Szene aus Ulrich Seidls Dokumentarfilm "Im Keller" © Stadtkino Filmverleih

Ein Keller muss häufig als Metapher für alles Mögliche herhalten. Er verkörpere, heißt es gerne, die Abgründe, die in den Menschen stecken, er sei ein Stauraum für geheime Obsessionen, ein Rückzugsort zur unbeobachteten Triebabfuhr, ein Versteck für anrüchiges Verhalten.

In dieser häuslichen Intimzone sind die Bewohner den sozialen Kontrollmechanismen ihrer Umgebung entzogen. Hier ist jeder sein eigener Richter, hier kann jeder unverfälscht sein wahres Selbst entfalten, so lächerlich, widerlich, kitschig oder pervers es auch sein mag. Da tut man, was man in der guten Stube nie wagen würde, da sind die gelebten Fantasien gut aufgehoben. Es hat den Anschein, im Keller wohne die Wahrheit.

Wenn es so einfach wäre, dass der Weg zum Unbewussten über eine Kellerstiege führt, man könnte sich glatt alle Psychotherapie ersparen. Das Publikum möge nicht vergessen, sagte der Regisseur Ulrich Seidl sinngemäß nach der Premiere seines neuen Dokumentarfilms Im Keller vergangene Woche, dass jeder seinen eigenen Keller mit sich herumtrage.

Angeregt durch zwei spektakuläre Kriminalfälle, bei denen Menschen jahrzehntelang in Kellerverließen gefangen gehalten worden waren, hatte Seidl vor fünf Jahren mit einer filmischen Begehung der unterirdischen Refugien des Landes begonnen. Vielleicht in der Hoffnung, er würde am Ende über ein Puzzle der kollektiven Psyche verfügen. Er hat aber dabei nichts Überraschendes gefunden, nichts, was es nicht auch an der Oberfläche gäbe – Nazi-Devotionalien, Waffennarren, Prolophilosophen, Vereinsamte, arme Teufel oder Sadomasochisten. Doch für das Erwartbare fand er intensive, zum Teil auch groteske und bizarre Bilder.

Über die vergangenen drei Jahrzehnte hat Ulrich Seidl eine eigene Methode zum filmischen Markenzeichen entwickelt. In starren, kalten Bildern präsentiert er menschliche Verhaltensweisen mit der Teilnahmslosigkeit einer Überwachungskamera, was Unmittelbarkeit und Authentizität suggeriert, tatsächlich aber eine kluge Kalkulation ist. Die Protagonisten sind sorgfältig zu Tableaus arrangiert, in denen sie wie in einem Beichtstuhl isoliert wirken. So versucht die Kamera in tiefere Sphären und verborgene Zonen der Menschen vorzudringen.

Das kann zu bewundernswerten Resultaten führen wie dem Dokumentarfilm Jesus, du weißt. Da gelang dem Regisseur vor zehn Jahren ein eindringliches, intimes und aufrichtiges Porträt katholischer Glaubenswelten in Österreich. Nie wirkte einer der Hoffnungssucher in seiner Seelennot in Szene gesetzt oder der Neugier preisgegeben. Die Strenge der Bildsprache korrespondierte mit der Strenge der kirchlichen Ikonografie, und der Kamera gelang es, komplexe Seelenlandschaften zu dokumentieren.

Die Methode kann aber auch gründlich danebengehen. Bei Im Keller ist das der Fall. Ein wesentliches Problem des Filmes ist es, dass die Menschen in bemüht artifiziellen Einstellungen im Grunde genommen sehr banale Dinge tun – und das eben zufällig im Souterrain. Der Erkenntnisgewinn hält sich in engen Grenzen, aber es sieht sehr nach dem Markenzeichen Feel bad von Ulrich Seidl aus. Zunehmend wirkt die Keller-Metapher wie ein Vorwand.