Es ist unvorstellbar und doch offensichtlich. Es ist unfassbar und doch unabänderlich. Es ist lange leicht zu ignorieren, aber eines Tages nicht mehr zu bestreiten: Jeder Mensch wird älter – und plötzlich ist er alt. So wie Greta, 79, und Hans, 81. Sie leben irgendwo in Hamburg, Hannover oder Bremen, in einer Wohnung mit Balkon, erster Stock links, vielleicht auch rechts. Womöglich heißen sie sogar anders. Wichtig ist nur: Sie heirateten vor fünfzig Jahren und wurden dann gemeinsam alt. Auf der Expedition Leben sind sie ziemlich weit vorangekommen:  zwei Menschen, die nicht nur vom Gestern berichten können, sondern auch von unser aller Morgen. Sie kennen die Antwort auf die Frage: Wie ist das, wenn man so alt ist, wie jeder werden will und doch keiner sein mag?

"Och", sagt er, "so schlimm ist das nicht. Wir beide haben unsere Leben ja gelebt. Wir beide haben uns ja gehabt. Nicht wahr?"

"Das stimmt", sagt sie. "Aber man wird im Bus so hin und her geworfen, wenn man alt ist."

"Und ich hatte früher viel mehr Muskeln", sagt er, "hier oben um die Schultern. Das ist alles in den Bauch gerutscht."

Sie lacht.

"Ich denk ja immer, ich bin kein alter Mann, und merke dann, ich bin es doch", sagt er.

"Wir sind auch vergesslicher geworden", sagt sie. "Immerzu hat man irgendetwas irgendwo abgelegt und sucht und sucht und sucht: Wo ist der Kamm? Wo war noch mal meine Brille?"

"Hab ich auch mal unseren Hochzeitstag vergessen, Greta?", fragt er.

"Ich weiß es."

"Also ja."

"Ist aber nur ein Mal vorgekommen."

Sie, das ist Greta, geboren 1934 in Hamburg, früher Kontoristin. Er, das ist Hans, geboren 1933 in Hannover, einstmals Drucker. 26 Treppenstufen sind es hinauf in ihre Wohnung. Zwei Zimmer, Küche, Bad. In der Garderobe die Regenschirme. Auf der Kommode Telefon, Adressbuch und Tablettendose. Auf dem Tisch Kaffee, Kekse, das gute Geschirr. Im Wohnzimmerregal ein Bild der Tochter, Jahrgang 1966, also bald auch schon 50. In Gretas Gesicht Erstaunen, dass sich eine Zeitung für ihr Leben interessiert.

"Ich wache jetzt immer zwischen vier und fünf Uhr auf", sagt sie. "Dann liege ich still in meinem Bett und höre den Vögeln zu."

"Sie müssen wissen, wir haben schon seit langer Zeit getrennte Schlafzimmer", sagt er. "Ich schnarch wie eine Dampfmaschine."

"Dein Schnarchen, Hans! Ich wusste anfangs nicht, wohin mit mir. Ich habe versucht, abends eine ganze Flasche Bier zu trinken, nur damit ich vor dir einschlafe. Heute, wenn ich’s doch mal höre, denke ich: Lass ihn schnarchen, du weißt ja gar nicht, wie lang du ihn noch hast."

An ihrem Bett: ein kleines Radio mit Frequenzrad, eingestellt auf UKW 92,3 – NDR Info.

"Um sechs Uhr früh höre ich immer Nachrichten", sagt sie. "Dann stehe ich auf, gehe ins Bad, mache mich frisch und ziehe mich an. Dass ich nur in den Morgenmantel schlüpfe und bis mittags so herumlaufe, das gibt es nicht."

"Man gammelt nicht so rum", sagt er.

"Wenn ich mit allem fertig bin, gucke ich auf die Uhr", sagt sie.

"Um sieben weckt sie mich", sagt er.

"Dann mache ich meinem Mann ein Müsli mit Obst und Nüssen. Ich esse meist ein Brot. Zum Schluss gibt es noch einen Haps mit Honig."

"Dann sind wir gesättigt", sagt er.

"Und haben den ganzen Tag noch vor uns", sagt sie.

"Aber nie Zeit", sagt er. "Das hätte ich früher nie gedacht: Auch Rentner müssen nach der Uhr leben. Weil alles einen Termin hat. Die Fernsehsendung. Der Bus. Der Arzt. Je abhängiger du von anderen bist, desto wichtiger wird die Uhr."

