DIE ZEIT: Herr Freisleder, stellen Sie sich vor, dass ich die Mutter einer pubertierenden Tochter bin.

Franz Joseph Freisleder: Bei einem Mann Mitte 30 fällt mir das etwas schwer, aber okay.

ZEIT: Danke. Also: Meine Tochter spricht seit Tagen kaum mit mir, kommt selten aus ihrem Zimmer. Ich mache mir Sorgen. Ist sie depressiv?

Freisleder: Können Sie die Traurigkeit Ihrer Tochter verstehen? Gibt es einen nachvollziehbaren Anlass? Lässt sie sich manchmal aus ihrer Traurigkeit herausreißen? Wenn ja, handelt es sich um ein psychisch normales Befinden.

ZEIT: All das lässt sich leider schwer herausfinden, weil an der Tür meiner Tochter ein "Nicht betreten! Lebensgefahr!"-Schild hängt.

Freisleder: Und da sitzen Sie jetzt davor und denken: Ach Gott, ach Gott! Doch was ist, wenn sie abends ins Kino geht? Tritt Ihre Tochter dann aus dem Zimmer, unternehmungslustig und sogar geschminkt? Da würde ich sagen: Mei, so wild wird es nicht sein. Anders liegt der Fall, wenn sie gar nicht mehr rauskommt, Essen nur annimmt, wenn Sie den Teller vor die Tür schieben. Das ist gefährlich, das darf sich nicht verfestigen.

ZEIT: Ab wann gilt ein solches Verhalten als verfestigt?

Freisleder: Wenn der Alltag von der psychischen Symptomatik gefangen genommen wird. Ob das jetzt Depressionen oder Zwangsstörungen, Computerspielsucht oder Essstörungen sind.

ZEIT: Was kann ich da als Elternteil machen?

Freisleder: Sie müssen sich hinterfragen. In welchem Kontakt stehen Sie mit Ihrem Kind? Versuchen Sie, diesen Kontakt zu verbessern. Klären Sie mit dem Kind, was los ist. Gelingt das nicht, stellt sich die Frage, ob das Problem bei Ihnen liegt. Sprechen Sie mit dem anderen Elternteil, wenn es eines gibt. Fragen Sie nahestehende Menschen wie Onkel, Lehrerin und enge Freunde Ihres Kindes nach deren Eindruck. Wenn die Ihnen bestätigen, dass Ihre Wahrnehmung stimmt und das Verhalten des Kindes über Wochen anhält, braucht es professionelle Hilfe.

ZEIT: Die da wäre?

Freisleder: Der Kinder- und Jugendpsychiater. Ob es sich um einen niedergelassenen Arzt oder eine Klinik handelt, ist egal. In großen Städten wie Hamburg, München und Berlin gibt es trotz Wartezeiten ausreichend Kollegen. Man kann sich aber auch erst an den Schulpsychologen oder den Kinderarzt wenden.

ZEIT: Sie selbst leiten die Heckscher-Klinik. Die ist mehr als ausgelastet ...

Freisleder: ... weil man heute aufmerksamer ist. Vor 30 Jahren war ein Fünftel der Jugendlichen psychisch auffällig. Von diesen Jugendlichen wurde wiederum einem Viertel eine längerfristige Therapie empfohlen. Heute haben wir es immer noch mit einem auffälligen Fünftel zu tun, aber davon wird der Hälfte eine Therapie empfohlen. Die Reaktionsschwelle ist niedriger.

ZEIT: Wieso?

Freisleder: Früher gab es weniger professionelle Helfer. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie kennt den Facharzt erst seit 1968. Damals arbeitete eine Handvoll Ärzte auf diesem Gebiet, heute sind es einige Tausend. Auch Psychotherapeuten und therapeutisch interessierte Pädagogen gab es viel weniger. Angebot schafft Nachfrage. In erster Linie ist es ein Gewinn für Kinder und ihre Familien, weil wir Defizite sehr viel früher entdecken. Und je früher eine Störung erkannt wird, umso größer ist die Chance, sie aufzufangen.

ZEIT: Die Störungen selbst haben nicht zugenommen?

Freisleder: Nicht so dramatisch, wie vom Boulevard dargestellt. Ich würde sagen: ein deutlicher Anstieg der helfenden Systeme, ein moderater Anstieg der Erkrankungen.

ZEIT: Um welche Krankheitsbilder handelt es sich da?

Freisleder: Anorexie, Bulimie und depressive Störungen. Wobei man in den siebziger Jahren noch diskutierte, ob Kinder überhaupt depressiv sein können. Heute weiß man, dass Depressionen bei ihnen oft in kaschierter Form auftreten, als körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen. Ebenfalls gestiegen sind Sozialverhaltensstörungen. Also Aggressivität und Autoaggressivität.

ZEIT: Autoaggressivität? Etwa wenn Jugendliche sich ritzen?

Freisleder: Unter anderem. Selbstverletzungen sind Ausdruck emotionaler Instabilität und dienen der Spannungsabfuhr. Vor allem haben aber suizidale Verhaltensmuster und Selbstmordversuche in den letzten zehn Jahren zugenommen. Darunter fallen auch Drohungen, sich umzubringen. Kein Tag vergeht, an dem nicht drei, vier Jugendliche deswegen in die Klinik gebracht werden.

ZEIT: Lässt sich bei den Erkrankungen ein Muster erkennen, werden die Patienten jünger?

Freisleder: Bei den Essstörungen, ja. Vor 20 Jahren fing es mit 14, 15 an, jetzt sind die Mädchen oft 12, 13. Zunehmend sind auch männliche Jugendliche betroffen. Aber vielleicht haben wir die früher einfach übersehen. Psychische Krankheiten sind meist das Ergebnis mehrerer Faktoren. Deshalb beschreiben wir in der Psychiatrie erst Symptome, legen uns dann auf eine Diagnose fest und benennen zum Schluss die Krankheit. Ein Stichwort ist Komorbidität: Eine Krankheit entsteht aus oder neben einer anderen.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Freisleder: Ein Beispiel: Ein Mädchen kommt zu uns in die Klinik. Nach einer Untersuchung diagnostizieren wir Essstörungen, Depressionen, Zwanghaftigkeit und eine gestörte Eltern-Kind-Interaktion. Durch Gespräche finden wir heraus, dass die Eltern versucht haben, das Mädchen zum Essen zu bringen. Als Reaktion auf diese schwierige Situation hat das Mädchen weiter an Gewicht verloren und ist depressiv geworden. Die Depression ist also zweitrangig, wir bemühen uns lieber, das Essverhalten des Mädchens zu regulieren. Und siehe da: Mit gesteigertem Gewicht bessert sich auch das Befinden.