stammenden Kinder sind ja noch ganz klein.

Parker, ein Vorort von Denver. Eine typische amerikanische Kleinstadt, in der ein Haus aussieht wie das andere und es nicht viel mehr gibt als eine Handvoll Malls, ein paar Tankstellen und Motels. In einem Garten fliegt Mark, ein schlaksiger Junge mit lockigem Haar, für ein paar Sekunden durch die Luft und dreht sich um die eigene Achse, bevor er wieder auf dem Trampolin landet. "Hast du das gesehen?", ruft er seinem Zwillingsbruder Luke zu. Der 13-jährige Luke, der nicht aussieht wie sein Zwilling, eher dicklich, das Gesicht breit, die Haare glatt, grinst herausfordernd. "Das schaff ich auch!" Gerade will auch er auf das Trampolin steigen, als eine Stimme aus dem Haus ruft. "Kommt jetzt rein, Hausaufgaben!" Mark und Luke schauen sich an, als wollten sie abschätzen, ob sie es wagen können, die nervige Stimme zu ignorieren, da tönt es ein zweites Mal: "Mark! Luke!" Und dann: "Wenn ihr nicht hört, schicke ich euch zu den Zanes zurück!"

Mark hüpft auf dem Trampolin hin und her, Luke rollt mit den Augen. "Mach doch, Mama!", ruft Mark. Lucinda Borden steht in der Terrassentür und lacht. "Das sage ich immer, wenn sie nicht hören wollen. Aber es beeindruckt sie nicht sonderlich", sagt sie.

Lucinda Borden hat Mark und Luke vor fast 14 Jahren auf die Welt gebracht. Die Zanes, Tim und Donna Zane, sind die genetischen Eltern der Zwillinge. Mark und Luke Borden sind das zweite und dritte Kind in den USA, die als Embryo adoptiert wurden. Seit 17 Jahren ist das in den USA möglich. Laut Statistik spenden dort heute acht Prozent der Kinderwunschpaare ihre überzähligen Embryonen.

Als Lucinda Borden einfach nicht schwanger wurde, dachte sie nicht an eine Embryonenadoption. Die längste Zeit ihres Lebens hatte sie sich nicht einmal vorstellen können, ein fertiges Kind zu adoptieren. Lucinda selbst war drei Wochen alt, als ihre leibliche Mutter sie in andere Hände gab. Sie wusste, wie es sich anfühlt, adoptiert zu sein. "Immer hatte ich diese brennenden Fragen in mir: Wer sind meine leiblichen Eltern? Von wem habe ich meine blauen Augen? Warum hat meine Mutter mich weggegeben? Es war hart."

Erst nach dem Tod ihrer Adoptivmutter machte Lucinda sich auf die Suche nach der Frau, die sie auf die Welt gebracht hatte. Sie fand – eine Fremde. "Als ich merkte, dass da so wenig ist, was uns verbindet, begriff ich, dass Gene nicht so wichtig sind. Ich begriff, dass eine Mutter die Frau ist, die dich tröstet, wenn du weinst."

Vielleicht stimmt es, dass Kinder das Leben ihrer Eltern wiederholen. Lucinda ging zur selben Adoptionsagentur, bei der auch sie vermittelt wurde: Nightlight. Erst dort erfuhr sie, dass es noch eine Möglichkeit gab: einen Embryo zu adoptieren. Lucinda und John überlegten: Wollten sie ein Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung entstanden ist? Lucinda ist gläubige Christin, sie unterrichtet an einer Sonderschule und arbeitet nebenbei als Seelsorgerin. Sie ist, wie die katholische Kirche, grundsätzlich gegen künstliche Befruchtung und würde sie selber nie in Anspruch nehmen. Die Kirche sagt aber auch: Ein Embryo ist ein Leben, und jedes Leben sollte gerettet werden.

Zu jener Zeit, als Lucinda und John Borden beschlossen, einen Embryo zu adoptieren, gebar Donna Zane Drillinge. Sie wollte nicht mehr als diese drei Kinder – aber ihre Embryonen zu vernichten schien ihr falsch. Mit ihrem Mann Tim beschloss sie, die Embryonen zu spenden. Doch anders als in Deutschland, anders als beim Netzwerk Embryonenspende, ist die Embryonenadoption in den USA nicht zwangsläufig anonym. Bei Nightlight sucht das Spenderpaar die Empfängerfamilie mit aus und entscheidet, wo seine Kinder aufwachsen sollen. Donna und Tim Zane wollten ein Paar finden, dem Familienrituale wichtig sind, das gläubig ist. Dann lasen sie die Bewerbung von Lucinda und John Borden, die von Barbecues und Campingurlauben mit der Familie schrieben und von ihrer Kirchengemeinde.

