Manchmal verbergen sich in Gesetzen verlockende Angebote. So ist es zum Beispiel bei der Rente mit 63, die es seit dem 1. Juli gibt. Wer bestimmte Voraussetzungen erfüllt, der kann nun schon mit 63 Jahren in Rente gehen, ohne dass ihm die Rente gekürzt wird. Bis Ende Juli haben bereits 85.000 Menschen bei den Rentenkassen beantragt, auf diesem Weg vorzeitig in den Ruhestand zu kommen. Die Zahlen für August liegen noch nicht vor.

Die frühe Rente ohne Abschläge ist offenbar hochattraktiv. Was hingegen nur wenige wissen: Wer länger als erforderlich arbeitet, erhält dafür Zuschläge bei der Rente. Sehr attraktive Zuschläge.

Grundsätzlich gilt, dass die Rente mit 63 nicht jeder bekommen kann. Um in ihren Genuss zu gelangen, muss man mindestens 45 Jahre lang in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert gewesen sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass man auch wirklich vom 18. Geburtstag bis zum 63. Geburtstag jeden Monat normal gearbeitet und Rentenbeiträge gezahlt haben muss. Angerechnet werden auch eine ganze Reihe anderer Lebensphasen, etwa die Zeit des Wehr- oder Zivildiensts, Zeiten der Kindererziehung und auch Zeiten, in denen man Kurzarbeitergeld oder Arbeitslosengeld bezogen hat. Selbst wer vorübergehend mal geringfügig beschäftigt war, kann diese Phase in seinem Rentenantrag geltend machen, auch wenn sie dann nur teilweise berücksichtigt wird.

Die Zeit des Schulbesuchs und des Studiums zählen bei den geforderten 45 Versicherungsjahren nicht mit. Und es gibt noch eine Einschränkung: Wer in den zwei Jahren vor Rentenbeginn arbeitslos war, bekommt diese Zeit nur auf die erforderlichen 45 Jahre angerechnet, wenn der Grund für die Arbeitslosigkeit die Pleite oder Geschäftsaufgabe des Arbeitgebers war. Damit soll verhindert werden, dass sich Beschäftigte mithilfe der Arbeitslosenversicherung noch früher in einen finanziell abgesicherten Ruhestand verabschieden.

Es ist gut möglich, dass die politische Debatte um die Rente mit 63 auch bei den Menschen das Interesse an einem frühen Ruhestand gesteigert hat, die nicht diese Sonderregel nutzen dürfen. Mehr Zeit für die Familie, Hobbys und Reisen – diese Aussicht erscheint ja vielen Arbeitnehmern verlockend. Wer aber nicht die 45 Anrechnungsjahre aufweisen kann, muss für einen vorgezogenen Ruhestand Einbußen bei der Rente in Kauf nehmen. Das ist nur angemessen und gerecht, schließlich bedeutet der Ruhestand in jüngeren Jahren, dass diese Rentner durchschnittlich längere Zeit eine Rente kassieren werden als die, die länger gearbeitet haben. Zum Ausgleich wird ihnen die Rente daher für jeden Monat, in dem sie die Rente früher als regulär bekommen, um 0,3 Prozent gekürzt. Wer zum Beispiel drei Jahre früher aufhört zu arbeiten, bekommt eine Rente, die um 10,8 Prozent niedriger ist, als sie wäre, wenn er bis zur vorgesehenen Altersgrenze gearbeitet hätte.

Was unterm Strich finanziell günstiger ist, hängt davon ab, wie alt ein Rentner wird. Wer lange lebt, kassiert im Laufe seines Lebens mehr Rente, wenn er regulär damit beginnt und keine Abschläge hat. Aber der Unterschied zu denen, die früher aufhören, ist nicht sehr groß. Andererseits kann auch nicht jeder mit 63 Jahren in Rente gehen, selbst wenn er bereit ist, sich mit einer niedrigeren Rente zufriedenzugeben: Mindestens 35 Versicherungsjahre müssen dazu auf dem Rentenkonto verzeichnet sein.

Wer später als vom Gesetz vorgesehen in Rente geht, erhält einen Zuschlag. Entscheidend dabei ist die sogenannte Regelaltersgrenze. Wie hoch sie ist, hängt davon ab, wann man geboren wurde, denn in den kommenden Jahren wird diese Grenze schrittweise angehoben. Wer das für ihn geltende Renteneintrittsalter aber erreicht, also bis dahin arbeitet, erhält seine Rente ungekürzt. Wer darüber hinaus tätig ist, verdient sich damit einen Aufschlag auf seine später beginnende Rente. Dieses Plus beträgt 0,5 Prozent der regulären Rente – für jeden Monat, den man länger als normal arbeitet.

Nehmen wir den Standardrentner, wie ihn die Rentenkasse nennt. Er hat in den vergangenen 45 Jahren stets ein durchschnittliches Einkommen erzielt und durchschnittliche Beiträge gezahlt. Wenn das in den alten Bundesländern der Fall war, beträgt sein Rentenanspruch heute 1.287,45 Euro im Monat. Arbeitet er nun ein Jahr länger, als er müsste, erhöht sich seine Rente um sechs Prozent. Er bekommt also 1.364,70 Euro im Monat, gut 77 Euro mehr. Auf das Jahr gerechnet, erhöht sich seine Rente um 924 Euro. Tatsächlich fällt das Plus sogar noch deutlich höher aus, denn in dem Extrajahr zahlt der Mann ja weiter Beiträge in die Rentenkasse, was seinen Anspruch auf Rente dann zusätzlich erhöht. Insgesamt bekommt er so rund 110 Euro im Monat mehr.