"Mit unserer Tochter machen wir ja auch Termine", sagt sie.

"Den ersten Termin hab ich morgens um fünf allerdings mit meiner Blase", sagt er.

Sie lacht.

"Und mittwochs und samstags fahren wir zum Wochenmarkt", sagt er.

"Mit dem Fahrrad", sagt sie. "Wir haben ja kein Auto. Wir kaufen immer nur den Fahrradkorb voll."

"Deshalb haben wir auch immer frische Sachen."

Der jüngste Einkaufszettel:
Matjes (2 Filets)
Schinken
Erdb.
Kart., Wurzelsalat
Petersilie
Brot
Äpfel

"Dass wir da morgens früh aufbrechen, ist auch wichtig, weil die Zeit ja so rast", sagt er. "Wie oft sagen wir: Mein Gott, schon wieder Weihnachten!"

"Als Kind hätte ich das nie geglaubt", sagt sie.

"Als Kind hatte ich Langeweile", sagt er. "Ewig hab ich gewartet, bis die Spielkameraden rauskamen. Obwohl ewig nur ’ne halbe Stunde war! Ich war immer nur am Warten."

"Dabei rast die Zeit gar nicht", sagt sie, "wir sind nur langsamer geworden. Viel, viel langsamer. Früher ging mir alles ruck, zuck von der Hand. Wie lange ich jetzt brauche, um mir die Haare zu waschen. Oder den Frühstückstisch abzuräumen. Und wenn ich denke, dass ich fertig bin, liegt da immer noch was."

"Wir Alten sehen ja alle gleich aus"

"Die Grünphasen an der Ampel schaffen wir aber noch", sagt er.

"Ich bin neulich sogar mal wieder über Rot gelaufen, Hans."

"Ich soll ja nicht mehr rennen seit meiner Hirnoperation."

Seine Krankheitsgeschichte:
1954 Schädelbruch (Motorradunfall)
1984 Gehirntumor
2002 Prostata-Schälung
2011 Herzinfarkt (im Bergurlaub)
2013 Leistenbruch

Ihre Krankheitsgeschichte:
1958 ein Eierstock entfernt
2003 Unterleibs-Totaloperation

"Manchmal schaue ich an mir herunter, und mein Kopf denkt: Wie alt mein Körper doch geworden ist", sagt sie. "Überall Orangenhaut. Meine Hände! So faltig waren die vor zwanzig Jahren nicht."

"Ich find’s nicht schlimm", sagt er.

"Aber meine Haare. Früher war ich so stolz auf meine Naturkrause. Seit ich grau bin, sieht die aus wie eine Alt-Omi-Dauerwelle – obwohl’s gar keine Dauerwelle ist! Mein Mann sagt immer, von hinten erkennt er mich inzwischen am besten am Gang. Wir Alten sehen ja alle gleich aus."

"Die jungen Leute werden’s später leichter haben, sich zu unterscheiden", sagt er. "Die sind ja tätowiert wie die Maoris. Das gab’s früher nur im Zirkus."

Sie lacht.

"Je älter unsere Körper werden, desto kindlicher werden wir im Kopf", sagt er.

"Ja, seltsam. In meinen Träumen bin ich nicht mehr bei dir, Hans. Da bin ich wieder Kind. Da bin ich das Mädchen vor dem kleinen Haus, wo wir noch den Brunnen und das Plumpsklo hatten. Von diesem Plumpsklo träume ich jetzt wieder!"

"Die letzten Jahre fing das an", sagt er, "dass die Kindheit in der Erinnerung immer größer wird. Und der Krieg. Dafür werden die Berufsjahre zusammengepresst, weil sie sich ja ähneln."

"Du hast auch diese jungenhafte Begeisterung für alles Mechanische, Fahrräder und so", sagt sie.

"Und du rettest jeden Regenwurm von der Straße, Greta. Wie ein junges Mädchen! Jeden verletzten Frosch trägst du an einen sicheren Platz. In der Mitte des Lebens hat man keine Zeit für dieses Kleine, da kommt es auf das Große an. Jetzt ist es wieder andersrum."

"Als ich Kind war, wurde mir immer gesagt: Wenn man alt ist, wird man weise", sagt sie. "Aber ich fühle mich kein bisschen weise. Dass ich was besser begreife. Ich verstehe die Welt doch immer weniger."

"Ich hab jetzt zum Beispiel das Fotografieren aufgegeben", sagt er.

"Ad acta gelegt", sagt sie.

"Wir erleben ja auch nicht mehr so viel Neues", sagt er.