Fast könnte man denken, dass es keinen Unterschied macht

Lucinda Borden sitzt in ihrem Esszimmer, im Nebenraum machen die Zwillinge ihre Hausaufgaben. Lucinda erzählt, wie die Agentur ihnen mitteilte, dass ein Paar aus Maryland, Tausende Kilometer von ihnen entfernt, auf der anderen Seite der Vereinigten Staaten, sie als Adoptiveltern ausgesucht hatte. Lucinda erinnert sich, wie sie und John die erste E-Mail an Tim und Donna Zane schrieben, wie sie die tiefgefrorenen Embryonen schließlich per FedEx für 96,53 Dollar Versandkosten zugeschickt bekamen. Der Arzt der Zanes hatte das Päckchen aufgegeben. Lucindas Gynäkologe setzte ihr die Embryonen ein, und dann endlich, nach sechs Jahren des Wartens, wurde sie schwanger.

Wenn man die Embryonenspende als Adoption begreift, dann ist es eine Adoption mit einer Besonderheit: Das Kind, das man annimmt, ist noch gar keines. Es fühlt noch nicht, schmeckt noch nicht, riecht und hört noch nicht. Es hat noch kein Herz, keine Finger, keine Zehen. Keine Erfahrungen. Alles, was schon da ist, ist ein Haufen Zellen. Es ist die vollkommene Reduktion auf das Biologische. Erst im Körper der Frau wächst der Embryo zu einem Menschen heran, die werdende Mutter spürt das Kind, das sich in ihr bewegt, sie prägt es. Das Kind hört ihre Stimme, spürt, ob sie glücklich oder gestresst ist, ihre Essgewohnheiten während der Schwangerschaft beeinflussen seinen Geschmackssinn. Die beiden sind durch die Nabelschnur miteinander verbunden, gemeinsam erleben sie die Geburt.

Ein fremder Embryo fühlt sich im Bauch an wie ein eigenes Kind. Fast könnte man denken, dass es keinen Unterschied macht.

Lucinda muss nicht selbst erzählen, was es ihr bedeutet, diese Kinder zu haben, ihr ganzes Haus erzählt davon. In jedem Raum hängen Familienbilder, das erste Jahr der Zwillinge hat sie in Monatsschritten von einem Fotografen festhalten lassen, bis heute bewahrt sie alle Milchzähne der Kinder auf, sogar den positiven Schwangerschaftstest hat sie noch.

Am 27. September 2000 bekam Donna Zane, die Spenderin, eine E-Mail mit dem Betreff "Die Babys sind da". Dazu ein Anhang, ein Foto. In den vorangegangenen Monaten hatten Donna und Lucinda Kontakt gehalten. Donna hatte Lucinda Tipps gegeben, was gegen die morgendliche Übelkeit helfe. Man kann sagen, sie hatten sich angefreundet. Und jetzt schickte ihr diese Freundin ein Bild der neugeborenen Kinder. Kinder, die eigentlich ihre, Donnas Kinder waren. Und auf einmal zweifelte Donna: Sollte sie dieses Foto wirklich öffnen? Was, wenn die Zwillinge ihren Kindern ähnelten? Was, wenn sie, Donna, angesichts dieser Bilder Muttergefühle entwickelte? Lange hat sie an diesem Tag vor der E-Mail gesessen. Irgendwann klickte sie doch auf das Symbol. "Bitte, lieber Gott", dachte sie, während sich das Bild aufbaute, "lass sie nicht so aussehen wie meine Kinder!" Dann blickte sie in zwei runde Babygesichter und fand: "Sie sehen ganz anders aus als meine eigenen."

Donna und ihr Mann Tim stehen in der Küche ihres windschiefen Hauses in Rising Sun, einem kleinen Dorf in Maryland, ihre Drillinge zocken im Wohnzimmer Videospiele. Fast 15 Jahre ist es her, dass die Zanes ihre Embryonen gespendet haben. Aus den Zellen von Donna und Tim sind Zwillinge geworden. Pubertierende Jungen, nur wenig jünger als die Drillinge, die Donna zuvor selbst zur Welt gebracht hatte.

