DIE ZEIT: Die politischen Nachrichten berichten von Mord, Hinrichtungen, Krieg. Verstehen Sie die Zoobesucher, die es zu den Affenkäfigen zieht, weil ihnen ihre nächsten Verwandten vernünftiger vorkommen? Menschlicher sozusagen?

Michael Tomasello: Viel von der erschreckenden Hässlichkeit der heutigen Welt kommt dadurch zustande, dass die Menschen unterscheiden zwischen solchen, die zu ihrer Gruppe gehören, und den anderen, die nicht dazugehören. Das meiste, über das wir uns gegenwärtig entsetzen, entsteht daraus, dass Menschen sich als ein "Wir" verstehen, das vermeintlich auf dem richtigen Weg ist und das sich von "ihnen" bedroht fühlt, die angeblich auf dem falschen Weg sind, ob nun als Heiden oder als Andersgläubige oder als was auch immer.

ZEIT: Es geht in allen Krisenregionen um mehr als Gruppenpsychologie, nämlich um die Legitimität moderner Staaten und ihrer Grenzen.

Tomasello: Viele der politischen Konflikte, etwa im Nahen Osten und in Afrika, entstehen daraus, dass die Kolonialmächte die Grenzen von Staaten so gezogen haben, dass Menschen zusammenleben sollen, die sich nicht als zusammengehörig empfinden. Menschen vertrauen natürlicherweise anderen Menschen ihrer eigenen Gruppe. Man mag sich zwar wünschen, das sei nicht so, aber es ist nicht anders. Tausende von Studien belegen es.

ZEIT: Menschen können Flüchtlinge und Fremde aufnehmen. Sie können gastfreundlich sein.

Tomasello: Das haben sie kulturell gelernt, und zwar beeindruckend gut.

ZEIT: Kennen Affen keine Kriege? Keinen Terror? Und auch nichts, was den Konflikten durch überhitzte Märkte vergleichbar wäre?

Tomasello: Im Keim ist all das auch in Affen angelegt. Aber die Konflikte zwischen Affengruppen entstehen einfach aus einer Angst vor fremden Affen. Sie fühlen sich nur mit Affen wohl, die sie gut kennen. Beim Terror und beim Marktwettbewerb verhält es sich etwas anders: Beide beruhen darauf, dass Stärkere einen Vorteil aus ihrer Stärke ziehen wollen. Das beherrschen Affen meisterlich. Dominante Affenindividuen wissen um ihre Macht und nutzen sie bewusst, um zu bekommen, was sie wollen, auch im Wettbewerb um Chancen. Aber das Spezifische des menschlichen Terrors, nämlich gleichgültig etwa gegenüber dem Leben von Kindern zu sein, das anderen viel bedeutet: Das hat keinen Vergleich im Leben der Affen.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch Die Naturgeschichte des menschlichen Denkens beschreiben Sie einzigartige Eigenschaften des Menschen, die gar nicht entsetzlich sind. Einzigartig sei seine Fähigkeit, auch beim Denken zu kooperieren. Wie kommt es dazu?

Tomasello: Vor etwa zwei Millionen Jahren haben wir einen gewaltigen Schritt gemacht, der uns von den verwandten Affen entfernte. Damals wurde es für uns Menschen unvermeidlich, zusammenzuarbeiten. Affen kommen bei der Nahrungssuche weiterhin individuell zurecht, beim Jagen wie beim Essen. Menschen können das seither nicht mehr. Sie mussten lernen, neu zu denken.

ZEIT: Warum?

Tomasello: Wir können nur spekulieren, woran das liegt. Wir vermuten, dass plötzlich andere Affenpopulationen stark anwuchsen, die auf demselben Territorium auch auf dem Boden und von derselben Nahrung lebten, sodass Menschen in eine andere Nische ausweichen mussten. Unsere Vorfahren mussten plötzlich gemeinsam herausfinden, wie sie es hinbekommen können, sich zu ernähren: Sie lernten etwa auf der kognitiven Ebene, sich über Ziele zu verständigen, sich miteinander zu koordinieren und motiviert zu sein, die Beute zu teilen. Darin liegt der Keim von etwas Moralischem, wie der Fähigkeit zu Fairness und zu einem neuen sozialen Lebensstil.