"Früher! Wenn man die Kinder aufnahm, wie sie so versunken spielten", sagt sie.

"Fotografieren ist auch so umständlich geworden", sagt er. "Ich hab ja immer Lichtbilder gemacht, Dias. Aber ich find kaum noch Diafilme. Als Digital jetzt kam, hab ich da nicht mehr mit angefangen. Weil ich das nicht versteh. Bei einer richtigen Maschine, bei meiner Leica, hör ich ja am Klang, was kaputt ist. Wo was schleift. Ob sich was festgefressen hat."

Dia-Schubkästen in der Kommode (Auswahl):
Italien 1956
Jugoslawien 1957
Fahrradtour Hannover–Istanbul 1958
Travemünde 1975
Kleinwalsertal 1985
Radtour Rhön 1986
Radtour Ostfriesland 1988
Corvara 1990
Radtour Eifel + Mosel 1991

"Vor sechs Jahren habe ich meine letzten Bilder gemacht", sagt er.

"Die ganze Elektronik heute ist mir ein Buch mit sieben Siegeln", sagt sie. "Ich hoffe so, dass ich nie was mit Computern zu tun haben muss. Ich sage meinem Mann so oft: Was machen wir, wenn wir noch erleben, dass man mit den Banken nur noch online verkehren kann?"

"Dann wären wir hilflos", sagt er.

"Wir wollen auch keine ec-Karte."

"Und nicht dieses Internet."

"Neulich habe ich gestaunt", sagt sie. "Im Bus, in der Bahn, unterwegs, überall steht einer und guckt in seine Hand. Ich dachte lange: Die gucken auf ihren Zettel, was sie einkaufen wollen. Dann sehe ich: Nee, die gucken alle auf dieses ... Ding."

"Smartphone."

"Sogar im Restaurant. Die gucken gar nicht mehr auf ihre Teller. Die sehen gar nicht, was sie essen."

"Wenn ich früher mit der Bahn gefahren bin", sagt er, "dann dauerte das gar nicht lange, da hatte ich im Abteil Freundschaften geschlossen. Oder ein Mädchen kennengelernt, wo ich dachte: Mensch, geh da mal ran! Gerade junge Leute müssen ja Bekanntschaften schließen. Ist doch schade, wenn man gar nicht mehr hochguckt."

"Wir haben jetzt aber auch ein Handy", sagt sie, "von unserer Tochter."

"Zum Telefonieren", sagt er, "mit Tasten. Damit kann ich die 112 rufen, beim nächsten Herzinfarkt. Wenn ich dann noch einigermaßen beieinander bin und weiß, wo ich bin, kommt vielleicht einer und holt mich ab."

Vergangene Woche im Briefkasten: ein Rentenbescheid für sie, ein Rentenbescheid für ihn, der Gemeindebrief.

"Bestimmt finden Sie uns antiquiert", sagt sie.

"Wir werden nicht weiser, wir werden gerührter", sagt er. "Wir freuen uns, wenn die Bäume wieder grün werden."

"Und wenn es wieder Spargel gibt. Und über jeden Tag, an dem wir auf dem Balkon frühstücken können. Dann sage ich zu meinem Mann: Hans, zieh dir eine Jacke an, ich habe draußen den Frühstückstisch gedeckt. Dann steht sein Stuhl hier drin, an der Tür, damit er ein bisschen geschützt sitzt, und ich kann draußen sein."

"Wir freuen uns auch über jede Amsel, die auf dem Geländer Pause macht."

"Ihr Männer werdet allerdings nicht nur gerührter, sondern auch rechthaberischer", sagt sie.

"Wann denn?"

"Wir küssen uns noch jeden Tag"

"Wenn wir mit der Wandergruppe unterwegs sind, Hans, streitet ihr euch schon Kilometer vor der nächsten Kreuzung, ob links oder rechts."

"Weil die Karten ungenau sind, Greta."

Sie lacht.

Er auch.

"Wenn Sie hören, wie wir uns kennengelernt haben, kriegen Sie bestimmt einen Schock", sagt sie.

"Das war nämlich ungewöhnlich", sagt er.

"Ich hatte eine Annonce in der Zeitung aufgegeben", sagt sie.

"In der Sonnabend-Ausgabe", sagt er. "Die hab ich immer am Kiosk gekauft."

"Ich habe die Annonce noch", sagt sie.

