Der Mann, der Ikea zur Hölle wünscht, empfängt im Paradies. "Andere würden hier Urlaub machen", sagt Karl-Martin Hentschel. Hentschels Haus liegt unweit der Kieler Bucht, ein großer Garten, ein Teich, ein juchzendes Enkelkind, holsteinische Idylle. Aber Hentschel, 64 Jahre, Rentner, will nicht einfach die schöne Umgebung genießen, er ist ein unruhiger Geist. Früher war er Fraktionsvorsitzender der Grünen im schleswig-holsteinischen Landtag, heute ist er Aktivist der globalisierungskritischen Organisation Attac – und ein erklärter Feind des schwedischen Möbelriesen Ikea.

Seit Jahren treibt Hentschel um, dass viele Konzerne trotz hoher Gewinne kaum Steuern zahlen. Er hat sich mit Google beschäftigt und mit Starbucks, deren globale Steueroptimierungsmodelle ihn zwar ärgerten, aber nicht überraschten. Anders war das, als er bei seinen Recherchen auf den Namen Ikea stieß. "Jeder kauft dort ein, jeder kennt Ikea. Wer in den Laden geht, denkt, das Unternehmen sei der nette Nachbar", sagt Hentschel. "Aber das stimmt nicht."

Hentschel hat monatelang für Attac Informationen darüber zusammengetragen, wie das Ikea-System funktioniert. Er verfasste ein Papier mit dem Titel Ein Dschungel namens Ikea. Hentschels Ergebnis: Ikea sei das Gegenteil eines netten Nachbarn, er hält das Unternehmen für asozial. Seiner Überzeugung nach rechnet sich der Konzern systematisch arm. Ikea sei ein "Lehrbeispiel dafür, wie mit allen denkbaren Möglichkeiten Steuern gespart werden". Nach dem Motto: Zahlst du noch Steuern, oder trickst du schon?

Lange hat die Welt dabei zugesehen – und deswegen ist Hentschels Urteil in gewisser Weise ungerecht. Ikea hält sich an die Gesetze, die Manager nutzen lediglich die Möglichkeiten, zu denen die Steuerverwaltungen einladen.

Und doch ist Hentschel einer Entwicklung auf der Spur, die Ende September auch die mächtigsten Finanzminister der Welt beschäftigte. Im australischen Cairns verständigten sie sich darauf, Vorschläge der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) umzusetzen. Die OECD will der Steuervermeidungsindustrie das Geschäft erschweren. "Wir schließen die Schlupflöcher, die es Investoren erlauben, ihr Geld zwischen Ländern zu verschieben", versprach Generalsekretär Angel Gurria nach dem Treffen.

Die Finanzminister wollen nun gemeinsam Konzerne wie Apple, Starbucks und Ikea dazu bringen, mehr von ihren Gewinnen zu versteuern – und zwar auch in jenen Ländern, in denen sie Geschäfte machen, anstatt lediglich in solchen, die kaum Steuern erheben. Dass es vielen Finanzpolitikern ernst ist, zeigte eine aufsehenerregende Ankündigung der EU-Kommission am vergangenen Montag: Laut Financial Times will die Wettbewerbsbehörde Steuerabsprachen zwischen Irland und Apple als illegale Staatsbeihilfe einstufen.

Damit es künftig gar nicht mehr zu undurchschaubaren Steuerkonstruktionen kommt, soll der Pakt der OECD-Länder die Konzernfinanzen transparenter machen – und damit auch Staatseinnahmen aus Gewinnsteuern deutlich erhöhen. Bis die Reformen jedoch wirken, könnten Jahre vergehen, glaubt Hentschel: "Finanzminister Wolfgang Schäuble lässt sich für Erfolge feiern, die keine sind. Tatsächlich kapituliert er vor den Steuersündern." Das klingt verbittert, ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass Hentschel in den vergangenen Jahren viele Ankündigungen von Politikern gehört hat, aber wenig Taten sah.

Der Gründer hat Ikea nach einer Maxime ausgerichtet: Minimale Steuern

Das ist angesichts der Staatsschuldenkrise in Europa verblüffend. Kostet doch die ganz legale Steuervermeidung und die Steuerhinterziehung Europas Regierungen einer Schätzung der EU-Kommission zufolge Jahr für Jahr die sagenhafte Summe von mehr als 1.000 Milliarden Euro. Mehr Geld als der Eurorettungsschirm an Kapital bereithält.