Tim Zane zieht sein Smartphone aus der Tasche. Inzwischen schreiben sich die Bordens und die Zanes keine E-Mails mehr, aber sie sind auf Facebook miteinander befreundet. Tim zeigt Lucindas Profilbild, rechts und links von ihr die Zwillinge. "Sie sehen gar nicht aus wie unsere drei", sagt er. Donna und Tim Zane erkennen nicht, dass Mark, der schlaksige Lockenkopf, ihrem Sohn TJ ähnelt, und auch nicht, dass Luke seinem biologischen Vater Tim wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Fragt man Donna und Tim Zane, wie viele Kinder sie haben, sagen sie: "Drei." Fragt man sie, ob es ihnen schwerfiel, ihre Embryonen wegzugeben, sagen sie: "Es war wie eine Blutspende." Ihre Kinder, die Drillinge, sagen: "Die Zwillinge sind wie Fremde für uns."

"Egal, was man tut: Sie sind adoptiert"

Einmal, sagt Tim, hätten die Familien sich getroffen. Die Drillinge waren damals knapp drei Jahre alt. Sie erinnern sich nicht daran. Es war eine spontane Idee der Bordens, sie waren in Maryland unterwegs. "Wir waren total überrumpelt", sagt Tim.

Zwei, drei Stunden seien die Bordens bei ihnen gewesen. Sie hätten miteinander geplaudert, die Kinder herumgereicht. "Hast du nicht die Zwillinge gehalten?", fragt Tim seine Frau. "Ja", sagt Donna. "Aber als sie angefangen haben zu schreien, habe ich sie Lucinda gegeben. Sie wollten zu ihrer Mami."

Es war das erste und letzte Mal, dass Donna und Tim die Zwillinge sahen. "Vielleicht", sagt Donna nun ein wenig nachdenklich, "funktioniert es auch deshalb so gut. Weil wir uns nicht sehen, weil wir weit weg voneinander sind." Nähe schafft Begehrlichkeiten.

"Wir haben ein Foto gemacht, als die Bordens da waren", erzählt Tim. "Alle fünf Kinder auf unserer Couch." Er blickt auf das Klavier im Wohnzimmer, wo Fotos von all den Menschen stehen, die den Zanes wichtig sind: Großeltern, Nachbarn, Freunde.

"Weißt du, wo das Foto mit den Zwillingen ist?", fragt Tim.

"Irgendwo hinten im Schuppen", sagt Donna.

Auch die Bordens haben einen Abzug von dem Bild. Auch Lucinda hat es nicht neben ihre vielen Familienfotos gehängt. Sie bewahrt es in einer Kiste im Esszimmer auf, so wie Donnas E-Mails, den Adoptionsvertrag, die FedEx-Rechnung. Lucinda hat alles gesammelt, was sie an die Adoption erinnert, damit die Zwillinge nachschauen können, wenn sie Fragen haben. "Ich habe ihnen von Anfang an gesagt, dass wir nicht ihre leiblichen Eltern sind", sagt sie. "Ich wollte nicht die gleichen Fehler machen wie meine Adoptivmutter. Sie hat mir Lügengeschichten über meine leibliche Mutter erzählt, weil sie eifersüchtig war."

Lucinda greift nach der Kiste. Fingerdick liegt der Staub darauf. "Mark, Luke, habt ihr da jemals reingeschaut?", ruft Lucinda ins Wohnzimmer.

"Mhm, ja, einmal" und "Nö, weiß nicht", brummt es zurück.

Lucinda schüttelt den Kopf. "Ich verstehe das selber nicht. Aber was soll man machen? Die leiblichen Eltern interessieren sie einfach nicht", sagt sie und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Es ist früher Abend geworden, Lucinda muss noch schnell einkaufen, sie braucht Bohnen und Tomaten für die Tacos zum Abendessen.

Im Auto erzählt sie davon, wie beliebt Mark ist und dass Luke nur gute Noten aus der Schule mitbringt. "Ich bin stolz", sagt sie. "Es sind meine Kinder." Nach einer Weile fügt sie hinzu: "Aber egal, was man tut: Sie sind adoptiert. Das werde ich nie vergessen."