"Hamburger Abendblatt" vom 9. September 1962:
Naturfreundin (Wandern und Radfahren), ev., 27, 1,65, sucht gleichgesinnten, humorvollen "Auto- und Fernsehfeind". Bildzuschr. u. PS 7421 Abl.

"Ich wohnte noch zu Hause", sagt sie. "Ziemlich abgelegen, und mein Vater hat mich sehr kurz angebunden: Wenn ich zehn Minuten zu spät nach Hause kam, gab es Ärger."

"Und ich war mit einem Koffer aus Hannover hergekommen, hatte ’ne Bude und sonst nichts", sagt er.

"Kurz vorher hatte ich einen Verlobten", sagt sie. "Aber alles, was mich interessierte, lag nicht auf seiner Linie. Er mochte nicht laufen. Ob er jemals Rad gefahren ist, weiß ich nicht. Und was er von Büchern hielt, auch nicht. Ich wollte lieber jemanden, mit dem ich meine Interessen teilen konnte."

"Und ich hatte ein bisschen Zeit", sagt er. "Da hab ich mir gedacht: Musste wohl mal wieder mit einem Mädchen tanzen gehen. Damals ging man sonntags ja zum Tanztee. Da spielten noch normale Kapellen."

"Du tanzt doch gar nicht so gerne!", sagt sie.

"Aber ich hatte keinen Fernseher und kein Auto. Und ich war 1,67. Passte! Ich glaub aber, du warst damals größer, Greta."

"Ich habe mit Absicht 1,65 hingeschrieben, weil ich niemanden abschrecken wollte."

"So verrückt war das damals", sagt er.

"Ich war 1,68", sagt sie. "Es haben sich zwölf Männer gemeldet. Der dritte warst du. Ich habe mir die flachsten Schuhe angezogen, die ich finden konnte."

"Jetzt bin ich größer als du, Greta."

"Weil ich schneller schrumpfe, Hans."

"Wir haben uns am Kriegerdenkmal getroffen", sagt er.

"Am 9. September war die Annonce in der Zeitung, am 12. hast du mir geschrieben", sagt sie. "Da habe ich gleich geantwortet, dann hast du mir wieder geschrieben und das Treffen am 22. vorgeschlagen. Telefon hatte man damals ja noch nicht."

"Ich trug einen Trenchcoat. Wie Columbo. War schon kalt."

"Und Handschuhe hattest du an. Sogar einen Hut!"

"Einen Hut?"

"Ja. Und ich habe ein leichtes, braunes Kostüm getragen und flache Schuhe."

"Das weißt du alles noch", sagt er.

"Als Erstes habe ich erzählt, dass ich begeisterte Pilzsucherin bin", sagt sie.

"Das fand ich langweilig."

"Du hast gedacht, ich wäre eine Lehrerin – so viel habe ich von Pilzen erzählt."

"Aber mir hat deine Natürlichkeit gefallen, Greta. Die Mädchen waren damals alle affektiert, wie in den alten Filmen: wie die sich in ihren Röcken drehen!"

"Wir sind dann stundenlang durch Hamburg spaziert. Mir hat imponiert, wie du laufen konntest, Hans, richtig schön marschieren."

"14 Tage später haben wir uns zum ersten Mal geküsst", sagt er.

"Das wüsste ich jetzt nicht mehr so genau", sagt sie.

"Drittes Treffen. In der Straßenbahn", sagt er.

"Das klingt, als hättest du mich geküsst und nicht ich dich."

"So war das wohl."

"Mein Mann ist entzückend", sagt sie. "Wir küssen uns noch jeden Tag. Ich gehe abends früh ins Bett, weil ich morgens so früh wach bin. Und mein Mann kommt immer noch zu mir ins Zimmer und sagt mir Gute Nacht."

"Ich setze mich an ihre Bettkante und gebe ihr einen Kuss."

"Während ich daliege."

"Wie ein junges Mädchen. Wir küssen uns dann immer auf den Mund!", sagt er.

"Und wenn ich ihn morgens wecke, kriegt er von mir einen Kuss auf die Stirn", sagt sie.

"Eine Romantik, was?", sagt er.

"Ich sehe meinen Mann jeden Morgen nackt. Wenn er aus dem Bad kommt."

"Ich muss mich da ja wiegen."

"Und ich finde, mein Mann sieht noch genauso aus wie früher. Meistens gehe ich dann hin und ärgere ihn mit meinen kalten Händen."

"Man muss auch mal schweigen"

"Am Hintern fasst sie mich an!"

"Und er ruft: Huuuuh, das ist ja viel zu kalt!"

