Mittwochmorgen. Eine Frau steigt in Bad Schwartau in die Regionalbahn nach Hamburg. Die Frau hat einen Koffer dabei. Die Fahrkarte kostet nicht viel, Schleswig-Holstein-Tarif, wie gemacht für eine kleine Auszeit in der großen Stadt, Hafenrundfahrt und Geschäftegucken in der Mönckebergstraße. Eine knappe Stunde später ist die Frau am Hamburger Hauptbahnhof. Sie geht zu den Schließfächern. Wählt die Nummer 1344, Mindestmietdauer 24 Stunden à 6 Euro. Die Frau wirft Geld ein, verstaut den Koffer und geht hinaus auf die Straße.

26 Stunden später, am Donnerstag vergangener Woche, öffnet die Polizei das Schließfach. Im Koffer sind zwei tote Babys, ein Junge und eins, das bis zur Unkenntlichkeit verwest ist. Die Frau, Svenja K., 39 Jahre alt, ist zuvor auf der Mönckebergstraße aufgegriffen worden. Ihr Mann sagt, er habe von nichts gewusst, und sie verweigert die Aussage.

Doch auch wenn Svenja K., die inzwischen in der Psychiatrie ist, nichts sagt: Die Details der Tat – die Zugfahrt, der Koffer, das Schließfach – sprechen eine deutliche Sprache. Sie geben einen Hinweis auf die Tragödie dahinter.

Tote Babys. Gerade wurde in Nordrhein-Westfalen eins in einem Müllbeutel gefunden. 2013 entdeckte man eins in einem Berliner Altkleidercontainer. Andere lagen in Tiefkühltruhen und Aquarien, wurden versenkt, verbuddelt, versteckt. An abgelegene Orte gebracht. Aus den Augen, aus dem Leben.

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Svenja K. dagegen bringt ihre toten Babys mitten unter die Menschen. Der Hamburger Hauptbahnhof ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands, 450.000 Reisende kommen hier jeden Tag durch. Svenja K. trägt ihre Kinder also noch an etlichen Leuten vorbei und deponiert sie dann dort, wo Menschen gemeinhin das abgeben, was sie für den Moment beschwert, was sie aber dennoch behalten wollen. In einem Schließfach. An einem Ort zur Sicherung und Verwahrung. Einem Ort, an den man zurückkehrt. So einen Ort wählt nur eine Mutter, die trotz allem nicht lassen kann von ihren Kindern.

Das Urteil über Frauen, die ihre Kinder töten, steht fest. Monster sind sie, Bestien. Der Boulevard berichtet über sie mit schaurigem Ergötzen. In Gefängnissen stehen sie ganz unten in der Hierarchie. Doch schaut man sich die Tat von Svenja K. an, wird eine andere Wahrheit sichtbar. Svenja K. schließt ihre toten Kinder weg, als gelte es, sie in Sicherheit zu bringen, als sorge sie sich um sie. Das wenige, was man über ihr Leben weiß, passt dazu. Svenja K. hat gemeinsam mit ihrem Mann noch drei weitere Kinder, erscheint allen als liebevolle, als gute Mutter.

Und trotzdem hat sie diese zwei Kinder möglicherweise getötet, vielleicht sogar noch eins mehr. Vor Jahren gab es schon einmal ein Baby, das unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Warum?

Vielleicht gerade weil Svenja K. eine gute Mutter sein wollte.

Kindstötungen lassen sich nur entdämonisieren, wenn man die Mutterschaft zugleich entidealisiert. In Deutschland ist das nicht leicht. Hier herrscht der Müttermythos, hier erwartet man Glückstaumel und selige Hingabe einer Frau an ihr Kind. Vom englischen Psychoanalytiker Donald Winnicott stammt ein anderes Konzept. Das der good enough mother. Nicht perfekt, sondern ausreichend gut soll eine Mutter sein. Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied. Und einer, der unter Umständen Leben retten kann.

