Wie lang soll eine Weinstraße sein? Das hängt wohl stark vom eigenen Durchhaltevermögen ab. Seit diesem Sommer stoßen auch die ausdauerndsten Weinfreunde an ihre Grenzen: Die Badische Weinstraße wurde nach sechzig Jahren auf mehr als die doppelte Länge erweitert. Sie misst jetzt über 500 Kilometer und ist mit Abstand die längste in Deutschland. Aber ist das überhaupt noch eine Straße? Auf der Karte sieht sie aus wie ein mäandernder Fluss, der sich immer wieder in Schleifen verliert – von der Schweizer Grenze bis in den Odenwald. Man wüsste doch gern, was diese Langstrecke einem über den badischen Wein verrät.

Ich steige in Freiburg aufs Rad. Etwas Sport zwischen den Verkostungen, dachte ich, schadet ja nicht. Mein erstes Ziel ist der Kaiserstuhl. Nach einer guten Stunde streckt er seine Vulkankegel aus der Ebene heraus. Hier und da sind schon Rebstöcke gepflanzt, aber es ist noch weit bis zum ersten Glas Wein. Hinter Bötzingen führt der Vogelsangpass steil nach oben. Der Kaiserstuhl gilt als die heißeste Ecke Deutschlands, tagsüber spielt er gern ein wenig Afrika. Die Luft flimmert und ist so warm, als ob ein Föhn sie über das Land bliese. Schweiß läuft mir in die Augen, meine Muskelstränge vibrieren, als der Passscheitel endlich erreicht ist. Bei der Abfahrt trocknet der Fahrtwind den Schweiß, die gewaltigen Hoftore der Weingüter stehen einladend offen.

Das Dorf Bickensohl gönnt sich eine Siesta in der Mittagshitze. Holger Koch lässt sich davon nicht anstecken; er will nach seinen Reben sehen. Wir marschieren durch Hohlgassen, eingefasst in gewaltige Mauern aus beigefarbenem Löss. Eidechsen flitzen über heißen Sand. Es muss ein Leichtes sein, auf dieser Sonnenbank Badens opulenten Wein zu erzeugen. "Zu leicht", findet Koch, "davon haben wir schon genug." Weine mit Pausbäckchen und breitem Hinterteil, damit ist der Kaiserstuhl als Vorzeigeregion Badens bekannt geworden. Holger Koch bevorzugt einen filigraneren Stil. Auf schmalen Terrassen in über 300 Meter Höhe stehen seine Reben. Nachts kühlt es hier ab, dadurch behalten seine Weine eine angenehme Frische. Seine würzigen Pinot Noirs sind sehnig und durchtrainiert, sie erinnern mit ihrer kühlen Finesse an Burgund.

Koch wehrt sich gegen die "Selbstzufriedenheit", die er bei einigen seiner Kollegen ausgemacht hat: Sie hatten Erfolg, als Üppigkeit beim deutschen Wein noch eine begehrte Seltenheit war. Und bleiben bis heute gern unter sich, Weinstraße hin oder her. Zur Mentalität trägt sicher auch bei, dass der Kaiserstuhl wie eine Insel über der Rheinebene liegt.

Am Abend füllen sich die Straußis, wie die Besenwirtschaften hier heißen. Der saftige Grauburgunder fließt in großen Schlucken, mit seinem Bukett von reifer Birne schmeckt er zu Flammkuchen und Brägele mit Bibeleskäs – Bratkartoffeln mit Kräuterquark. "Des tuet guet", sagen die Einheimischen in ihrem alemannischen Singsang und stoßen an; an den Tischen wird auch Fremden Platz gemacht, wenn sie sich zu benehmen wissen. Meine Beine sind schwer, bald zieht der Kopf nach. "Nuen nuenzig", sagt die Kellnerin bei der Abrechnung, es klingt wie eine Zauberformel. Im Halbdunkel wirken die Rebterrassen wie die Sprossen einer Leiter, die nach oben führt. Der Mond strahlt wie ein riesiger Scheinwerfer, man fühlt sich dem Himmel näher als anderswo, so wölbt sich der Kaiserstuhl ihm entgegen. Er ist schon ein besonderer Ort, dieser Backofen und Marterhügel.

Am nächsten Morgen wird in den Weinbergen schon gearbeitet, als ich mich auf den Sattel schwinge. Das Etappenziel ist der Breisgau, im Nordosten des Kaiserstuhls gelegen. Rasch kommt die Oberrheinebene näher, hier geht es gut voran. Zwischen Getreidefeldern stehen Kirschbäume, auf frisch gemähten Wiesen stöckeln Störche umher. Der Breisgau braucht keine dramatischen Verwerfungen wie der Kaiserstuhl: Mit seinen gemütlich geformten Weinterrassen ist er das Kanapee Badens.

Mitten darauf, in Ettenheim, liegt das Weingut Weber, das von Weitem aussieht, als seien zwei riesige Würfel aus Glas und Metall aus dem Boden geschossen. Der Neubau ist ein kühner Entwurf: Für den Keller wurden drei Stollen über 50 Meter weit in den Berg getrieben. So viel Mut zur Größe und Übergröße findet sich selten im Breisgau, der noch immer belächelt wird, vor allem von Kaiserstühler Winzern: "Heckenland", sagen sie. Damit aber muss man Michael Weber gar nicht erst kommen: "Wir wissen, was wir können", sagt er, "auf unseren Löss- und Kalkböden wachsen einige der besten Burgunder Badens." Deshalb hat Weber sich auch der Generation Pinot angeschlossen, einem Netzwerk junger Winzer entlang der Weinstraße. So viel Miteinander ist neu in Baden. Früher, sagt Weber, habe man selbst dem Nachbarn misstraut und das Hoftor verriegelt; "heute denken wir nicht mehr so engstirnig".

Entspannt geht es im Weingut zu. Der Radfahrer im verschwitzten Leibchen, der das ganze Sortiment verkostet und dann nur einen Rosé mitnimmt, ist genauso willkommen wie ein Kunde, der sich den Kofferraum vollpacken lässt. Genuss darf bei Weber nicht kompliziert sein. Man braucht kein Kenner zu sein, um seine fruchtigen Weine zu verstehen.

Der Winzer hat ein Gespür dafür, wie man junge Kundschaft gewinnt. Er nennt das eine "aktive Variante der Weinkultur": Unter Anleitung von Köchen werden auf Luxusgrills Steaks gebraten, bei diesem Event sind Promille am Grill ausdrücklich erwünscht. Weber bietet Segway-Touren an, nach der Ausfahrt durch die Weinberge schmeckt der nach Melone und Mandeln duftende Weißburgunder besonders gut. Vor Kurzem hat er seinen Barrique-Keller für einen Salsa-Abend leer geräumt: "Mit Blasmusik kann man niemanden mehr anlocken."