"Leider ist das Sexuelle jetzt sehr schlecht bei mir", sagt er. "So ziemlich vorbei, seit ich an der Prostata operiert bin."

"Ich weiß nicht mal, ob ich das jetzt noch sehr vermisse", sagt sie.

"Ich schon", sagt er. "Wenn wir früher ... ja ... hab ich an ihre Zimmertür geklopft und gefragt: Hast du mich gerufen?"

Sie lächelt.

"Heute kitzle ich ihn an den Füßen", sagt sie. "Das habe ich bei meinem Vater schon so gern gemacht. Und wenn jetzt deine Füße unten aus der Decke gucken, denke ich immer: Muss ich’s doch noch mal versuchen!"

Er lacht.

"Wenn mein Mann mich nackt sieht, sagt er manchmal: Du kriegst ja auch einen Bauch."

"Aber nicht, um dich zu ärgern."

"Nee. Weil du dich freust, mit deinem Bauch nicht mehr allein zu sein."

"Wir sprechen ehrlich miteinander", sagt er. "Komplimente mach ich meist anderen Frauen."

"Ab und zu sagen wir uns natürlich auch was Nettes", sagt sie. "Etwas, von dem wir meinen, dass es nett ist. Und zu besonderen Tagen, ob das unser Kennenlerntag ist oder unser Hochzeitstag, schreiben wir uns Karten."

"Die legen wir auf unsere Plätze auf dem Frühstückstisch", sagt er.

"Es kommt uns leichter aus der Feder als über die Lippen", sagt sie.

"Wo hab ich deine Karten nur liegen, Greta?"

"Ich habe sie doch hier im Karton, Hans."

Ihre Karte zum 46. Hochzeitstag:
Das Glück ist da, wo man es hinträgt ... und wir tragen es nun schon 46 Jahre zusammen.
Deine Greta

Seine Karte zum 50. Hochzeitstag:
Liebe Greta, ich möchte mich bei Dir ganz herzlich für die vergangenen 50 Jahre bedanken. Eine lange Zeit mit Höhen und Tiefen, eine schöne Zeit, da es unser Leben war, das wir gemeinsam gemeistert haben. Einen schönen Tag wünsche ich Dir/uns.
Dein Hans

"Liebe ist ja ein großes Wort", sagt er.

"Mit dreißig kommt es einem doch sehr darauf an, dass man äußerlich akzeptiert wird", sagt sie. "Dem anderen zu gefallen."

"Das schleift sich ab", sagt er.

"Und wenn ein Kind kommt, tritt die Liebe in den Hintergrund. Dann kommt die Fürsorge. Und man ist, wie man ist", sagt sie.

"Und der andere akzeptiert einen so", sagt er.

"Vielleicht ist erst das wirklich Liebe", sagt sie.

"Da hat man dann auch was dafür getan", sagt er.

"Neulich hatte ich einen schlimmen Traum: dass ich ganz allein bin", sagt sie. "Dann bin ich aufgewacht und habe gedacht: Gott sei Dank, ich hab ja Hans. Das empfinde ich als Liebe. Diese Geborgenheit über so viele Jahrzehnte. Dass man auch Krankheiten miteinander durchsteht."

"Du hast nie groß gemeckert, Greta. Immer fröhlich, immer nett. Früher sagte man: Ein Hund ist besser als ’ne Ehefrau – der freut sich auch, wenn man betrunken nach Hause kommt. Aber du hast nie geschimpft."

"Ich war auch nie eifersüchtig, oder?"

"Nein."

"Wenn er zur Kur fährt, sind da ja gewisse Damen, die sich um ihn kümmern wollen. Alles alte Schachteln. Allerdings zehn Jahre jünger als ich."

"Aber sie weiß schon: Ich mach eh nichts."

"Und wenn schon! Daran würde ich doch unsere Ehe nicht scheitern lassen."

"Am Fremdgehen wär mir ja schon die ganze Lügerei zu kompliziert", sagt er.

"So war er immer", sagt sie. "Verlässlich. Pünktlich. Fürsorglich. Früher, wenn mein Mann freitags von der Arbeit kam, habe ich immer Blumen gekriegt, jede Woche."

"Es sei denn, ich hab’s vergessen."

"Heute kommst du mir manchmal ein bisschen überfürsorglich vor", sagt sie. "Immer: Pass gut auf dich auf. Oder: Sieh zu, dass dir nicht wieder dein Portemonnaie geklaut wird. Beim Einkaufen haben sie mir jetzt nämlich schon zum dritten Mal das Portemonnaie gestohlen."

