Keine Werbung zwischen den Sendungen. Nur sanfte Traumwesen, die über deutsch-französische Felder hoppeln: Ein Arte-Filmchen © Arte

Eine Giraffe steht rum in Europa. Lang reckt sie ihren Hals, hier in Straßburg, sie blickt auf eine eigentümliche Szenerie: Die Kolosse der Europäischen Union, das Parlament und der Gerichtshof für Menschenrechte, sind merkwürdig verlassen. Von Weitem, aus der Stadt, wehen Sirenen herüber, umgedrehte Kanus und Platanengerippe säumen den Weg am Ufer, im Villenviertel fegen Rentner in gelben Pullis lautlos ihre Terrassen. Bräunlich fließt das Wasser der Ill in Richtung EU.

Sieht so das Zentrum Europas aus?

Nicht aus den politischen Institutionen, sondern aus dem Glasbau, vor dem Balkenhols Giraffenmann, eine Figur mit Menschenkörper und Tierkopf, steht, strömen schließlich Menschen zusammen. Grüppchen wie auf einem Campus, junge Raucher mit Hornbrille, die munter und mehrsprachig grüßen, wie Erasmusstudenten, die endlich ihren Kater ausgeschlafen haben.

Und genauso sprechen sie auch. Ob Praktikant oder Vorstand, im Hauptsitz des deutsch-französischen Senders Arte beginnt jedes Gespräch wie ein Partysmalltalk über Assimilationserfolge. "Am Anfang hab ich kein Wort verstanden", "Ich hatte Französisch ja nur in der Schule", "Jede Woche versuch ich einen Satz mehr auf Deutsch zu sagen".

Es ist eine kleine Oase, die Europas Kulturpolitik sich in den letzten 20 Jahren in Straßburg erfolgreich herangezüchtet hat. Arte erzählt eine europäische Erfolgsgeschichte, als Marke steht der Sender für Qualitätsfernsehen jenseits dessen, wofür die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nunmehr dauerbeschimpft werden: Starrheit, Mutlosigkeit, Quotenwahn.

Arte wirkt dagegen wie eine Anti-Anstalt. Das riesige Glasgebäude hat etwas von modernen Großraumbüros, aber nichts von durchoptimierten Newsrooms. Wie Miniatur-Laboratorien, kleine Waben, in denen selbstvergessen herumgebastelt wird, liegt ein gläsernes Büro neben dem anderen. Manche sind zugekleistert mit Plakaten von Filmen wie Das Leben der Anderen oder Oh Boy, die vom Sender mitfinanziert und koproduziert wurden, auf anderen prangen ironische Fotogalerien wie die besten bisous von Politikern – Merkel und Hollande, Sarkozy, Chirac.

Offenkundig ist genug Raum für professionelle Verkauzung, in den Büros wird sie als Freiheit zur Entfaltung gepriesen. Im selben Atemzug schimpft man auf französische und deutsche Neurosen, nur um am Ende einstimmig die Kantine zu loben, von der die ganze Stadt sagt, jeder neue Mitarbeiter würde erst einmal drei bis vier Kilo zulegen. In dieser Hinsicht sind es französische Gespräche, die hier stattfinden, auch mit den deutschen Mitarbeitern, genau lässt es sich bei den 430 Menschen, die hier arbeiten, sowieso nicht mehr trennen.

Was sie eint, ist die Angewohnheit, ihren Sendernamen als Adjektiv zu benutzen: "C’est très arte", " dieser Film ist sehr arte" – erläutern kann dieses Urteil niemand genau. Das, was im Firmensprech als Corporate Design bezeichnet wird, scheint sich vielmehr in einem speziellen Sound widerzuspiegeln, der in allem, was der Nischensender produziert, erklingt.

Filme, die in Gremiensitzungen normalerweise abgeschmettert würden, finden hier ihren Sendeplatz: verwackelte Kneipentouren mit Prominenten, ein Schwerpunkt allein zur Farbe Blau, Dokumentationen, die Titel tragen wie Blickfang Po – eine kurze Geschichte des Hinterteils. Als kleiner Sender kann Arte diese Formate durchsetzen: Da ohnehin keine Tatort- oder Musikantenstadl-Quote zu erwarten ist, entscheidet nicht der bange Blick auf vermeintliche Mehrheitswünsche, sondern der Inhalt. Keine Werbung, nur eigene Einspieler unterbrechen die Sendungen, mal ein Kartentrick, mal Menschen, die als Schafe verkleidet sind, oder junge Leute, die sich im Bus umziehen, die hektisch aus weißen Shorts in Anzughosen steigen und im Akkord Krawatten binden. Ein Hauch französischer Filmsprache steckt in diesen Bildern: die Freiheit von Plot und Bedeutung, die den Zuschauer fasziniert, aber ratlos zurücklässt. Es ist ein selbstironisches, aber nicht unernstes Bild, das Arte nach außen transportiert.

Während Claude Savin, eine energische Pressedame aus Bordeaux, durchs Haus führt, referiert sie zweisprachig die offiziellen Karrierestationen sowie die innere Struktur des "Zusammenschlusses bezüglich des europäischen Fernsehens", der "Association Relative à la Télévision Européenne", kurz: Arte. Hier bleibt kein Chef lang, alle vier Jahre werde der Présidence und der Vice-Président – der französische Akzent macht aus ihm einen "Witze"-Präsidenten – ausgewechselt, ein ausgeklügeltes Fluktuationssystem, das in Savins Kurzzusammenfassung an die kafkaeske Behördentour von Asterix in Rom erinnert, von einem Beamten zum nächsten, auf der ewigen Suche nach dem Passierschein A38.