Der Rohrstock traf präzise, in meinen Fingern kribbelte der Schmerz. "Ich mache das nur, weil ich euch liebe", sagte der Dekan, nachdem er mich und ein paar andere Schüler gemaßregelt hatte. Er verwies damit auf ein biblisches Gebot, in dem es sinngemäß heißt: "Wer sein Kind liebt, der züchtigt es." Ich erinnere mich daran, wie mich das irritierte, weil sich nichts von dem, was er tat, nach Liebe anfühlte. Züchtigungen waren in meiner Kindheit und Jugend in den fünfziger Jahren nichts Ungewöhnliches, aber vom Dekan, der uns in Religion unterrichtete, erfuhr ich sie besonders häufig. Später wurde er von einem jüngeren Vikar abgelöst, der uns anwies, uns über eine Schulbank zu legen, bevor er uns aufs Gesäß schlug. Jedes Mal, wenn er das tat, schwoll eine Ader an seinem Hals bedrohlich an.

Schläge auf die Hand konnte man mit erhobenem Kopf ertragen – aber wenn man vor der gesamten Klasse den Hintern versohlt bekommt, dann ist aller Stolz dahin. Wir fühlten uns ausgeliefert und schwach. Diese schmerzhaften Erfahrungen mit kirchlichen Amtsträgern haben mich jedoch nicht abgehalten, gern in die Kirche zu gehen und an einen Gott zu glauben, der freundlich ist. Schwieriger wurde es, als ich älter wurde. "Lasst die Finger von den Geschlechtsteilen", gebot der Vikar immer wieder, "wenn ihr masturbiert, läuft euch das Rückenmark aus!"

Allein der Gedanke an Selbstbefriedigung war schon sündig. Dieser Vikar sagte uns auch, wir sollten nicht hinter den Mädchen herstarren, mäßig essen, kein Bier trinken und uns auch sonst nicht vergnügen. Das ließ uns bedrückt und wortkarg zurück. Durch seine Worte hatte der Vikar nahezu allem, was Spaß machte, den Makel der Sündhaftigkeit angeheftet. Jedes lustvolle Erlebnis war begleitet vom Gefühl, etwas Falsches getan zu haben. Obwohl ich Gott nach wie vor für freundlich hielt, litt ich unter der Vorstellung, ihm zu missfallen. Hätte mich damals jemand gefragt, wie es dem Vikar gelungen war, mir alle sinnlichen Freuden derart zu vergiften, hätte ich es nicht sagen können. Heute weiß ich, woran es liegt.

Ein Repräsentant der christlichen Kirche hat durch sein Amt die Macht, zu bestimmen, welche Handlungen gut und welche schlecht sind. Und als gläubiger Christ richtet man sich danach. Seit meiner Kindheit und Jugend ist nun einiges passiert. Viele Christen in Deutschland begegnen ihrer Kirche nur noch beim Besuch des Gottesdienstes am Heiligen Abend, bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Dann sehen sie einen Mann (in der evangelischen Kirche auch viele Frauen) im Talar, der zu ihnen spricht, der mit ihnen singt und ihnen zu einem Abschnitt aus der Bibel seine Gedanken vorträgt. Selbst jene, die christlichen Glaubensinhalten kaum mehr Bedeutung beimessen, begegnen dem Geistlichen mit Respekt. Sie schütteln ihm die Hand beim Verlassen der Kirche, und vielleicht werden sie seinen Segen annehmen. Aber warum?

Man unterstellt einem Pfarrer, dass er mehr über Gott weiß als andere. Als Theologe hat er seine Religion zum Beruf gemacht. Er hat die Bibel nicht nur gelesen, sondern studiert. Diesen Sachverstand auf einem bestimmten Gebiet gesteht man auch einem Automechaniker zu. Aber es gibt einen bedeutenden Unterschied zur Kompetenz eines Pfarrers. Wenn mein Auto nach einer Reparatur in der Werkstatt noch immer nicht fährt, bekomme ich Zweifel am Können des Mechanikers. Die Arbeit eines Pfarrers lässt sich nicht in dieser Weise beurteilen. Religion befasst sich mit dem Unerklärlichen. Man kann Gott nicht sehen, und seine Wege, heißt es, seien unergründlich. Alles, was ein Geistlicher tut, tut er im Namen Gottes, aber es gibt kein messbares Ergebnis seiner Arbeit. An die Kompetenz des Pfarrers muss man glauben. Das gibt ihm eine ganz besondere Art von Macht.

Der Soziologe Max Weber definiert Macht als die Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Die Macht einer Kirche beruht auf Ritualen und religiösem Mythos. In der christlichen Kirche bekreuzigt man sich, man feiert zusammen das Abendmahl, die Eheschließung und die Taufe. Diese Handlungen folgen einer genau einzuhaltenden Reihenfolge. Das reduziert Unsicherheit und schafft Gemeinsamkeit. Durch Rituale bleibt der Gläubige selbst in Situationen, die ihn überfordern, handlungsfähig. Wer nach einer fragwürdigen Tat nicht weiß, wohin mit seinen Gewissensbissen, hat die Möglichkeit zu beichten. Wer den Tod eines geliebten Menschen betrauert, kann sich im Begräbnisgottesdienst von ihm verabschieden.

Doch wirksam sind diese Rituale nur, wenn sie ein Geistlicher durchführt, andernfalls sind sie ohne Belang. Deshalb ist es so wichtig, dass man der Kirche vertraut und ihr Glauben schenkt. Der Gläubige tritt Macht an die Kirche ab. Sigmund Freud vergleicht kirchliche Rituale übrigens mit denen eines Zwangsneurotikers. Das zwanghafte Handeln nach festgelegten Regeln weist seiner Ansicht nach Parallelen zu den immer gleichen Abläufen auf, mit denen Christen sich etwa bekreuzigen. Vor diesem Hintergrund betrachtete er Religion als "kollektive Zwangsneurose".