"Ich möcht nun mal nicht, dass dir was passiert", sagt er.

"Auch, damit du nicht auf dich allein gestellt bist", sagt sie.

"Das stimmt wohl", sagt er.

"Neulich, zur goldenen Hochzeit, hat mein Mann von seinen Kollegen einen Gutschein von Karstadt gekriegt. Also ist er los und hat Unterhosen gekauft. Kommt freudestrahlend nach Hause – und ich sag: Hans, du hast ja Größe 5 genommen! Du hast seit zehn Jahren Größe 6."

"So was kann ich mir nicht merken."

"Er braust auch schnell auf, wenn er was nicht findet. Ein geflügeltes Wort aus unserer Ehe lautet: Greta, wo haben wir denn ...?"

"Ich find so schlecht was."

"Also muss ich hingehen und suchen. Ich glaube, Männer finden nur das, was sie suchen wollen. Nicht, was sie suchen müssen."

"Aber du meckerst nicht mit mir."

"Man muss auch mal schweigen. Vielleicht ist das als Ratschlag interessant. Schon meine Mutter hat gesagt: Eine Frau darf ihrem Mann nicht alles erzählen. Er darf alles essen, aber nicht alles wissen. Männer ärgern sich ja so schnell, auch über Kleinigkeiten."

"Stimmt leider", sagt er.

"Zu viel Nähe ist auch nicht gut", sagt sie. "Oft sage ich zu meinem Mann: Du kannst gerne mal was alleine machen. Ich mache in der Zeit was anderes. Montags geht er ja zur Rückenschule und trinkt mit seinen Turnkameraden nachher einen Kaffee. Wenn wir uns dann wiedersehen, hat jeder etwas zu erzählen, Grüße auszurichten."

"Die jungen Leute machen es sich so schwer mit der Liebe"

"Zu viel allein machen ist aber auch nicht gut", sagt er. "Wenn man allein eine Tour macht, kann man sich mit keinem unterhalten. Da müsste man schon Philosoph sein."

"Wir wandern ja noch viel", sagt sie. "Und es ist manchmal harmonischer, wenn wir nicht zu zweit, sondern mit anderen gehen."

"Wir beide kennen uns ja schon", sagt er.

"Das ist mal so nach 52 Jahren", sagt sie. "Ich weiß immer, was du als Nächstes sagst."

"Ich auch", sagt er.

"Eben", sagt sie.

Er lacht.

"Manchmal ärgert man sich übereinander", sagt sie. "Aber wenn du weg bist, Hans, und es geht über die Zeit, zwei Stunden drüber, dann frage ich mich bang: Ist das jetzt das Ende? Ich bin immer so froh, wenn der Schlüssel im Schloss geht."

"Die jungen Leute heute", sagt er, "die haben es eigentlich einfacher als wir, weil sie so offen reden. Die sind frei raus. Aber sie machen es sich so schwer mit der Liebe."

"Sowie Probleme kommen, laufen sie auseinander", sagt sie.

"Die leben in einer Wegwerfgesellschaft", sagt er, "die kriegen zu Weihnachten jeden Wunsch erfüllt und zum Abitur ein Auto. Und wenn es irgendwie nicht hinhaut, kaufen sie sich was Neues oder nehmen sich einen neuen Mann oder eine neue Frau. Glaub ich."

"Unsere Tochter sagt ja auch: Heiraten? Kommt nicht infrage", sagt sie.

"Ein Kind hat sie auch nicht", sagt er.

"Aber sie hat einen festen Freund", sagt sie. "Wir nennen ihn unseren Schwiegerfreund."

"Früher kriegte man ja nur eine Wohnung, wenn man verheiratet war", sagt er. "Heute muss man sich nichts mehr gemeinsam aufbauen. Da hat jeder für sich schon alles."

"Ich glaube, dass die jungen Leute heute allem zu sehr nachrennen", sagt sie.

"Die haben Angst, was zu versäumen", sagt er, "die tun mir richtig leid."

"Wenn wir unsere Tochter und unseren Schwiegerfreund und die Freunde der beiden sehen, haben die immer Freizeitstress", sagt sie. "Heute ’ne Party und morgen Kino und übermorgen ein Fest und dann schon wieder der nächste Urlaub. Wir haben unsere Urlaube viel besser geplant."

