Als ich in den achtziger Jahren anfing, Botho Strauß zu lesen, war ich, damals ein Jugendlicher, sofort elektrisiert. Seine Bücher unterschieden sich von allem, was damals zwischen Heinrich Böll und Max Frisch die kanonisierte Gegenwartsliteratur ausmachte. Für den Heranwachsenden war die Literatur der Gruppe 47 zwar Schulstoff und sollte der kritischen Durchdringung der eigenen Gegenwart dienen, sie hatte aber eigentlich gar keine echte Aktualität, sie war, generationell gesehen, Vorgeschichte. Sie speiste sich aus Erfahrungen, die 30 Jahre zuvor in die Köpfe gedrungen waren. Ganz anders bei Botho Strauß: Hier kam die echte Gegenwart zu Wort, die Texte vibrierten von den Verhaltensformen, Redeweisen und Idiosynkrasien, die man selbst beobachten konnte, wenn man in die erwachsene Gesellschaft, die einen als Jugendlicher umgab, hineinhorchte. Botho Strauß beschrieb das Jahrzehnt, dessen Zeitgenosse zu werden man fest entschlossen war. Kein Wunder, dass man seine Texte wie Orakelsprüche aufsog.

In Paare, Passanten, dem Augenöffner-Buch der achtziger Jahre, war zwar schon vom "Gegenwartsnarren" die Rede, mithin eine Abwehrhaltung gegen die Jetzt-Zeit als Grundton spürbar, dessen ungeachtet waren diese Texte aber so gegenwärtig wie nichts anderes, was damals als Neuerscheinung in den Buchläden auftauchte. Auf dem Schulhof zitierten wir die schönsten Sprüche aus Trilogie des Wiedersehens ("Unser Land hier, das ist einfach kein fruchtbarer Boden für die großen Gefühle") und Kalldewey, Farce ("Kalldewey mit Namen, hält brav zurück den Samen"), der Verfasser erschien uns aber schon damals so ferngerückt, dass wir uns kaum vorstellen konnten, dass er vor gar nicht so langer Zeit leibhaftig als Dramaturg in der Truppe der Berliner Schaubühne mitmischte. In der biografischen Notiz seiner Bücher stand immer: "Geboren 1944 in Naumburg/Saale". Ich weiß, wie oft ich darüber nachgrübelte, was das bedeuten könnte. Er war doch der Chronist der BRD, und Naumburg an der Saale – lag das nicht in der DDR? Irgendwie schien dieser Mann die Grenzziehungen der Konferenz von Jalta zu ignorieren ...

Damals lebte Botho Strauß natürlich noch nicht in der Uckermark. In der Zeitung hatte ich ein Foto seiner Charlottenburger Altbauwohnung gesehen, groß, weiß, hell und leer, also das, was man zu dieser Zeit als ein entschieden modernes, cooles Wohn-Statement verstehen musste. Aber auch dadurch wurde er einem als Person nicht greifbarer. Seine Theaterstücke konnten zwar hervorragend den Gegenwartsjargon des Justemilieu parodieren (deshalb liebten wir Schüler seine Stücke, denn wir konnten mit ihnen der Welt der Erwachsenen einen kompromittierenden Spiegel vorhalten), seine eigene Sprache war aber auf starke Weise manieriert, poetisch, offenbarungsaffin, eben nicht ganz von dieser Welt. Für diese Dissidenz hatten wir ein empfängliches Ohr, es entrückte ihren Verfasser aber in eine numinose Ferne.

So ist es seither geblieben. Das eigentümliche Ineinander von exklusiver Zeitgenossenschaft und mythischer Ferne ist geblieben. Jedes neue Buch von Botho Strauß habe ich mit gieriger Erkenntnissehnsucht zur Hand genommen, aber auf welchen Wegen dieser Mann, geboren 1944 in Naumburg/Saale, seinen Weg in unsere Gegenwart genommen hatte, das blieb Geheimnis.

Jetzt, kurz vor seinem 70. Geburtstag im Dezember, hat Botho Strauß ein Buch geschrieben, das sich in Tonfall, Sujet und Darstellungsweise, aber vor allem im Maße seiner Nahbarkeit von allem unterscheidet, was dieser produktive Autor in den letzten 40 Jahren geschrieben hat. Es heißt Herkunft und erzählt von seinem Elternhaus in Ems an der Lahn, wo der Junge seit seinem 10. Lebensjahr aufwuchs.

Es ist eine kleine Welt, durchaus eine enge. Wir sehen den Knaben Botho, wie er nach dem Abendbrot auf die Straße stürmt, um noch eine Runde Rollschuh zu laufen. Wir sehen ihn, wie er mit Diana, der Tochter der italienischen Familie, die im Sommer die Eisdiele betreibt, in einem Hinterhof Westernszenen nachspielt, wobei es vor allem darum geht, "Diana zum künstlerischen Küssen in den stillgelegten Aufzug" zu locken ... Wir sehen seine Mutter, wie sie bei "Fräulein Wurzler" die Hörzu kauft. Aber im Mittelpunkt steht der Vater, Jahrgang 1890. Im Ersten Weltkrieg hat er ein Auge verloren. Er ist Pharmazeut, hatte einst in Naumburg ein kleines Unternehmen, bis er in der Sowjetischen Besatzungszone als angeblicher Spion verhaftet wurde, um ihn enteignen zu können. Jetzt, im Westen angekommen, lebt die Familie in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater neigt zur Misanthropie, der die wenigen Bekannten, die die Familie hat, durch seine Unduldsamkeit vor den Kopf stößt, sodass es bald kaum mehr Geselligkeit gibt. Trotzdem herrscht in der Etagenwohnung der Strauß’ keine düstere Stimmung. In der Art des Karl Kraus gibt der Vater eine Zeitschrift heraus, die er vollständig selbst verfasst, die Mutter muss die Kopien eintüten und an den immer kleiner werdenden Kreis der interessierten Leser verschicken. Vater Strauß schätzt Ortega y Gasset und dessen modernekritisches Buch Aufstand der Massen, was, wie der Sohn nicht zögert hinzuzufügen, "damals weiß Gott nicht außergewöhnlich" war.