"Wir wünschen Ihnen viel Erfolg, Glück und Ausdauer"

Es war nach dem Besuch bei den Zanes. Wie so oft war es morgens hektisch gewesen. Die Jungs, Kleinkinder noch, anziehen, füttern, alles dauerte zu lange. Lucinda war spät dran. Schnell setzte sie Luke in den Autositz, dann Mark, der zappelte. Sie erinnert sich, wie sie tief durchatmete und Mark und Luke anschaute. "Meine wunderschönen Jungs", dachte sie. Und dann sah sie es. "Mark ähnelt Donna, Luke sieht aus wie Tim." Es war der Moment, in dem es nicht nur in ihrem Kopf ankam, der ja längst alles begriffen hatte. Es war ihr Herz, das endlich verstand. "Ich werde niemals ein Kind haben, das meine Augen hat." An jenem Morgen hat Lucinda geweint, die ganze Autofahrt lang, bis zum Kindergarten.

Während Lucinda einkauft und Mark in seinem Zimmer vor einem Videospiel sitzt, steht Luke am Herd und brät das Hackfleisch für die Tacos. Auf dem Küchentisch steht eine Vase mit Blumen, eine Schachtel Pralinen liegt daneben. Geschenke der Zwillinge an Lucinda. "Wir lieben Dich, Mama", steht auf der Karte. Zwei Tage zuvor war Muttertag. Bei Donna hat Luke an diesem Tag nicht angerufen.

Interessieren ihn seine biologischen Eltern, seine Geschwister wirklich nicht?

Luke schaut sich um. Keiner da. Er spricht nicht gern über diese Dinge, wenn Lucinda dabei ist, er will ihr nicht wehtun. Er sagt: "Ich wüsste gern, wie ihre Stimmen klingen, ich wüsste gern, wie Donna ist, ob sie streng ist. Einfach wie sie so sind." Er fragt sich, ob die Zanes ein größeres Haus haben als sie selbst und ob er seine Leidenschaft fürs Essen von seinem genetischen Vater Tim hat.

Wenn er nun einmal mit ihnen telefonieren würde – was würde er seinen Eltern sagen, was würde er sie fragen? "Warum habt ihr mich weggegeben? Das würde ich sie fragen." Luke stellt sich dieselben Fragen wie fast jedes Kind, das adoptiert wurde. Dieselben, die auch seine Mutter Lucinda quälten.

Für einen Moment ist es ganz still in der Küche, Luke schaut angestrengt auf das Mett in der Pfanne. Dann das Klappern der Haustür. "Ich bin wieder da!", ruft Lucinda. "Hallo, Mama", sagt Luke und küsst sie auf die Wange.

Es gibt kaum Studien zur Embryonenspende, darüber, wie Spender, Empfänger und Kinder damit umgehen. Die deutsche Sozialarbeiterin und Familientherapeutin Petra Thorn arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Psychosozialen Kinderwunschberatung, begleitet Paare, die über eine Samen- oder Eizellspende nachdenken. Das Wichtigste für die Eltern, sagt Thorn, sei, sich klarzumachen, dass ein gespendeter Embryo kein eigenes Kind ist, nicht das Kind, das sie sich gewünscht haben. Die Eltern müssen um das Kind, das sie nie haben werden, trauern. Sie müssen sich darauf vorbereiten, dass die Spender zu ihrer Familie dazugehören werden. Auch wenn das wehtut. Auch wenn da Konkurrenzgefühle sind. Es ist eben doch etwas anderes, einen fremden Embryo auszutragen, als den eigenen. Auch wenn es sich während der Schwangerschaft für die Adoptivmutter so angefühlt hat, als wäre es ihr eigenes Kind, weil es in ihrem Bauch heranwuchs, weil sie es gebar, es stillte.

Die Adoptivkinder, mit denen Thorn gesprochen hat, sagen: Meine Eltern sind die Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin. Und trotzdem wollen viele wissen, von wem sie abstammen. "Sie fragen sich, von wem sie ihre Locken, ihre schlechten Augen, ihre Vorliebe für Schokolade haben. Sie wollen ein Gesicht sehen, mit den leiblichen Eltern ins Gespräch kommen." Es geht den Kindern nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Sie lieben ihre sozialen Eltern, und sie wollen wissen, wer die anderen sind.