"Man muss sich auf einen Punkt konzentrieren und den richtig ausfüllen, statt hundert Sachen auf einmal zu machen", sagt er. "Für meine Radtour nach Istanbul musste ich kündigen, ich hätte ja nie drei Monate Urlaub gekriegt. Und dann war das genau so, wie Karl May geschrieben hat! Wenn wir Fremden ins Dorf kamen, haben die Frauen sich den Schleier vorgehalten, und die Männer haben uns einen Hammel gebraten."

"Mein Mann hat von seinen wenigen weiten Reisen mehr als unsere Tochter heute von dem ganzen Hin und Her."

"Wenn ich sehe, dass sie vier Mal im Jahr in den Urlaub fliegt, für 14 Tage nach Panama, dann finde ich das Wahnsinn."

"Wir sind in unseren Ansichten vielleicht stehen geblieben", sagt sie, "aber wir bereuen das nicht."

"Es wird zu viel konsumiert", sagt er. "Früher ist jeder mit weniger ausgekommen. Da waren auch die Wohnungen kleiner, die Decken niedriger, das musste ja alles beheizt werden."

Raumtemperatur in der Wohnung: 18 Grad Celsius.

"Wenn es eine Zeitmaschine gäbe, würde ich noch mal zurück ins Jahr 1950 reisen", sagt er. "Da haben wir uns über jede Kleinigkeit gefreut."

"Dabei war früher auch nicht alles besser. Wir waren da nur jünger, Hans."

"Hast recht."

"Wenn Sie mich heute nach dem schwärzesten Tag meines Lebens fragen", sagt sie, "dann war das nämlich 1951. Da musste ich nach der zehnten Klasse von der Schule gehen, weil meine Eltern das Schulgeld nicht bezahlen konnten. Oder wollten. Es ging um zehn Mark im Monat, aber die brauchten sie für einen Anbau. Wir waren ausgebombt und wohnten in einem winzigen Haus ohne Bad. Ich habe für ein Badezimmer auf das Abitur verzichtet. Ich weiß noch, wie ich nach meinem letzten Schultag nach Hause ging und diese Operette in mich hineingesungen habe: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist ..." Früher hat man sich danach gerichtet, was die Eltern sagten."

"Dabei waren ihre Eltern gar nicht ihre Eltern", sagt er.

"Ich bin unehelich geboren", sagt sie. "Mein Vater war verheiratet, und meine Mutter war erst 17. Und ihr Vater war ein Lehrer, und ein Lehrer war eine Respektsperson. Ein Drama wäre das gewesen, wenn eine seiner Töchter mit einem unehelichen Kind dasteht! Also wurde sie schwanger zu Verwandten nach Hamburg gebracht und kam ohne mich zurück."

"Meine Mutter ist gestorben, als ich elf war", sagt er, "verschüttet nach einem Bombenangriff auf Hannover, da soll nur noch ein Lehmklumpen gewesen sein. Ich war in der Kinderlandverschickung damals, im Harz, und zwei Monate mit der Nachricht allein."

Ihre Pflegeeltern:
Mutter: Anna, * 1887, † 1980, Altersschwäche
Vater: Otto, * 1890, † 1967, Blasenkrebs

Seine Eltern:
Mutter: Mary, * 1897, † 1944, Bombenangriff
Vater: Wilhelm, * 1896, † 1983, Herzinfarkt

"Ich denke jetzt wieder öfter an meine Mutter", sagt er. "Wie traurig es ist, dass sie die lange Friedenszeit nicht mehr erlebt hat."

"Unvergänglich sind nur Erlebnisse"

"Unseren Eltern kam ja andauernd ein Krieg dazwischen", sagt sie.

"Und wir zwei hatten sechzig Jahre Frieden. Aber jetzt geht es wieder bergab. Überall gehen wieder Kriege und Revolutionen los."

"Und die Ressourcen werden knapp. Ich bin froh, dass ich tot bin, bevor alles zusammenbricht."

"Andererseits hat der Mensch immer was Neues erfunden, wenn das Alte kaputtging", sagt er, "wenn kein Öl mehr da ist, wird der Mensch sich etwas Neues ausdenken. Nur wenn das Wasser knapp wird, kann er nichts mehr erfinden. Davor hab ich Angst, Greta."

"Ich bin einigermaßen stolz darauf, dass wir ohne Auto ausgekommen sind", sagt sie.

"Aber mit unserer Generation hat es begonnen", sagt er. "Als der Krieg aus war, haben die Leute erst gesoffen, dann gefressen und geraucht. Und jeder brauchte ein Auto oder zwei. Die Reklame hat ja gesagt: Haste was, biste was. So fing das ja an."

