Macht kommt nicht allein aus Gewehrläufen. Mächtig ist nicht allein, wer Geld hat. Auch Ideen können die Welt verändern. Vor allem dann, wenn sie überdauern. So wie der Marxismus. Oder wie umgekehrt in der Schweiz die Ideen von Gonzague de Reynold.

De Reynold, Graf von Cressier. Geboren 1880, gestorben 1970. Ein Aristokrat, den kaum jemand mehr kennt. So fremd wirkt er heute – mit seinem Pathos, seiner Sorge um die Seele der Schweiz, mit seiner Verehrung für autoritäre Führer.

Doch einer kennt den Grafen und sein Denken: Christoph Blocher.

Im Februar schreibt der SVP-Chefdenker im Magazin zwar, der "demokratiemüde" Gonzague de Reynold sei ihm "weitgehend fremd". Doch wenige Wochen später tadelt er in der Weltwoche die CVP. Sie habe ihre Seele verloren, schreibt Blocher. Und er erinnert die Partei daran, dass der katholische Konservative de Reynold den Boden für die geistige Landesverteidigung bereitet habe; zusammen mit Bundesrat Etter.

Heißt: Blocher empfiehlt den echten Schweizern Gonzague de Reynold und seine Schriften als Kompass.

Warum aber sollte ein Mann des 19. Jahrhunderts unser Führer in dieser unübersichtlichen Gegenwart werden? Weil er als Konservativer seiner Zeit voraus, weil er ein rechter Revolutionär war?

Vor hundert Jahren bereits warnte Gonzague de Reynold vor der "helvetischen Malaise". Die Schweiz kranke an ihrer übermäßigen Prosperität, dem Land drohe der "Tod durch Herzverfettung". Seine Familie war durch Söldnerdienste zu Reichtum und Titel gekommen. Der kleine Gonzague aber fand eine Welt, in der sich ein bürgerlicher Lehrer erdreistete, den jungen Grafen zu maßregeln, weil er Handschuhe trug. Es war eine Geburt zu Unzeiten für einen Adligen. Gonzague de Reynold erlebte, wie seine Familie aus wirtschaftlichen Gründen das Haus in Freiburg verlor, wie neureiche Bürgerliche ohne Herkunft den Familiensitz übernahmen. Der liberale Bundesstaat von 1848? Für einen wie ihn war er eine Verirrung der Geschichte: ein Staatswesen, das einfachen Arbeitern dieselben Rechte gab wie den ehrwürdigen Familien, die dieses Land seit Menschengedenken gelenkt hatten; ein Wirtschaftssystem, das Leute ohne Herkunft groß werden ließ. Die Zeit war aus den Fugen.

"Ich glaube, wir brauchen einen schönen Krieg"

Es war der Beginn einer Ära der industriellen Globalisierung, deren Wirkung uns bis heute beschäftigt. Dieser fiebrige Vorabend des Ersten Weltkriegs: Gonzague de Reynold war ein Schriftsteller von gerade einmal 24 Jahren. Die Schweizer Literatur? Miefig! Mittelmäßig! Sie widerte ihn an. Mit einigen Gleichgesinnten gründete er eine Kampforganisation: um "ein wenig Krach zu machen, Fensterscheiben einzuschlagen und Luft hereinzulassen". Die Neue Helvetische Gesellschaft war geboren, gedacht als elitäre Kampforganisation junger Intellektueller gegen die "Gerontokratie". Am Vorabend des Krieges sehnte sich der Kreis um Gonzague de Reynold nach Blut. "Ich glaube, wir brauchen einen Krieg, einen schönen Krieg", offenbarte der Journalist Richard Bovet in einem Brief an Gonzague de Reynold. Dieser raunte eine Oktave tiefer: "Ich schätze, wir brauchen eine kleine Revolution."

Unzufriedene. Unruhestifter. Rechte Revolutionäre. Voilà: Die Welt des Gonzague de Reynold. Allerdings entwickelte sich die Neue Helvetische Gesellschaft nicht wie von ihm erhofft. Der Krieg führte zum politischen Schulterschluss im Inland, und die Freunde wurden unter die Waffen gestellt. Gonzague de Reynold aber konnte der militärischen Familientradition nicht genügen: "Dienstuntauglich" lautete das harte, medizinische Verdikt. Doch schon bald sollte er eine passendere Art finden, um zu kämpfen: mit Ideen.

Der deutschtümelnde General Ulrich Wille brauchte einen Vertrauten, der in der Romandie verstanden wurde. Der antidemokratische Aristokrat war General Wille, selbst verheiratet mit Clara, Gräfin von Bismarck, auf Anhieb sympathisch. Endlich ein vertrauenswürdiger Romand: "Ich habe erkannt, dass sie im Gegensatz zur Mehrzahl der französischen Schweizer wohl befähigt sind, unbefangen und objektiv zu denken", beschied ihm Wille. Er ernannte den Schriftsteller zu seinem Propagandachef. Und de Reynold entwickelte das Prinzip einer geistigen Landesverteidigung: Unermüdlich beschwor er fortan die historische Notwendigkeit der Aufopferung. De Reynold war überzeugt, dass das Gemetzel in den Schützengräben den meisten seiner Zeitgenossen zwar sinnlos erscheine – historisch aber eine Notwendigkeit sei. Er schrieb nationale Festspiele, und er erkannte als einer der Ersten die Macht des Films für die Propaganda. Der Graf wurde zum aktiven Kämpfer für die geistige Unabhängigkeit der Schweiz. Dennoch schloss er keinen Frieden mit diesem Staat. Höchstens einen Waffenstillstand.

Und doch tut Christoph Blocher Gonzague de Reynold Unrecht, wenn er ihn als "demokratiemüde" bezeichnet. De Reynold war nicht ermüdet. Er lehnte die Demokratie ab. So wie er diesen ganzen liberalen Staat und seine Werte ablehnte. "Der moderne Staat ist der Zerstörer jeder Staatlichkeit. Er ist eine künstliche Konstruktion aus Beton und Eisen, die uns die Erde, das Leben nicht mehr hören lässt. Er verschluckt die Familie – und der Mensch, der sich einsam fühlt, wird sich umbringen – im Kollektiv." De Reynold stand der Moderne gänzlich unversöhnlich gegenüber, wobei er nicht allein war mit seiner Haltung, er war nur konsequenter, eloquenter als andere. Und die Gegenwart schien ihm Recht zu geben. In den zwanziger und dreißiger Jahren fielen in Europa die Demokratien wie Dominosteine. In Portugal, Spanien, Italien, Ungarn, Deutschland, Griechenland und der Türkei kamen autoritäre Regime, totalitäre Bewegungen gar an die Macht. De Reynold verfolgte die Entwicklung elektrisiert: "Europa ist reif, die Politik einer kleinen Anzahl von Männern anzuvertrauen", stellte er befriedigt fest. Berührungsängste? Kannte er keine. Auch der Rassismus der neuen Bewegungen war ihm nicht fremd. Schon vor dem Krieg hatte de Reynold die Angst der Menschen vor Überfremdung wahrgenommen. Ganz Europa drohe "ein Niedergang, die Überflutung der weißen Bevölkerung durch Farbige". 1960 würden in der Schweiz mehr Ausländer als echte Schweizer leben, fürchtete er und empfahl als Heilmittel: "Wir müssen Kinder machen. Nur so können wir der Invasion von Mischlingen widerstehen. Die Schweiz braucht authentische Schweizer Kinder, um die germanisch-keltische Rasse, also die Arier, zu erhalten."