DIE ZEIT: In den Großstädten geht ein neuer Trend um: Man will total normal sein. Kann man das als eine Art vorauseilendes Anpassungssignal verstehen?

Cornelia Koppetsch: Es gibt eine Sehnsucht nach konservativen Werten, die auch die urbane Boheme ergriffen hat. Dieselben Milieus, die einmal mit alternativen Lebensentwürfen experimentierten, konzentrieren sich heute auf Absicherung, Statuserhalt und Angleichung an die vorgegebenen Strukturen. Die feinen Unterschiede, von denen Pierre Bourdieu gesprochen hat, stehen nicht mehr im Vordergrund. Es geht um gröbere Unterschiede.

ZEIT: Man zeigt heute wieder, was man hat.

Koppetsch: Genau. Feine Unterschiede im Sinne Bourdieus spielen immer dann eine Rolle, wenn sozial Schwächere eine ernsthafte Konkurrenz darstellen, etwa im Kampf um Bildungschancen, wie das in den 1960ern der Fall war, als Schulen und Hochschulen sich für breitere Schichten öffneten. Inzwischen ist es nicht mehr anstößig, Vermögen und Besitz auszustellen, im Gegenteil. Die Eliten treten wieder sichtbar auf, man bekennt sich zu ihnen. Umso schärfer wird die Grenze nach unten gezogen. Natürlich ist das keine neue Entwicklung, das höhere Bürgertum hat es schon immer verstanden, seine Distinktionen zu setzen. Neu ist, dass auch Gruppen, die sich bislang als "links" verstanden, eine Affinität zu bürgerlichen Werten entwickelt haben.

Cornelia Koppetsch ist Professorin für Soziologiue an der TU Darmstadt. Ihr Buch über "Die Wiederkehr der Konformität" erschien bei Campus. © privat

ZEIT: In Ihrem Buch sprechen Sie von einer Wiederkehr der Konformität. Was genau kehrt wieder?

Koppetsch: Vieles an den urbanen Milieus von heute erinnert an Umgangsformen der fünfziger Jahre. Man greift selbst in Szenevierteln die Tradition der bürgerlichen Salons wieder auf, als müsste man sich seiner Zugehörigkeit zur Schicht der Gebildeten neu versichern. Familiengründung und finanzielle Sicherheit spielen eine größere Rolle als noch vor zwanzig Jahren. In der Arbeitswelt dominiert eine Leistungsbereitschaft, die nicht selten an Selbstverleugnung grenzt. Wobei die neue Konformität nicht mehr pedantisch, sparsam und duckmäuserisch daherkommt, sondern von Teamgeist und der Bereitschaft zur permanenten Optimierung getragen wird. Der Zwang zur Konformität hat gleichsam sein altes Gewand abgestreift und ist modern, individualistisch und flexibel geworden.

ZEIT: Das müssen Sie uns genauer erklären.

Koppetsch: Wir haben es gleich auf mehreren Ebenen mit einem neuen Mentalitätstypus zu tun. Auf der Ebene der Wertvorstellungen findet ein Rückzug aus dem öffentlichen Leben in den Nahbereich von Partnerschaft und Familie statt. Auf der Ebene der Statuskämpfe überwiegt das Muster der Selbstausschließung durch Ausgrenzung: Die bürgerliche Mitte schließt sich entweder in gated communities selbst ein, oder aber sie zieht sich in exklusive Stadtviertel zurück, aus denen Migranten und Unterprivilegierte durch steigende Mieten bereits vertrieben wurden. Schließlich wird das gesamte Alltagsleben von einer Haltung der Konformität beherrscht: Man gibt sich tolerant, klammert sich aber ängstlich an seine Privilegien. Man kritisiert die Vorherrschaft der Märkte, agiert aber marktkonform. Wer nicht mithalten kann, hat sich sein Scheitern selbst zuzuschreiben.

ZEIT: Und die alte Angst vor der Spießigkeit?

Koppetsch: Offenbar ist das Bedürfnis nach Planbarkeit und Sicherung des Lebensstandards inzwischen größer. "Papa, wenn ich groß bin, möchte ich auch Spießer werden" – der Satz aus dem Werbespot, in dem ein Kind sich von seinem linksalternativen Vater abgrenzt, spiegelt ja reale Entwicklungen wider: Gerade die junge Generation findet nichts dabei, schon während der Ausbildung einen Bausparvertrag abzuschließen, und zieht es auch später vor, in der Komfortzone des Elternhauses wohnen zu bleiben. Die Orientierungsmarken haben sich vom Selbstverwirklichungsindividualismus der 1960er und 1970er Jahre hin zu bürgerlichen Traditionen und Familiensinn verschoben.