"Wir kennen Achtzigjährige, die erzählen ihre Leben in Autos und Karriereschritten", sagt sie.

"Dabei sind das vergängliche Dinge. Unvergänglich sind nur Erlebnisse", sagt er.

"Die kann man auch nicht verzocken", sagt sie.

"Ich würd so ums Jahr 2100 trotzdem gern mal auf die Erde runtergucken", sagt er.

"Ich nicht", sagt sie. "Ich bin gar nicht mehr so neugierig. Ich lese auch meine Bücher schon zum zweiten oder dritten Mal."

Bücher in ihrem Zimmer (Auswahl):
Siegfried Lenz: "Deutschstunde"
Arno Surminski: "Vaterland ohne Väter"
Tiziano Terzani: "Noch eine Runde auf dem Karussell"
Wolfgang Borchert: "Das Gesamtwerk"
"Knaurs Opernführer"
"Unvergängliche deutsche Balladen"

Bücher in seinem Zimmer (Auswahl):
Ernest Hemingway: "In einem andern Land"
Günter Grass: "Der Butt"
Boris Pasternak: "Doktor Schiwago"
Reinhold Messner: "Everest"
Josef Immler: "Herrliches Karwendel"
Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab"

"Wir haben natürlich auch Fehler gemacht", sagt er, "ich hätte zum Beispiel meinen Vater öfter anrufen sollen, als der alt war. Das merk ich jetzt."

"Mir tut so leid, dass ich unserer Tochter manchmal einen Klaps gegeben habe", sagt sie. "Wenn ich morgen die Augen schließen müsste, wäre es gut, wenn ich ihr vorher noch sagen könnte: Das war nicht richtig, bitte verzeih. Als Eltern wünscht man sich ja, dass die Kinder von einem übernehmen, was gut ist. Nicht das, was wir falsch gemacht haben."

"Jeden Morgen um halb neun ruft sie bei uns an", sagt er. "Von der Arbeit."

"Das ist sehr lieb", sagt sie.

"Manchmal schafft sie es aber nicht. Dann hat sie Stress", sagt er.

"Und ich schaffe es nicht, mich zu entschuldigen. Es ist so schwer, das über die Lippen zu bringen", sagt sie.

"Aber sie hat ja auch nie Zeit."

"Oder sie hat Zeit, kriegt dann aber einen Anruf von ihrem Freund."

"Was auch ein Fehler war: dass wir meinen Bruder in Neuseeland nie besucht haben", sagt er.

"Dahin war er ausgewandert", sagt sie. "Wir hätten fliegen müssen."

"Jetzt ist er tot", sagt er.

"In unserer Wandergruppe waren wir mal 25", sagt sie. "Jetzt sind wir nur noch zehn."

"Ich mach in meinem Adressbuch immer Kreuze", sagt er. "Damit ich keinem Toten gratuliere."

"Dieses Begräbnis deines Bruders", sagt sie. "Ich habe eine Woche vorher angefangen, Baldrian zu nehmen. Und ich habe mir gedacht: Wie soll ich das durchstehen, wenn mein Mann stirbt? So viel Baldrian kann ich gar nicht nehmen."

Medikamente, die er täglich nimmt:
ASS 100
Bisoprolol 5
Losartan 100
Simvastatin 80

Medikamente, die sie täglich nimmt:

"Wir haben fast alles vorbereitet", sagt sie. "Wir sind uns einig, wo wir beigesetzt werden wollen."

"In einem Urnengemeinschaftsgrab", sagt er.

"Wir haben es auch schon angezahlt, um unserer Tochter möglichst viel zu ersparen."

"Ich hoffe nur, dass keiner von uns noch Krebs kriegt oder irgendwo allein in einem Heim festgeschnallt wird."

"Abends einschlafen und morgens nicht mehr aufwachen", sagt sie.

"Umkippen und tot", sagt er.

"Ich glaube ja – oder hoffe –, da ist dann irgendjemand, der uns geschaffen hat. Die ganze Natur, die Erde, alles", sagt sie. "Wir sind nicht aus uns selber entstanden. Ich finde, wir sollten da ein bisschen demütig sein."

"Vielleicht wartet ja ein Abenteuer", sagt er. "Da bin ich direkt gespannt drauf."

"Hans", sagt sie, "ich wünsche mir, dass wir uns dann wiedersehen."

"Hoffentlich erkennen wir uns dann auch", sagt er.