Es ist Sommer geworden in Deutschland, fünf Monate sind vergangen, seit die Schulzes sich beim Netzwerk Embryonenspende angemeldet haben. Noch immer sind sie zu zweit, noch immer warten sie auf einen Embryo. Nur einmal haben sie in der Zwischenzeit Post vom Netzwerk Embryonenspende bekommen: "Leider ist bis zum heutigen Zeitpunkt kein passender Embryo gefunden worden. Sollte einer gefunden werden, informieren wir Sie. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg, Glück und Ausdauer auf der Suche nach Ihrem Kind."

"Der Zoodirektor, das bin ich"

Es gibt einen Ort, an dem man passende Embryonen findet, ohne lange warten zu müssen. Er liegt außerhalb von Deutschland und der Reichweite deutscher Gesetze, in Tschechien.

Auch dort bieten Reproduktionsmediziner Embryonenspenden an, aber mit einem Unterschied zu Deutschland: Die Embryonen sind in der Regel nicht bei einer künstlichen Befruchtung übrig geblieben. Sie werden aus einer Samen- und Eizellspende kreiert. Sie werden gemacht nach den Vorstellungen der Kunden: Die zukünftigen Eltern wählen die Spender nach Größe, Haar- und Augenfarbe aus, danach, ob sie studiert haben, aus der Stadt oder vom Land kommen, ob sie musisch begabt oder sportlich sind. Man bastelt sich sein Kind.

Die Frauen, die ihre Eizellen spenden, sind jung, die Männer, die ihr Sperma geben, potent. Die Chance, ein Kind zu bekommen, sei dadurch um 30 Prozent höher als bei den verwaisten Embryonen aus Deutschland, werben die Mediziner. Kinderwunschpaare zahlen bis zu 6.000 Euro für so einen "frischen" Embryo. Nicht nur in Tschechien ist das möglich, auch Einrichtungen in Spanien und den USA bieten kreierte Embryonen an. Für viele Deutsche liegt Tschechien aber näher.

Der Weg führt über Prag und dann weiter in Richtung Osten. In der Kleinstadt Kostelec nad Orlicí hat Doktor Jiří Doležal seine Klinik in einer Villa aus den dreißiger Jahren. Seit 20 Jahren arbeitet Doležal als Reproduktionsmediziner, die Kinderwunschklinik Arleta gründete er 2003. Sie ist eines von circa 35 solcher Zentren in Tschechien. Hunderten, vielleicht Tausenden von Paaren hat Doležal schon zu einem Baby verholfen. Heute, an einem sonnigen Samstagmittag im Juni, will er das Kinderglück feiern. Jedes Jahr veranstaltet er ein Fest für all die Eltern, deren sehnlichsten Wunsch er mithilfe einer Eizell- oder Embryonenspende erfüllte. "Dieses Jahr ist unser Motto Zoo", sagt Doležal. "Weil es im Zoo ist wie bei uns: Der Direktor muss den Tieren helfen, damit sie sich fortpflanzen können. Der Zoodirektor, das bin ich." Deshalb trägt Doležal an diesem Tag keinen Arztkittel, sondern ein Khakihemd, einen Tropenhut und beigefarbene Knickerbocker. Um die Hüften hat er einen Gürtel mit Spielzeug-Betäubungsmunition geschnallt. In diesem Aufzug schreitet er durch den parkartigen Garten seiner Villa, vorbei an einer Hüpfburg und einem Planschbecken, schüttelt die Hände der ersten Gäste und streichelt über Kinderköpfe.

Doležals Klinik ist nicht nur eine Kinderwunschklinik, der Arzt betreut auch Frauen aus der Umgebung, die auf natürlichem Weg schwanger wurden. Unter diesen Patientinnen findet er die Eizellspenderinnen, die er braucht, um die Embryonen zu kreieren. "Wenn ich sehe, dass eine schwangere Frau hübsch und klug ist, frage ich sie, ob sie nach der Geburt nicht anderen Paaren helfen und ihre Eizellen spenden möchte." Umgerechnet 600 bis 800 Euro zahlt Doležal den Spenderinnen. Den Samen für den Embryo bekommt Doležal von einer Samenbank. Samen und Eizelle führt er in seinem Labor zusammen, im Keller des Hauses.

Die Entstehung dieser Kinder hat wenig zu tun mit dem Zufall oder dem Schicksal einer natürlichen Zeugung. Es liegt auch nicht in der sprichwörtlichen Hand Gottes, ob die Kinder helle oder dunkle Haut haben. Es ist die Hand von Jiří Doležal.