Eine ausreichend gute Mutter darf irren und Fehler machen und vor allem: Sie darf ihr Kind auch mal verwünschen oder es sich buchstäblich wegwünschen. Emotionen, die gemeinhin tabu sind. Warum eigentlich? Sind intensive Liebesbeziehungen nicht immer mit widersprüchlichen Gefühlen verbunden? Und wo sonst kommt es vor, dass man jemanden, den man bis dahin nicht kannte, von einem Tag auf den anderen mit nach Hause nimmt und von da an rund um die Uhr mit ihm zusammen ist? Dazu noch jemanden, der einfach losbrüllt, wenn man seine Bedürfnisse nicht umgehend befriedigt?

Unterdrückt man die negativen Gefühle, die das hervorruft, kann das gefährlich sein. Es ist eine psychoanalytische Erkenntnis, dass alles Verdrängte mit doppelter Wucht zurückkehrt. Eine Interview-Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen bestätigt das. Ein Merkmal der Täterinnen war ihre Unfähigkeit, Ambivalenz zuzulassen.

Kindstötungen sind auch Beziehungstaten

Und dann erzählen die zwei toten Babys vom Hauptbahnhof noch eine zweite Geschichte. Nämlich die einer Frau, die isoliert ist, sich losgesagt hat und gänzlich allein unterwegs ist, im Zug nach Hamburg genau wie im Leben.

Jeder Selbstmord ist auch eine Beziehungstat, sagt man, das Gleiche gilt für die Kindstötung. Wie viele Kinder es zum eigenen Lebensglück braucht, wie viele die Partnerschaft verträgt, das ist Verhandlungssache.

Was passieren kann, wenn Paare diese Entscheidung nicht gemeinsam treffen, war vor zwei Jahren beispielhaft vor einem Berliner Gericht zu beobachten. Angeklagt war eine Frau wegen Kindstötung. Ihr Freund und sie hatten zwei Kinder, da sagte ihr Freund: Noch eins, und ich bin weg. Die dritte Schwangerschaft verdrängte die Frau. Die zusätzlichen Kilos schob sie auf vermehrten Appetit, die Kindsbewegungen erklärte sie mit Darmkontraktionen. Das Kind tötete sie dann gleich nach der Geburt noch vorm ersten Schrei, so groß war ihre Angst, dass ihr Freund, der nebenan fernsah, das Baby hören könnte.

Vieles spricht dafür, dass es bei Svenja K. ähnlich war. Vielleicht hat sie sich insgeheim weitere Kinder gewünscht, schließlich hat sie nicht verhütet. Wahrscheinlich hat sie die Schwangerschaften dann aber aus Angst verdrängt. Sonst hätte sie sich über mögliche Auswege wie eine Freigabe zur Adoption oder die Babyklappe informiert – in Lübeck gibt es eine, in Hamburg sogar fünf.

Ins Rollen kommt der Fall, als in der Sendung Aktenzeichen XY ... ungelöst von einem toten Baby in Cloppenburg berichtet wird. Eine Anruferin erzählt von einer Frau, die schwanger aussah, ohne dass jemals ein Kind kam. Es handelt sich dabei um Svenja K. Die Polizei sucht sie am Nachmittag des 16. September auf. Mit dem Fall in Cloppenburg hat sie nichts zu tun, trotzdem sind die Beamten misstrauisch. Svenja K. sagt, ihre Frauenärztin könne bestätigen, dass sie nicht schwanger gewesen sei. Sie verabredet sich mit den Polizisten für den nächsten Morgen um acht in der Praxis. Doch die Beamten warten vergeblich. Statt zum Arzt zu gehen, fährt Svenja K. mit den toten Kindern im Koffer nach Hamburg. Ihrem Mann schickt sie noch eine SMS, die nach Suizidgefahr klingt. Er sagt, er habe von den Schwangerschaften nichts gewusst.

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Die Polizisten orten Svenja K. über ihr Handy in der Mönckebergstraße. Sie finden den Schlüssel zum Schließfach bei ihr: Svenja K. hat ihn bei sich getragen, als sei dort im Schließfach 1344 etwas, das sie gern zurückhätte. Eines Tages, wenn sie die Kraft hat, die es braucht, um Kinder großzuziehen.