Nordkalifornien 1978; ein Junge, elf Jahre alt, und drei Männer, Vater, Großvater und ein Freund der Familie, brechen auf zur Hirschjagd; einer von ihnen, der Großvater, wird nicht zurückkehren. Er wird von seinem Enkel erschossen werden am Ende einer Eskalation von Gewalt, die, wie David Vann in der Danksagung andeutet, für seine eigene Familie kennzeichnend war. Von dieser Gewalt will er sich frei machen, so weit der offensichtlich therapeutische Aspekt des Romans, den der 1967 geborene amerikanische Autor nach dem Jagdrevier Goat Mountain benannt hat.

Das viele, viele Hektar zählende Revier ist seit Ewigkeiten im Besitz der Familie. Ja, seit Ewigkeiten. Denn die Familie, von der hier erzählt wird, gehört zum Indianerstamm der Cherokee. Aber von ihren Wurzeln ist die Familie abgeschnitten, wie der Erzähler, der inzwischen erwachsene Junge, in aller Deutlichkeit bedauert. "Fernseher statt Pferd, ein schrecklicher Betrug", sinniert er. "In Zehntausenden von Menschenjahren war ich fünfundzwanzig Jahre zu spät aufgetaucht, und das machte mich wütend, selbst mit elf, wütend auf mein verpasstes Erbe."

Das Einzige, was sich erhalten hat aus der guten, uralten Zeit, ist die Überzeugung, zu töten sei das Tiefste, was ein Mensch, nun ja, ein Mann erleben könne. Das Töten als Urgrund des Lebens, dieser von David Vann in kritischer Distanz zelebrierte Mystizismus ist natürlich undenkbar ohne den Kult ums Gewehr. Schon der elfjährige Junge kennt die Unterschiede aus dem Effeff; ist bereits der stolze Besitzer eines ".30-30-Winchester-Unterhebelrepetierers mit Kimme und Korn". Das Stück in der Hand zu halten verleiht ihm weit mehr als nur den Kick; geradezu "planetarisch" fühlt die Waffe sich an.

Und bei diesem Ausflug nach Goat Mountain darf er "zum ersten Mal töten", möglichst einen Hirsch. Das ist "offiziell illegal, nach dem Familiengesetz (sei er) alt genug", weiß der indianische Nachfahre. Man könnte das Lehrstück überhaupt von diesem Wissen her aufziehen. Denn was der Junge weiß, ist an ihn ja weitergegeben worden. Nicht allerdings von der Mutter, die früh starb, sondern von Vater und Großvater. Er trägt bereits eine Menge Männerwissen in sich, und die Frage steht im Raum, ob der Junge ausführt, was ihm vermittelt wurde, oder ob er eigenständig handelt. Wenn letzteres der Fall wäre, wäre er eine Art Teufel.

Kaum hat die Jagdgruppe das schwer zugängliche Camp erreicht, das gesichert ist mit einem schweren Eisentor, als sie den Eindringling bemerken: einen Wilderer, sitzend an einem Hang gegenüber. "Der hat vielleicht Nerven, sagte mein Vater. Genießt den Sonnentag und lässt den Blick über unser Land und unsere Hirsche schweifen." Innerer Tumult, Gewehre gezückt, die Luft vibriert vor Anspannung. Dann reicht der Vater seinem Sohn, damit dieser den Wilderer besser sehen kann, die .300-Magnum, ein schweres Gewehr mit Zielfernrohr. Der Junge nimmt den Wilderer ins Fadenkreuz, von größter Ruhe, fast von Glück erfüllt. Er erkennt die Weste, die Züge, die Augen des Fremden; und drückt ab.

"Da war nur mein Wesen, der, der ich bin, jenseits von Verstehen", heißt es resümierend. Die Männer, ihrer Tradition entfremdete Indianer, sind eine rohe Gemeinschaft, wortkarg, der Großvater ein Monster der Fettleibigkeit auf staksigen Beinen, die wegknicken, im Gegensatz zu seinem unbeugsamen, angsteinflößenden Geist. Es spricht für das Geschick des Autors, dass der Großvater als grollender, strafender Gott erscheint, ein Wesen ohne Mitgefühl. So kann der elfjährige Mörder zwar als Ausgeburt des Teufels stilisiert werden, der mit einem Schuss "alles zerstört". Aber als der Hauptschuldige erscheint er nicht.

