Dies ist ein Text über die Piratenpartei, aber keine Angst: Es wird hier nicht um Shitstorms und Selbstzerfleischung gehen, sondern um zwei Menschen, die die Piratenpartei verkörpert haben wie niemand anders; zwei Vorkämpfer, die nun schweren Herzens ausgetreten sind. Dass Christopher Lauer und Anke Domscheit-Berg nach fünf beziehungsweise zwei Jahren die Partei verlassen haben (in Piraten-Maßstäben sind das lange Parteikarrieren), markiert das Ende eines ganz erstaunlichen und einzigartigen politischen Projekts. Warum ist es gescheitert?

Es ist zwei Jahre her, da saß Anke Domscheit-Berg auf einer Bierbank vor dem Unperfekthaus Essen und erzählte von ihren Hoffnungen an die Piraten. Sie, die bekannte Netzexpertin, war frisch in die Partei eingetreten; eine Mittvierzigerin mit Hang zu großen Hüten und bunten Mänteln. Damals besuchte sie einen Workshop für den NRW-Landtagswahlkampf, der den Piraten am Ende 7,8 Prozent bescheren würde. Mit glänzenden Augen und dieser selbstbewussten Art, mit der sie später noch oft in Talkshows und Podiumsdiskussionen auftreten würde, erzählte sie vom "gläsernen Politiker".

Die Piraten, hoffte sie, würden ihre Arbeit so transparent gestalten, dass die Bürger Politik besser verstünden und sich beteiligten. Um Domscheit-Berg herum saßen Wahlhelfer der Piraten, die aussahen wie Leute, die man in Elternvereinen trifft. Es waren engagierte Bürger, manche hatten graue Haare und nicht mal WLAN zu Hause. All diese Menschen, sagte Domscheit-Berg, werde man nun an Bord nehmen.

Es war die Zeit, als die Medien voll waren von Lobeshymnen auf Liquid Feedback, Transparenz in der Politik und das Systemupdate, das die Piraten dem Parlamentarismus verpassen wollten. Sie schienen die politische Antwort auf die digitale Revolution zu sein. Kinder dieser Revolution, die im Gegensatz zu den älteren Parteien verstanden hatten, mit welchen Tools man die traditionsreiche, aber auch langweilig gewordene Politik wieder modern und aufregend machen könnte.

NRW, das war der Höhepunkt der Piraten, die vierte erfolgreiche Landtagswahl in Folge. Es war aber auch die letzte Wahl, bei der sie punkten konnten; rückblickend betrachtet war sie der Anfang vom Ende.

Anke Domscheit-Berg hat als Piratenpolitikerin oft über Open Government oder den Schutz von Whistleblowern gesprochen, ihr Mann Daniel war einmal ein enger Vertrauter von Julian Assange und der deutsche Sprecher von WikiLeaks. Doch mit der Zeit musste Domscheit-Berg feststellen, dass sie in eine Partei eingetreten war, die auf ihr Engagement mit Kritik und Häme reagierte. Die Piraten hatten das Misstrauen in die Politik so verinnerlicht, dass sie Politiker mit Mandat ablehnten – auch ihre eigenen. So wurden die Abgeordneten in den vier Landtagen von der Basis bald als "Pöstcheninhaber" verachtet. Letztlich hat also die Parteiwerdung die Partei von sich selbst entfremdet.

Die Piraten hatten viele Forderungen (gegen Vorratsdatenspeicherung, für den fahrscheinlosen Nahverkehr), aber kein Ziel. Im Grunde agierten sie wie eine Internetkampagne: schnell und kreativ, wenn es darum ging, für einen Wahlkampf, ein Projekt zu mobilisieren. Weil es aber nicht wie bei anderen Parteien ein überwölbendes Weltbild gab, wurde aus dem Schwarm nie ein Kollektiv.

Auch deshalb hat die Transparenz, die Domscheit-Berg wollte, das Gegenteil des Erhofften erzielt. Statt den Bürgern die politische Arbeit näherzubringen, haben die Piraten sie abgeschreckt. Durch Live-Streaming, Dauer-Twittern und jede Menge Leaks offenbarten sie zwei Dinge: erstens, dass die Details einer Fraktionssitzung so spannend nun doch nicht sind. Und zweitens, dass auch Amateurpolitiker keine besseren Menschen sind als Berufspolitiker. Domscheit-Berg, eine bekennende Feministin und ehemalige Managerin bei Microsoft, wurde oft als "Feminazi" oder "Karrieristin" beschimpft.

Ausgerechnet die Partei, die den Deutschen zeigen wollte, wie politisch wirksam das Internet ist, hat demonstriert, wie leicht es dazu dienen kann, Hass und Häme zu verbreiten. Die Piraten hätten vorleben können, wie man Meinungsfreiheit im Netz fördert, indem man sie reguliert. Stattdessen kamen parteiinterne Trolle mit Beleidigungen oft davon, weil die Führung sich hinter dem Satz "Wir zensieren doch nicht" versteckte.