Zwei Familien erfahren, dass ihre sechsjährigen Söhne nach der Geburt vertauscht wurden, und versuchen den Rücktausch der Kinder – das ist auch schon die Geschichte dieses Films. In Like Father, Like Son von dem japanischen Regisseur Hirokazu Kore-eda entsteht daraus eine leise Erzählung über Seelen- und Blutsverwandtschaft. Über das, was eine Familie ausmacht. Und über einen Vater, der erst lernen muss, einer zu sein.

Das streng geregelte Leben der wohlhabenden Familie Nonomiya wird erschüttert: Keita ist nicht der Sohn von Ryota und seiner Frau Midori. Der leibliche Sohn lebt in einer anderen Stadt, als Sohn eines Ladenbesitzers. Eine Krankenschwester hat die beiden Babys einst unbemerkt vertauscht. Beide Familien treffen sich. Ratlos, tastend, irritiert von der seltsamen Mischung aus wechselseitiger Fremdheit und einem gemeinsamen Schicksal, das sie zu Zieheltern des jeweils anderen Nachwuchses gemacht hat.

Von den verschiedenen sozialen Milieus, Lebens- und Umgangsformen erzählt Hirokazu Kore-eda behutsam, in langen, genau beobachtenden Totalen. Die Nonomiyas leben in einer schicken Wohnung über den Dächern von Tokio, die Firma des Vaters, eines Architekten, ist ein kühler Glaspalast. Die ständige Abwesenheit ihres überarbeiteten Mannes gleicht die Mutter mit Zärtlichkeit und Fürsorge für den kleinen Sohn aus. Klavierunterricht ist eine Statusfrage.

Im glücklichen Chaos wiederum lebt die Familie Saiki. Ohne übermäßigen Ehrgeiz betreibt der Vater, Yudai, einen kleinen Haushaltswarenladen. Seine drei Kinder bekommen von ihm körperliche Nähe und Herzlichkeit. Und vor allem Zeit. Gemeinsames Herumtollen, Spielen, Baden. Am Wochenende fährt man an den Fluss, um Drachen steigen zu lassen.

Jedes Detail, jede Reaktion der Beteiligten wird von Kore-edas Totalen registriert. Alles wird gezeigt, nichts gegeneinander ausgespielt, aus Distanz entsteht Nähe. Als sich beide Familien zu einem Ausflug treffen, entsteht ein Gruppenfoto. Auf die Aufforderung zu lächeln reagieren alle unterschiedlich. Nur der kleine Keita bewahrt einen ahnungsvollen Ernst.

Es sind die Klänge eines träumerischen Klaviermotivs, die immer wieder für eine Auszeit sorgen, für ein Durchatmen angesichts des Dramas, das sich für alle Beteiligten entspinnt. Beide Familien sind hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht, alles zu lassen, wie es ist, und dem seltsamen Sog der Blutsverwandtschaft. Aber ist es wirklich ein biologischer Sog? Oder ein letztlich auch kulturelles Konzept, das sich plötzlich über Menschen legt, die seit Jahren als Eltern und Kinder miteinander gelebt und einander geliebt haben? Verstohlen überprüft man das jeweils leibliche Kind auf körperliche Ähnlichkeit, vertraute Charaktereigenschaften. Beide Familien tauschen die Kinder aus, zunächst nur für einen Nachmittag, dann für einen Wochenendbesuch, dann länger. Und schließlich ganz.

Immer wieder hat der japanische Regisseur Kore-eda Filme über Kinder in Extremsituationen gedreht: Nobody Knows erzählte vor zehn Jahren von vier Geschwistern, die von ihrer Mutter im Stich gelassen werden. Alleine und von der Außenwelt völlig isoliert, leben sie weiter in der Wohnung und verwahrlosen. Verzweifelt verbergen sie das schamvolle Geheimnis des Verlassenseins.