Auf jeder Zugfahrt in Richtung Süden sieht man das Daruma. Es ist das Lokal im toten Winkel zwischen Deichtorhallen und Großmarkt.

Eine Warnung vorneweg: Hier klebt nicht nur der Reis. Der ganze Raum um die offene Küche ist von einem Staub-Fett-Film überzogen. So etwas deutet sich schon draußen an – beim Blick auf die verkleckerten Fensterscheiben, den vollen Aschenbecher, die lädierte Daruma-Puppe, die in Japan als Glücksbringer gilt. Aber dann steht man drinnen, und drei Stimmen rufen synchron: "Guten Abend!"

Bei japanischer Küche denkt man an Sushi und andere filigrane Dinge. Noch beliebter ist in Japan aber das handfeste Essen der Izakayas, der Kneipen. Und so eine Kneipe ist das Daruma. Die Einrichtung besteht zum guten Teil aus beklebten Spanplatten. Im Wandregal stehen Mangas und die angebrochenen Sakeflaschen der Stammgäste. Schick ist das nicht.

Dafür geht es hier munter zu. Nach einer Stunde empfängt der Chef neue Gäste mit dem Singsang "Amtresam, amtresam!". Ein Stammkunde übersetzt: "Er sagt, er hat nur noch am Tresen Platz."

So ist Hiro-San, der Patron des Familienbetriebs. Wer Japaner für devot und unergründlich hält, kommt ihm gerade recht. Die zwei Gerichte dort, bitte! "Zu viel, zu viel!" Dann eben kleinere Portionen. "Tut mir leid. Das wollen sonst alle." Aber er lacht laut dabei, und es ist einfach unmöglich, ihm böse zu sein.

In Kneipen bestellt man Kneipenessen; das gilt auch für Izakayas. Sushi können andere besser. Es sind die deftigen Happen zum Bier, die im Daruma schmecken: die marinierten Auberginenwürfel, die sauren Makrelenscheibchen, der frittierte Tofu in Fischbrühe. Für die Mutigen und kulinarisch aufgeschlossenen Abenteurer kommt vielleicht auch die einsam vor sich hin brutzelnde Gemüsepfanne mit Spezialsoße infrage.

Unter dem krustigen Wok flackert eine Stichflamme empor. "Hiro, es brennt gleich", johlen die Stammgäste. Aber man muss sagen: Die Mischung ist bestens gegart. Was ist da überhaupt alles drin? Bohnen, Kräuterseitlinge, Pak Choi und einiges mehr.

Das Spezielle an der Spezialsoße scheint der Knoblauch zu sein. Sehr gut, wenn man es herzhaft mag. Fast wie chinesisches Essen. Beide Küchen haben ja viel gemein. Nur merkt man davon in Europa nichts, weil die entsprechenden Lokale im Anspruch so verschieden sind. Das Daruma ist ein Japaner für Leute, die sich sonst beim Chinesen wohler fühlen – dabei aber sehr unverfälscht.

Kassiert zum Beispiel wird nicht am Tisch, sondern in einem improvisierten Kassenhäuschen am Eingang. Wer mit Kreditkarte bezahlt, bekommt einen Durchschlag aus dem angerosteten Ritsch-ratsch-Gerät unter dem farngrünen Bundespost-Telefon. Seit dreißig Jahren gibt es das Daruma schon. Ob je renoviert wurde, ist fraglich.

Doch man merkt: Der Chef hat noch immer Spaß an seinem Job. "Auf Wiedersehen!", ruft er einem nach, und die Familie stimmt ein.