Wirklich spannend gerät dem Roman die Überlagerung zweier Mythen: das bis heute in den USA hochgehaltene Recht auf Selbstverteidigung, zurückgehend auf die Frontiersmen; und der Kampf der Ureinwohner gegen die weißen Eroberer. Bei Vann, und das scheint zugleich seine Botschaft zu sein, lassen sich diese beiden Archaismen nicht mehr trennen. Die Zwickmühle, die erzählerisch daraus resultiert, kann man als zwingend erachten.

Was mit der Leiche des Wilderers zu tun sei, darüber verlieren die Männer Nerven und Verstand. Ein Begräbnis, so der Großvater, wäre ein Eingeständnis des Mordes; dann müsste der Enkel beim Sheriff angezeigt werden und käme ins Gefängnis. Den Toten liegen zu lassen wäre eine Schändung der eigenen Prinzipien, denkt der Vater. Der Freund, Tom, hält sich raus. Und der Elfjährige ist frei von Empfindungen.

Also hängt man den fremden toten Mann an einem Baum auf, fürs Erste, als wäre er ein Stück erlegtes Wild. Oder Jesus, das Menschenopfer. Tatsächlich überlädt David Vann dieses interessante Motiv, die Bestattungsfrage als moralischer Gradmesser, mit einer aufdringlich selbst gestrickten Bibelexegese. Nicht nur die "Sache mit Jesus" wird ausgereizt bis zum Gehtnichtmehr (Kreuzigungs-, Auferstehungs-, Eucharistie-Symbolik, alles muss rein); weitere schwere Vergleiche prasseln auf die Seele des Elfjährigen nieder, vom Brudermord Kains bis zum Sohnesopfer Abrahams.

Nun will natürlich David Vann das allein auf der Beherrschung von Waffen, auf Jagd, Verteidigung und Tötung beruhende Männlichkeitspathos abschütteln. Doch bleibt der Erzählstandpunkt zu vage, um ein kraftvolles Gegengewicht zu liefern. "Heute" sitzt der Junge von damals in seiner kleinen Wohnung. Er rüttelt an ihr "wie an einem Käfig", will ausbrechen. Aber: "Der Tote hat alles genommen." Dass "die Finger zu leicht am Abzug sitzen", weiß er längst: Die Technik lasse vergessen, "was Töten heißt". Dies mag eine Botschaft an die amerikanische Politik sein, sich der mächtigen Waffenlobby zu widersetzen; poetisch lebt der Roman von einem reaktionären Glutkern.

Sehr viel überzeugender als der zwiespältige Moralismus des Romans ist seine messerscharfe Psychologie. Es ist nämlich so, dass der Junge durchaus Reue empfindet über die Tötung des Wilderers, allerdings kommt die Reue langsam über ihn, und gerade diese Langsamkeit ist meisterhaft. Einen Hirsch wird er tatsächlich erlegen auf Goat Mountain, am dritten Tag; ein Fall von grausamem Dilettantismus und die beste Szene des Romans. Das unglücklich getroffene kräftige Tier stürzt und schreit markerschütternd vor Schmerz. Es schaut dem Jungen in die Augen, der dessen Seele schockartig spürt, und da, exakt da begreift er, was er getan hat, als er den Wilderer erschoss. Der Hirsch wird ihm zum Menschen.

Langsam, qualvoll stirbt der Hirsch. Eine Trophäe ist dieses Gemetzel nicht. Und doch, zum großen Erstaunen des Lesers, wird der Junge vom heillos zerstrittenen Familiengericht, bestehend aus Vater und Großvater, in die Loge aufgenommen: "Jetzt bist du ein Mann." Dann fährt der Pick-up auf und davon. Allein zurück bleibt der Junge in der hereinbrechenden Nacht. Der letzte Akt des blutigen Jagdausflugs, die Tötung des strafenden Gottes, steht da noch aus.