Popmusik ist ein weites Feld, auf dem es allmählich eng wird. Jährlich kommen neue, blutjunge Stars hinzu, während die alten Pop-Knacker einfach nicht weichen wollen. Mit 27 zur Legende werden? Brian Jones, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain? Das hatte Stil. Lang ist’s her. Allein Amy Winehouse, retro durch und durch, nahm noch diesen Weg, allerdings schon unter dem Murren der Fans: Sie hätte doch noch so viele schöne Hits haben können! Da ist ein junges Ich unter seinen Möglichkeiten geblieben.

Was treiben die Alten? Sir Mick, bekannt von den Stones, 70 inzwischen, turtelt in fliederfarbener Unterwäsche mit einer jungen Tänzerin auf dem Balkon eines Hotels in der Zürcher Innenstadt und findet sich tags darauf porentief in allen Zeitungen. Finden wir das gut? Zeigefreude ist ja ganz natürlich und auch in vielen Seniorenheimen ein Sujet.

Sir Paul dagegen, bekannt von den Beatles, hat sich zur Charity Lady gemausert und besingt jetzt den Meat Free Monday. Wer einmal in der Woche auf Fleisch verzichtet, tut was fürs Weltklima und wird noch älter, als wir alle ohnehin schon werden. Das Publikum klimpert im Takt mit den Juwelen in den Medikamentendosen.

Denn auch die Hörer verabschieden sich nicht mehr mit 27. Auf Ü-70-Partys wird geschmettert wie eh und je: "When I get older / Losing my hair / Many years from now."

So ungefähr ist die Lage, in der jetzt jemand achtzig wird, von dem man nie spontan sagen konnte, wie alt er eigentlich war. Leonard Cohen machte seine erste Platte 1968, mit 34, in einem Alter, in dem er – bedenkt man die Liga, in der er spielt – eigentlich schon sieben Jahre hätte tot sein müssen. Er sang Suzanne, Sisters of Mercy und So Long, Marianne mit dunkler Stimme zur Gitarre, das Lagerfeuer knisterte aus den Lautsprechern, und er hatte das Genre der Mädchenmusik erfunden.

Hallelujah schrieb er 1984, mit 50. Zunächst sprang so recht keiner drauf an, aber 23 Jahre später wurde es von einer britischen Musikzeitschrift zum besten Lied aller Zeiten gewählt. Heute gibt es Hunderte Versionen der Hymne, man hört sie in der Kirche wie im Kino, begleitet neuerdings von der Anregung, über ein Hallelujah-Moratorium nachzudenken, um die spirituellen Kräfte des Liedes ein wenig zu schonen.

Cohen scheint sich um die übliche Zeiteinteilung von Leben und Karriere nicht zu scheren. Spät fing er an, zur Lebensmitte hin machte er sich dünn, letzthin gibt er ausgedehnte Tourneen mit dreistündigen Konzerten. Ähnlich wie Bob Dylan, Neil Young, John Cale oder Joni Mitchell, mit denen ihn in der fortwährenden Uminterpretation des Materials manches verbindet, hat er seine Songs über die Jahrzehnte gehegt; wie bei ihnen ist sein Repertoire langsam gewachsen, nicht beschränkt geblieben auf ein ursprüngliches Œuvre, das bloß wieder und wieder runtergespielt wird.

Und so schenkt er zu seinem Achtzigsten der Welt ein neues Album, dessen Titel die Plattenfirma wohl eher mäßig begeistert hat. Popular Problems klingt wie ein Widerspruch in sich selbst. Populär ist natürlich immer gut, aber Probleme haben wir doch wahrlich mehr als genug. Wer soll das, bitte, kaufen?

Auf dem Cover zeigt sich Cohen als Grandseigneur im eng geschnittenen Anzug mit lässiger Krawatte. Der Hals ist faltig, der Kragen zu weit, aber der in die Stirn gezogene Hut passt gut zum nach vorn gerichteten Blick. Die linke Hand in der Tasche, als ob er nach den Zigaretten fassen wollte – er will jetzt wieder anfangen zu rauchen – , die rechte Hand am Gehstock, durchaus kokett. Hinter ihm wabern grau, rot, schwarz die Schatten der Vergangenheit. Er wird sie jetzt hinter sich lassen, ohne jede Hast.

Um den entspannten Ansatz zu betonen, beginnt die Platte mit einer Präambel; das hat man auch nicht alle Tage. Slow heißt das Stück, das den Ton und das Tempo für alle neun Balladen angibt:

I’m slowing down the tune

I never liked it fast

You want to get there soon

I want to get there last

Er singe langsam, er habe es nie schnell gemocht. Das unterscheide ihn von uns, seinem Publikum: Wir hätten es immer eilig; er komme gern als Letzter. Und das sei keine Frage des Alters oder des Lebens, das er geführt habe: "I always liked it slow . "

Das stimmt. Hört man Früheres, hat sich seine Ästhetik kaum verändert. Raunende Stimme, wenig Bewegung. Er könne vier Töne ganz gut treffen, hat er mal gesagt. Im Grunde ist er ein Spoken-Word-Künstler, der seine Kreuzreime in Klänge bettet. Und da geht es, auch das wie immer, um die Dreifaltigkeit aus Krieg, Gott und Liebe.

There is no God in Heaven

And there is no Hell below

So says the great professor

Of all there is to know

Und man ahnt schon, wenn man’s hört, dass der Stand der Wissenschaft nicht seiner Weisheit letzter Schluss sein kann. Bei Cohen ist die Welt mehr als das, was allen klar ist. Da teilen sich die Wasser. Da gibt es Könige, die blutige Kronen tragen, und Tempel, die eingerissen werden. Da ziehen sich die Männer für den Bürgerkrieg Uniformen an, die ihnen so gut stehen, dass es egal zu sein scheint, auf welcher Seite sie kämpfen. Da blühen die Zitronen, da verdorren die Mandeln, und da wird für immer Winter sein. Es ist eine eigentümliche Welt aus Gut und Böse, der wirklichen zum Verwechseln unähnlich.

Der Kanadier Leonard Cohen, geboren am 21. September 1934 in Montreal, ist ein Dichter, der zur Gitarre griff. Mögen ihn einst Kerouac, Ginsberg und Burroughs inspiriert haben – von der Beat Generation ist beim Achtzigjährigen so wenig zu hören wie vom Folk-Geschrammel der frühen Tage. Die Arrangements sind so gediegen wie aufgeräumt; die Instrumentierung farbig und geschmackvoll vom Hammondorgel-Feeling über arabische Melismen bis hin zur strahlenden Fanfare. Allein der Damenchor, der jedes Wort des Meisters umflort und dann mit einem Uh-hu! versieht, erscheint gewöhnungsbedürftig.

Zeit dafür wäre. Gewidmet hat Cohen das Album nämlich Kyozan Joshu Sasaki Roshi, seinem Zen-Lehrer, der im Juli in Los Angeles starb. Sasaki, 107, praktizierte fast bis zuletzt. Folgt der Schüler seinem Beispiel, hätte er noch 27 Jahre auf dem weiten Feld der Popmusik.