Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten ist nach wie vor niedrig.

Eine Minute. Nur so viel Zeit hat jede Frau in der Runde, um andere von sich zu überzeugen. So lange dauert ungefähr eine Fahrt mit einem Fahrstuhl, deshalb heißt die Vorstellungsrunde auch "Elevator Pitch". Eine Frau mit kurzen, dunkelgrau melierten Haaren steht auf und sagt, wer sie ist: Irini Aliwanoglou, 44 Jahre alt, aus Kiel. Was sie macht: einen Pflegedienst mit 300 Mitarbeitern leiten. Was sie kann: Gesundheit und Ökonomie unter einen Hut bekommen. Wo sie hinwill, muss sie nicht extra sagen – alle 27 Frauen, denen sie sich vorstellt, wollen dasselbe: in einen Aufsichtsrat. Deshalb sind sie an diesem Wochenende nach Berlin gefahren, an die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR).

Sie absolvieren die Weiterbildung "Strategische Kompetenz für Frauen in Aufsichtsräten". Es ist der erste Jahrgang. In vier Lehreinheiten sollen die Frauen lernen, wie sie gute Aufsichtsrätinnen werden. Und wie sie überhaupt ein Mandat bekommen.

Die Frauen werden gebraucht. Derzeit liegt ihr Anteil in den Aufsichtsräten deutscher Aktienunternehmen bei 19 Prozent. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ist das zu wenig, sie hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der in den nächsten Wochen im Kabinett beschlossen werden soll. Danach müssten in börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen mindestens 30 Prozent der Aufsichtsratsmandate an Frauen vergeben werden. Scharen von Headhuntern sind bereits ausgeschwärmt, um fähige Frauen zu finden. Beste Aussichten für Irini Aliwanoglou, könnte man denken.

Doch viele Frauen klagen, wie schwierig es sei, auf sich aufmerksam zu machen und in die Netzwerke alter Männer einzudringen. "Die Nominierungsprozesse sind intransparent", sagt Karin Reichel von der HWR. "Die Männer schauen in ihre Adresslisten. Und den, den alle kennen, der wird angesprochen."

Reichel leitet das neue Weiterbildungsangebot an der Berliner Hochschule. Sie will die Teilnehmerinnen bestärken, ihnen die Zurückhaltung nehmen. "Frauen denken oft, gute Arbeit genügt", sagt Reichel. Doch das reiche eben nicht. Deshalb geht es in dem Programm vor allem auch um Strategie: Wie kann ich für mich werben? Wer kann mir dabei helfen, ein Mandat zu bekommen? In Kamingesprächen geben Aufsichtsrätinnen Tipps, etwa wie man andere Frauen findet, die Frauen fördern.

Das Programm vermittelt in sechs Modulen an zwölf Tagen für 2790 Euro wirtschaftliche und juristische Grundlagen, unter ihnen auch Themen wie Arbeitsbeziehungen und Interessenkonflikte. Die 27 Teilnehmerinnen haben in verschiedenen Branchen Karriere gemacht, im Marketing, bei Banken, Immobilien- und Baufirmen. Die meisten Dozenten sind Frauen.

Das Seminar "Unternehmensstrategie" hält ausnahmsweise ein Mann, Andreas Zaby, Vizepräsident der HWR. Zaby hat ein Fallbeispiel mitgebracht – die Insolvenz des Weltbild-Verlags. "Wie konnte es dazu kommen?", fragt er. Irini Aliwanoglou meldet sich. Sie lehnt lässig in ihrem Stuhl, trägt Männerhalbschuhe und Nadelstreifenanzug. Sie zählt mehrere Punkte auf, die ihrer Meinung nach schiefliefen bei Weltbild: die Distribution, das Portfolio, kein Konzept angesichts der Konkurrenz aus dem Internet. "Das Unternehmen hat es nicht geschafft, mit der Zeit zu gehen", sagt sie.

Ein Problem, das sie aus der eigenen Branche kennt. Die meisten großen Pflegebetriebe sind eher traditionell, behäbig, sagt Aliwanoglou. Sie aber hat Visionen, ist Verfechterin des Quartierskonzepts, bei dem Viertel so umgestaltet werden sollen, dass alte Menschen, die Unterstützung brauchen, in ihren eigenen Wohnungen bleiben können. Sie hat sich schon ihr Studium mit Pflegejobs finanziert. "Ich habe großes Branchenwissen", sagt sie. Das würde sie gerne bei der Kontrolle anderer Betriebe einbringen. Der Bedarf ist da – der Pflegesektor wächst, aber es gibt zu wenig qualifizierte Führungskräfte.