Der Doktor lässt sich mit einem kleinen Jungen fotografieren, drückt einem Mädchen einen Lutscher in die Hand. Kaum ein Kind auf diesem Fest ist älter als fünf. "Wenn die Kinder älter werden, kommen die Eltern nicht mehr zu unserer Feier", sagt Doležal. "Die Kinder fragen dann zu viel."

Doležal rät den Eltern davon ab, ihren Kindern etwas über deren Entstehung zu verraten. Denn anders als beim Netzwerk Embryonenspende können die Kinder, die hier gezeugt werden, ohnehin nicht erfahren, wer ihre leiblichen Eltern sind. Spender und Spenderinnen bleiben anonym. "Warum sollte ein Kind das Recht haben, seine biologische Herkunft zu kennen?", fragt Doležal. "Es gibt so viele Kuckuckskinder, denen wird auch nie erzählt, wer ihr leiblicher Vater ist."

Sie hat beschlossen, ihrem Kind die Wahrheit zu sagen

Während der Direktor durch seinen zoologischen Garten stolziert und die ersten Kinder sich als Löwe und Tiger bemalen lassen, haben sich auf der Wiese zwei deutsche Paare miteinander bekannt gemacht. Beide haben Kinder aus der Arleta-Klinik. Beide haben sich einen Embryo gekauft: ein Architektenpaar aus Süddeutschland und eine Bürokauffrau mit ihrem Mann aus Hessen. Sie plaudern über das schöne Fest, das leckere Essen, ihr Hotel. Dann fragt die Architektin: "Und, sagen Sie es Ihrem Kind?" Sie ist hergekommen, um mit anderen Eltern zu reden und um eine Entscheidung zu fällen.

Der Mann der Bürokauffrau fragt: "Warum sollten wir?"

"Na ja", antwortet die Architektin, "mein Mann und ich haben eine andere Blutgruppe als die Spender. Was, wenn unser Sohn es herausfindet? Außerdem würde ich es gerne sagen, Sie nicht?"

"Nein, wir nicht", sagt die Bürokauffrau. Ihr Mann fügt hinzu: "Ich glaube, wir verbrennen die Unterlagen einfach, bevor unsere Tochter lesen kann."

"Wenn die Leute fragen, woher mein Sohn seine Locken hat, was soll ich dann antworten? Ich will nicht lügen", sagt die Architektin.

"Ich auch nicht", antwortet die Bürokauffrau. "Aber was ist, wenn unsere Kinder uns Vorwürfe machen? Wenn sie uns ablehnen?"

Für einen Moment schweigen alle vier.

Es ist paradox: In Deutschland wachsen Kinder heran, die mithilfe einer Samen-, Eizell- oder Embryonenspende gezeugt wurden. Kinder, die mehr gewollt sind von ihren Eltern als viele andere. Die geliebt werden. Kinder, von denen einige nicht herausfinden werden, wer ihre leiblichen Eltern sind, die nicht wissen, welche Erbkrankheiten es in ihrer Familie gibt, die nicht sagen können: Die Nase habe ich von meiner Großmutter. Sie haben keinen Stammbaum. Sie sind Wunschkinder ohne Wurzeln.

Als die letzten warmen Sonnenstrahlen durch den Garten scheinen und die meisten Gäste bereits gegangen sind, sitzt die Architektin im Schatten eines Baumes und stillt ihren Sohn. Den ganzen Tag hat sie sich mit deutschen Paaren unterhalten, sie gefragt, ob und wann sie es ihren Kindern sagen wollen. Sie hat beschlossen, ihrem Kind die Wahrheit zu sagen, irgendwann.

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, dass ich mir einen Embryo gekauft habe", sagt sie und blickt auf ihren Sohn, der an ihrer Brust trinkt. "Aber ich habe es trotzdem getan".

Vor wenigen Wochen haben Silvana und Carlheinz Schulze aus Hessen, die seit sieben Jahren auf ein Kind hoffen, eine E-Mail vom Netzwerk Embryonenspende erhalten. Die Nachricht, auf die sie monatelang gewartet haben: "Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass ein passender Embryo gefunden wurde." Zurzeit wird Silvana Schulze mit einer Hormonbehandlung auf den Eingriff vorbereitet, Mitte Oktober soll ihr der Embryo eingesetzt werden. Wenn alles gut geht, werden die Schulzes nächstes Jahr eine Familie sein. Wenn nicht, werden sie einen anderen Weg gehen. Er führt nach Tschechien.

* Name wurde geändert