DIE ZEIT: Herr Tsokos, Sie sind Vater von fünf Kindern. Schon mal überlegt, ob ein Fremder eines davon am Strand fotografieren könnte, um damit im Internet Geschäfte zu machen?

Michael Tsokos: Ach was. Als Vater mache ich mir ganz andere Sorgen. Ich habe Angst, dass sie auf dem Weg zur Schule bei einem Fremden ins Auto steigen könnten. Oder wenn wir auf dem Rummel unterwegs sind, und plötzlich ist eines unserer Kinder weg – dann habe ich Angst. Denn ich weiß: Wenn ein Kind entführt worden ist, bleiben mir 60 Sekunden. Danach ist die Wahrscheinlichkeit fast gleich null, es lebend wiederzusehen.

ZEIT: Geht es nach Justizminister Heiko Maas, ist es bald strafbar, nackte Kinder zu fotografieren –selbst dann, wenn das Foto niemandem gezeigt wird. Kann man Kinderpornografie so bekämpfen?

Tsokos: Für mich zeigt dieser Gesetzentwurf, wie hilflos Politiker mit dem Thema umgehen. Sie fühlen sich gezwungen, irgendetwas zu unternehmen. Am Ende schießen sie dann entweder übers Ziel hinaus oder präsentieren etwas völlig Unausgegorenes.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Tsokos: Natürlich muss Kinderpornografie hart bestraft werden. Aber vor allem geht es doch darum, Männern zu helfen, bevor sie zu Tätern werden. Wer eine Gefahr für andere ist, muss in Behandlung. Solche Vorschriften sind heikel, ich weiß. Aber diese Männer sind oft hochgradig unglücklich mit ihrer Neigung. Und sie werden damit alleine gelassen. Prävention statt Reaktion – nur so kann man diese Verbrechen verhindern. Egal, ob es um Kinderpornos geht oder um die tot geprügelten Kinder, die regelmäßig bei mir auf dem Tisch liegen.

ZEIT: Zu Tode gequälte Kinder in der Rechtsmedizin – was ist eigentlich los in diesem Land?

Tsokos: Es ist ein Skandal. Jedes Jahr sterben etwa 160 Kinder durch Misshandlung, rund 4.500 Kinder werden lebensgefährlich verletzt. Wir sprechen hier nicht von Unfällen – diese Jungen und Mädchen werden zu Tode getreten, geschlagen, geschüttelt, ertränkt oder verbrüht. Das höchste Risiko haben Säuglinge: Mehr als ein Drittel aller tödlichen Verletzungen in dieser Altersgruppe werden von Erwachsenen gewalttätig zugefügt. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Kriminologen schätzen, dass jedes Jahr viele Hunderttausend Kinder schwer misshandelt werden.

ZEIT: Welcher Fall hat Sie besonders erschüttert?

Tsokos: Das war das Schicksal der kleinen Michelle. Ich war damals noch Gerichtsmediziner in Hamburg. Sie war zwei Jahre alt, als sie an Lungen- und Hirnhautentzündung gestorben ist. Als ich in die Wohnung kam, lag der Leichnam im Wohnzimmer. Dann bin ich in das Kinderzimmer gegangen. Es war unvorstellbar: Temperaturen wie in einem Treibhaus, die Fenster waren schwarz abgeklebt, die Möbel waren zerstört. Die Wände waren mit Kot beschmiert. Und da vegetierten noch fünf weitere Kinder. Das hat mich fertiggemacht. Aber am meisten schockiert hat mich, dass jede Woche eine Sozialarbeiterin in der Wohnung gewesen ist. Nur hatte sie das Kinderzimmer nie betreten. Die Eltern haben im Wohnzimmer mit ihr Kaffee getrunken. Diese Frau erzählte mir dann ganz entsetzt, dass Michelle Tage zuvor noch fröhlich herumgetollt sei. Tatsächlich hatte Michelle verkrüppelte Füße, sie ist ganz bestimmt niemals herumgetollt. Die Eltern hatten der Sozialarbeiterin einfach immer die ältere Schwester vorgeführt.

ZEIT: Warum ist es so schwer, solchen Kindern wirklich zu helfen?

Tsokos: Weil sich jeder Einzelne dann selbst ehrlich fragen müsste, ob das, was er tut, auch das Richtige ist. Es ist sehr einfach, von anderen zu fordern, dass sie etwas tun müssten. Aber kaum jemand fragt sich selbst: Verhalte ich mich richtig? Die Schreie aus der Nachbarwohnung – hätte ich da klingeln müssen? Der Vater, der an der Bushaltestelle sein Kind ohrfeigt – habe ich da weggeschaut?

ZEIT: Und die Politik kann nichts am Leid der Kinder ändern?

Tsokos: Natürlich könnte sie das. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten: Man könnte die Mitarbeiter der Jugendämter und Sozialdienste besser schulen, sodass sie die Anzeichen für schwere Misshandlungen erkennen. Man müsste dafür sorgen, dass Polizei, Jugendämter und Ärzte ihre Informationen auch weitergeben: Wenn jemand wegen Kindesmisshandlung vorbestraft ist und heute in Berlin von einem Bezirk in einen anderen zieht, wird das dortige Jugendamt von der Vorstrafe nichts erfahren. Oder nehmen Sie den Fall, dass die Mutter eines Kindes einen neuen Lebensgefährten hat. Da sollte es das Jugendamt doch wissen, wenn er schon einmal wegen Kindesmissbrauch im Gefängnis saß. Außerdem müsste eine professionelle Leichenschau Pflicht sein. Bisher kann die auch der Kinder- oder Hausarzt durchführen. Es gibt immer wieder Fälle, da vermutet der Arzt einen plötzlichen Kindstod, weil er keine äußerlichen Verletzungen sieht. In Wirklichkeit aber wurde das Kind zu Tode geschüttelt. Wir in der Rechtsmedizin würden das möglicherweise erkennen.