Die Empörung über den Fall Gammy hat sich schon wieder gelegt. Irgendwann vielleicht wird sich herausstellen, ob das australische Ehepaar den von einer Leihmutter geborenen Knaben in Thailand zurückließ und lediglich die gesunde Zwillingsschwester mit nach Hause nahm, weil Gammy behindert ist, oder ob die Darstellung der Australier zutrifft, wonach ihn die thailändische Leihmutter nicht hergeben wollte, aus welchen Gründen auch immer.

Thailand ist eine beliebte Adresse bei der Suche nach einer Leihmutter. Man kriegt sie schon für zehntausend Euro. Aufgeschreckt durch den Gammy-Skandal, durchsuchte die thailändische Polizei Fertilitätskliniken. Dabei stieß sie auf einen Japaner, der offenbar einen schwunghaften Handel mit künstlich hergestellten Babys trieb. Mindestens 15 Eizellen von Frauen unter anderem aus Schweden und Spanien hatte er mit seinem Samen befruchtet und von thailändischen Leihmüttern austragen lassen.

Erst allmählich begreifen wir die Revolution, die uns durch die fortgeschrittene und immer weiter fortschreitende Reproduktionsmedizin blüht. Sie kann Menschen machen. Das hat zwei Folgen, deren Tragweite noch nicht hinreichend bedacht worden ist. Die erste Folge ist die Eugenik. Die Welt des Machens unterliegt dem Gesetz der Steigerung und der Verbesserung. Wer Menschen macht, will sie optimal machen.

Die zweite Folge ist die Multiplizierung und somit die Aufhebung konventioneller Abstammung. Ahnentafeln, wie wir sie aus Geschichtsbüchern kennen, wird es für künftige "Geschlechter" nicht mehr geben, weil es das Abstammungssystem "Geschlecht" nicht mehr geben wird. Allein in Deutschland entstehen auf künstlichem Weg pro Jahr etwa tausend Kinder unklarer oder verborgener biologischer Herkunft. Die genealogische Ordnung, die eine kulturelle Leistung ersten Ranges darstellt, scheint an ihr Ende gekommen.

In seinem überaus gründlichen, wenngleich von einem einfältigen Fortschrittsoptimismus erfüllten Buch Kinder machen (im Frühjahr bei S. Fischer erschienen) schildert Andreas Bernard die Arbeitsweise der Samenbanken. Natürlich möchte man gute Spermien. Man wählt aus der erstaunlich großen Menge der Spendewilligen diejenigen, die gut aussehen, groß sind, zumeist ethnisch weiß und die einen reputierlichen, womöglich akademischen Hintergrund haben.

Liest man Bernards Darstellung, so wundert man sich über die Hemdsärmeligkeit vieler Reproduktionsmediziner. Jedenfalls herrschte sie zu Beginn, als man froh war, die In-vitro-Fertilisation (IVF) halbwegs im Griff zu haben. Noch ist man nicht so weit, die Qualität des einzelnen Spermiums genau bestimmen zu können. Es kann passieren, dass der potent wirkende Samen eines Nobelpreiskandidaten zufällig ein dummer Samen ist. Die erwartbare Qualität beruht lediglich auf einer statistischen Wahrscheinlichkeit. Man kann jedoch sicher sein, dass die Technik weiter voranschreitet. Die Selektion, die bei der Züchtung von Rennpferden oder Milchkühen schöne Erfolge zeitigt, wird auch beim Menschen gelingen. Den "Geburtenfatalismus", von dem Peter Sloterdijk einmal gesprochen hat, wird in absehbarer Zeit eine Zuchtwahl auf wissenschaftlicher Basis ersetzen.

Diese Vision beflügelt die äußerst profitablen Reproduktionszentren. Auch wenn die Befruchtungen mit wachsender Routine preiswerter werden, so lässt sich doch voraussehen, dass die optimierte Menschenherstellung den gebildeten und gut situierten Schichten vorbehalten bleibt, während sich das Volk am Boden auf hergebrachte Weise fortpflanzt. Dass es damit am Ende besser fährt, ist sehr gut möglich.

Die Optimierungsvision, die zugleich ein Optimierungswahn ist, fügt sich gut in die herrschende Ideologie der Selbstertüchtigung um jeden Preis. Lediglich altmodische Christen und wertkonservative Bildungsbürger erheben ihre Stimme. Vielleicht gibt es bei einer stillen Mehrheit ungute Gefühle. Von lautem Protest allerdings ist nichts zu hören. Es scheint aussichtslos, sich gegen das zu stemmen, was ohnehin geschieht und nach Fortschritt aussieht.

Wer es dennoch tut, wie es mit geradezu ritterlicher Tapferkeit die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff getan hat (in ihrer Dresdener Rede vom März dieses Jahres), als sie die Reproduktionstechniken "abscheulich" nannte, gibt nicht Anlass für eine ernsthafte Debatte, sondern bloß für allerlei Gekränktheiten und die medienübliche Empörungslust.

Elisabeth Beck-Gernsheim hat kürzlich in der FAZ von "neuartigen transnationalen Verwandtschaftsverhältnissen" gesprochen und geschrieben: "Ob das schwule Paar aus Oslo, das im Labor eigenes Sperma mit den Eizellen einer Ukrainerin mixen und die Embryonen von einer indischen Leihmutter austragen lässt; ob die sechzig Jahre alte Bankerin in New York, die nach erfolgreicher Karriere ihren Kinderwunsch entdeckt und in einschlägigen Katalogen sich einen kalifornischen Samenspender und eine russische Eispenderin aussucht – mit Hilfe der globalisierten Reproduktionsmedizin werden Weltbürger in einem ganz neuen Sinne gezeugt." Und hoffnungsfroh fragte die Autorin: "Dürfen wir sie uns als Wegbereiter einer friedlicheren Weltordnung vorstellen?"