Zaby rät den Frauen, die Unternehmensstrategie nicht bloß durchzusehen und abzunicken. "Geschickte Vorstände können das ausnutzen. Wir müssen lernen, als Aufsichtsräte wichtige Fragen zu stellen." Aliwanoglou hört aufmerksam zu. Sie hat vor ein paar Jahren einen MBA gemacht, die betriebswirtschaftlichen Inhalte kennt sie schon. "Bei mir steht der Vernetzungsaspekt an erster Stelle", sagt sie, "und das Wissen, wie ich den Weg zum Mandat vorbereiten kann." Die 44-Jährige hat früh gespürt, dass sie gern führt. Nach dem Pädagogik-Diplom hat sie sich zur Geschäftsführerin ihres Betriebs hochgearbeitet. Als sie sich für das Programm an der HWR bewarb, kommentierte ein Mitarbeiter ironisch: "Du brauchst das, aber wir Männer nicht, oder wie?"

"Frauen warten darauf, entdeckt zu werden"
Susanne May

Natürlich könnten viele Männer so ein Programm gebrauchen. Es gab in den vergangenen Jahren einige Fälle, in denen Aufsichtsräte versagt haben, sei es beim Weltbild-Verlag oder bei Banken in der Finanzkrise. Es sei "grundsätzlich erforderlich, die Qualifikation von Aufsichtsräten allgemein zu erhöhen", stellte die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Codex fest.

Deswegen haben inzwischen verschiedene Anbieter Weiterbildungen für Aufsichtsräte im Programm, darunter auch Business Schools wie die European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin und die Frankfurt School of Finance and Management. "Das Bild von kleinen Männerrunden, die Zigarre rauchen und am Ende voller Einigkeit alles abnicken, bestätigt sich nicht mehr", sagt Christian Schätzlein, Leiter des Competence Center Risikomanagement & Regulierung an der Frankfurt School. "Es gibt einen starken Trend zur Professionalisierung der Aufsichtsräte." Das heißt auch, dass es mehr hauptberufliche Mandate gibt.

Das Programm der Frankfurt School aus vier eintägigen Modulen läuft inzwischen im vierten Jahr. Rund 150 Teilnehmer haben es bisher absolviert. Hinter der Nachfrage steckt auch der Wunsch, sich abzusichern: Unternehmenskontrolleure können im Zweifelsfall für finanzielle Ausfälle in Haftung genommen werden.

Eine Schulung ausschließlich für weibliche Aufsichtsräte ist neu. Aber kann eine Weiterbildung wirklich zum Mandat verhelfen? Susanne May leitet ein Beratungsunternehmen im Bereich Führungskräfteentwicklung und coacht auch Frauen, die in einen Aufsichtsrat wollen. Sie sagt: "Solche Programme sind gut, aber sie reichen nicht. Der Nutzen hängt auch davon ab, inwieweit sich eine Frau ein strategisches Netzwerk aufgebaut hat." Frauen würden dazu neigen, sich viel weiterzubilden und fleißig zu sein – aber zu wenig zu netzwerken. Männer gingen eher davon aus, sowieso qualifiziert zu sein, und kümmerten sich deswegen mit voller Kraft um die Kontaktpflege. "Männer taktieren besser: Sie wissen, wie sie an die wichtigen Leute herankommen. Frauen kommen in der Regel nicht auf die Idee, einfach mal die Sekretärin anzurufen, um ein Lunchdate auszumachen", sagt May. "Frauen erwarten, entdeckt zu werden. Sie denken: Es muss doch jemand mitbekommen, was ich alles leiste."

Tatsächlich buchen auffällig viele Frauen Aufsichtsrat-Seminare. An der Frankfurt School ist rund die Hälfte der Teilnehmerinnen weiblich, damit ist der Anteil der Frauen hier mehr als doppelt so hoch wie in den Aufsichtsräten. Die HWR hatte für den ersten Durchgang doppelt so viele Bewerberinnen, wie sie annehmen konnte. Zwar verhilft die Weiterbildung nicht automatisch zum Mandat – mancher Teilnehmerin gibt sie aber vielleicht die nötige Sicherheit, sich ihren Weg in die Adressbücher zu bahnen.

Irini Aliwanoglou jedenfalls hat bereits angefangen, die wichtigste Lektion anzuwenden und ihr Netzwerk auszubauen. Sie versucht, sich ins Gespräch zu bringen. Ein Aufsichtsratsmandat hätte sie gern in den nächsten ein bis zwei Jahren. Geschäftsführerin ist sie seit mehr als fünf Jahren, ihr Unternehmen wächst – sie weiß, was sie kann. "Ich sehe mich als jemanden, der Dinge angefasst und bewegt hat", sagt sie. "Man darf mir eine hohe Leistung abverlangen."