Es ist unvorstellbar und doch offensichtlich. Es ist unfassbar und doch unabänderlich. Es ist lange leicht zu ignorieren, aber eines Tages nicht mehr zu bestreiten: Jeder Mensch wird älter – und plötzlich ist er alt. So wie Greta, 79, und Hans, 81. Sie leben irgendwo in Hamburg, Hannover oder Bremen, in einer Wohnung mit Balkon, erster Stock links, vielleicht auch rechts. Womöglich heißen sie sogar anders. Wichtig ist nur: Sie heirateten vor fünfzig Jahren und wurden dann gemeinsam alt. Auf der Expedition Leben sind sie ziemlich weit vorangekommen:  zwei Menschen, die nicht nur vom Gestern berichten können, sondern auch von unser aller Morgen. Sie kennen die Antwort auf die Frage: Wie ist das, wenn man so alt ist, wie jeder werden will und doch keiner sein mag?

"Och", sagt er, "so schlimm ist das nicht. Wir beide haben unsere Leben ja gelebt. Wir beide haben uns ja gehabt. Nicht wahr?"

"Das stimmt", sagt sie. "Aber man wird im Bus so hin und her geworfen, wenn man alt ist."

"Und ich hatte früher viel mehr Muskeln", sagt er, "hier oben um die Schultern. Das ist alles in den Bauch gerutscht."

Sie lacht.

"Ich denk ja immer, ich bin kein alter Mann, und merke dann, ich bin es doch", sagt er.

"Wir sind auch vergesslicher geworden", sagt sie. "Immerzu hat man irgendetwas irgendwo abgelegt und sucht und sucht und sucht: Wo ist der Kamm? Wo war noch mal meine Brille?"

"Hab ich auch mal unseren Hochzeitstag vergessen, Greta?", fragt er.

"Ich weiß es."

"Also ja."

"Ist aber nur ein Mal vorgekommen."

Sie, das ist Greta, geboren 1934 in Hamburg, früher Kontoristin. Er, das ist Hans, geboren 1933 in Hannover, einstmals Drucker. 26 Treppenstufen sind es hinauf in ihre Wohnung. Zwei Zimmer, Küche, Bad. In der Garderobe die Regenschirme. Auf der Kommode Telefon, Adressbuch und Tablettendose. Auf dem Tisch Kaffee, Kekse, das gute Geschirr. Im Wohnzimmerregal ein Bild der Tochter, Jahrgang 1966, also bald auch schon 50. In Gretas Gesicht Erstaunen, dass sich eine Zeitung für ihr Leben interessiert.

"Ich wache jetzt immer zwischen vier und fünf Uhr auf", sagt sie. "Dann liege ich still in meinem Bett und höre den Vögeln zu."

"Sie müssen wissen, wir haben schon seit langer Zeit getrennte Schlafzimmer", sagt er. "Ich schnarch wie eine Dampfmaschine."

"Dein Schnarchen, Hans! Ich wusste anfangs nicht, wohin mit mir. Ich habe versucht, abends eine ganze Flasche Bier zu trinken, nur damit ich vor dir einschlafe. Heute, wenn ich’s doch mal höre, denke ich: Lass ihn schnarchen, du weißt ja gar nicht, wie lang du ihn noch hast."

An ihrem Bett: ein kleines Radio mit Frequenzrad, eingestellt auf UKW 92,3 – NDR Info.

"Um sechs Uhr früh höre ich immer Nachrichten", sagt sie. "Dann stehe ich auf, gehe ins Bad, mache mich frisch und ziehe mich an. Dass ich nur in den Morgenmantel schlüpfe und bis mittags so herumlaufe, das gibt es nicht."

"Man gammelt nicht so rum", sagt er.

"Wenn ich mit allem fertig bin, gucke ich auf die Uhr", sagt sie.

"Um sieben weckt sie mich", sagt er.

"Dann mache ich meinem Mann ein Müsli mit Obst und Nüssen. Ich esse meist ein Brot. Zum Schluss gibt es noch einen Haps mit Honig."

"Dann sind wir gesättigt", sagt er.

"Und haben den ganzen Tag noch vor uns", sagt sie.

"Aber nie Zeit", sagt er. "Das hätte ich früher nie gedacht: Auch Rentner müssen nach der Uhr leben. Weil alles einen Termin hat. Die Fernsehsendung. Der Bus. Der Arzt. Je abhängiger du von anderen bist, desto wichtiger wird die Uhr."

"Mit unserer Tochter machen wir ja auch Termine", sagt sie.

"Den ersten Termin hab ich morgens um fünf allerdings mit meiner Blase", sagt er.

Sie lacht.

"Und mittwochs und samstags fahren wir zum Wochenmarkt", sagt er.

"Mit dem Fahrrad", sagt sie. "Wir haben ja kein Auto. Wir kaufen immer nur den Fahrradkorb voll."

"Deshalb haben wir auch immer frische Sachen."

Der jüngste Einkaufszettel:
Matjes (2 Filets)
Schinken
Erdb.
Kart., Wurzelsalat
Petersilie
Brot
Äpfel

"Dass wir da morgens früh aufbrechen, ist auch wichtig, weil die Zeit ja so rast", sagt er. "Wie oft sagen wir: Mein Gott, schon wieder Weihnachten!"

"Als Kind hätte ich das nie geglaubt", sagt sie.

"Als Kind hatte ich Langeweile", sagt er. "Ewig hab ich gewartet, bis die Spielkameraden rauskamen. Obwohl ewig nur ’ne halbe Stunde war! Ich war immer nur am Warten."

"Dabei rast die Zeit gar nicht", sagt sie, "wir sind nur langsamer geworden. Viel, viel langsamer. Früher ging mir alles ruck, zuck von der Hand. Wie lange ich jetzt brauche, um mir die Haare zu waschen. Oder den Frühstückstisch abzuräumen. Und wenn ich denke, dass ich fertig bin, liegt da immer noch was."