Sänger und Sängerinnen gibt es in Irland – manchmal stimmen Klischees – fast so viele wie Sand am Meer. Richtig geschafft aber haben es neben Gilbert O’Sullivan, Sinead O’Connor und Bono im ernsten Fach eigentlich nur drei: John McCormack, Catherine Hayes und Ann Murray. McCormack, geboren 1884 und ein echter Konkurrent von Enrico Caruso, war eine Glitzerfigur. Er hielt unzählige Rennpferde, hatte ein Dutzend Rolls-Royce und fühlte sich trotz allen mondänen Getues bei Volksweisen am wohlsten. Es sei McCormacks "typisch irische Fähigkeit, singend eine Geschichte zu erzählen", die ihn einzigartig mache, schrieb hingerissen Henry Pleasants in dem Standardwerk The Great Singers.

Von alledem wusste Tara Erraught, heute 28, rein gar nichts, als sie mit zehn zu singen anfing. Tara Erraught aus Dundalk, von wo aus nach dem kleinen Eckchen Nordirland nur noch der Atlantik und dann lange gar nichts kommt, wusste nur, dass man mit einer Stimme mehr Menschenherzen gewinnen kann als mit einer Geige. Zumindest wenn man Anfängerin ist auf der Violine, an der sich Tara Erraught damals noch versuchte, obwohl ihre Eltern ihr rieten, "ich solle es lieber bleiben lassen". Erraught macht sich im Gespräch gleich mal saitenquietschend nach, und, ja, doch: Man kann die Eltern verstehen.

Während Tara Erraught mit dunkel fließenden irischen "Os" und "Us" im Englischen von ihren Anfängen erzählt, hat sie vom Probengebäude aus die Bayerische Staatsoper fest im Blick. Sie liebt das Haus. Im Zuschauerraum nämlich glänze die Münchner Oper, im Gegensatz zu anderen Häusern, fast wie Samt. Tara Erraught kann also sehen, wenn jemand vor ihr wegdämmert. Und dann? "Dann singe ich ihn wach", sagt Erraught, die lachen kann, dass wirklich fast die Wände wackeln. Nur, dass sie jetzt zwischen diesen Wänden sitzt in München, das vermag sie immer noch nicht recht zu glauben.

Während der Teenagerjahre in Dundalk mussten die Erraughts immer wieder nach Nordirland, zu Konzerten, Proben, Aufführungen. Mama fuhr, gut, trotzdem kein ungefährliches Unterfangen. Auf diese Weise, sagt Tara Erraught, habe sie schon mal gelernt, mit Ausnahmezuständen umzugehen: "Soldaten, Gewehre, Bombendrohungen – alles nicht ohne." Allerdings wusste Tara Erraught mit 13 Jahren eben auch, dass es die Oper und nur die Oper sein sollte in ihrem Leben. Ein Abstecher im Urlaub führte nach Verona in die Arena: Aida, ihr erster kompletter Opernabend als Zuhörerin. "Und das war’s."

Alles Große beginnt mit einem kleinen Kick. Der Rest ist viel Üben, Talent und Glück. Und warten auf den richtigen Moment. Über ihre Lehrerin Veronica Dunne kam Tara Erraught an die Royal Irish Academy of Music, aber richtig in die Lehre ging sie erst danach. 2008 sang sie in München vor, wurde genommen und war, über Nacht, in einer fremden Stadt, in einem fremden Land und in einer fremden Sprache auf sich allein gestellt. "Das war einerseits hart", sagt sie heute und will nichts beschönigen; aber irgendwie sei es auch die beste Zeit gewesen. Denn Tara Erraught, aufgenommen ins Opernstudio, die Nachwuchsschmiede des Nationaltheaters, lernte den Betrieb in- und auswendig kennen, wie ein Mechaniker seine Motoren. Anfangs verließ sie die Oper fast gar nicht mehr, studierte von der Untermaschinerie bis hinauf zur Garderobenfrau auf der Galerie jeden und alles. Und hörte neben der profunden Ausbildung – "nirgendwo kann es besser sein als hier" – so viel Repertoire, wie sie nur kriegen konnte.

Es lag von Anfang an etwas Besonderes in dieser Stimme, einem jugendlichen, fast immer zum Lächeln und zum Überzeugen bereiten Mezzosopran, mit dem Erraught vor fünf Jahren zuerst als Cherubino in Mozarts Figaro debütierte und anfing, wie es die irische Art ist, eine Geschichte zu erzählen: Was von Herzen kam, konnte leicht zu Herzen gehen. Hier sprach nicht die Unschuld vom Lande, aber eine, die nahe am Ursprung der Musik lebte, so natürlich, wie es ging. Und keiner schlief.

Ihren Durchbruch jedoch hatte Erraught zwei Jahre später, als sie für Vesselina Kasarova in Bellinis I Capuleti e i Montecchi einsprang. Nikolaus Bachler, der Intendant, hatte gefragt, in höchster Not: Würde sie sich trauen? Erraught lernte den Romeo in fünf Tagen, setzte ehrlicherweise bei der Premiere "ein bisschen italienisches Füllmaterial aus der Fantasie" ein – und kam durch. Glorreich, wie man sagen muss. Sie sang Kasarovas Serie zu Ende – und sah sich hineinkatapultiert in eine Welt, in der man "Hi, Anna" (Netrebko) sagt und "Hallo, Jonas" (Kaufmann). "Awesome", logisch, aber auch ein bisschen "strange", findet Erraught.

Es war die Zeit, in der viele nach dem großen, frühen Erfolg die ersten großen, fatalen Fehler machen. Erraught hingegen vertraute dem richtigen Agenten, Jack Mastroianni, aber vor allem sich selbst und ihrer irischen Riesenfamilie, die sie "erdete", wenn das nötig war. Sie schlug die großen Bellini- und Donizetti-Rollen aus, die schon in Reichweite waren, und stärkte ihre Stimme mit Mozart und Rossini: Rosina und Cenerentola, Sifare in Mitridate. Mozarts Zerlina und Elvira, die ja auch ein Mezzo singen kann, wären Wunschrollen.

Erraughts Karriere ist in die Höhe geschossen, während sie noch am Fundament arbeitete. Auch das mag zur betont bodennahen Haltung dieses Großtalents beitragen. Wer einerseits tragende Rollen hat (Hänsel bei Humperdinck, Sesto in Tito) und andererseits mit Begeisterung den Küchenjungen in Rusalka, die Zweite Dame in der Zauberflöte oder die Stimme der Ungeborenen in Frau ohne Schatten singt, ist einfach weniger absturzgefährdet.