Noch schwieriger ist es, der Marke Ikea einen Wert beizumessen. Bei der Steuergestaltung des Ikea-Konzerns spielt dieser Wert aber eine große Rolle. 2012 hat Ikea die Rechte an der Marke Ikea praktisch an sich selbst veräußert. Für neun Milliarden Euro verkaufte die Stiftung Interogo den Markennamen an Inter Ikea Systems. Jedes Einrichtungshaus in Deutschland zahlt seit Jahren drei Prozent vom Umsatz als Lizenzgebühr an die holländische Dachgesellschaft. Drei Prozent von jeder Pax-Schranktür, jeder Ikea-Kerze und jedem Hotdog wandern auf diese Weise am deutschen Fiskus vorbei direkt in die Niederlande. Drei Prozent bedeutet bei rund 29,2 Milliarden Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2012/2013: 876 Millionen Euro. Da es sich um Lizenzzahlungen handelt, werden sie nach niederländischem Recht dort zu einem Bruchteil des für andere Unternehmensgewinne üblichen Satzes versteuert: Am Ende liegen die Steuern auf Lizenzen in den Niederlanden bei gerade mal fünf Prozent. Nur deshalb, vermutet Hentschel, hat Ikea dort einen Sitz.

Der Deutschlandchef versteht die Kritik nicht: Ikea halte sich an die Regeln

Der nächste Trick aus dem Steuerspar-Baukasten: Ikea spart Abgaben, weil es kaum Eigenkapital hat. Das heißt: Es verwendet kaum Geld der Eigentümer, um zu investieren, sondern vor allem geliehenes Geld wie Kredite von Banken. Das machen auch viele andere Unternehmen so. Der Steuerrechtler Lorenz Jarass von der Hochschule RheinMain hat vor zehn Jahren einmal ermittelt, dass die Finanzierung von Ikea Deutschland auf nur 0,2 Prozent Eigenkapital basiert und der Rest über Kredite ins Unternehmen fließt. Dafür habe der Konzern vergleichsweise hohe Zinsen gezahlt, die er als Betriebsausgaben geltend machen konnte, er konnte sie also von der Steuer absetzen. "Das sparte Ikea Deutschland rund 30 Millionen Euro", sagt Jarass. Insgesamt, so das Ergebnis seiner Forschung, habe Ikea damals lediglich 15 Prozent Steuern auf den Gewinn bezahlt. Branchenüblich sei das Doppelte. Ikea Deutschland teilt dazu mit, dass der Grundsatz gelte, " dass wir das Geld zuerst verdienen, bevor wir es ausgeben".

Mittlerweile hat Ikea auf die Kritik von Hentschels Attac-Gruppe und anderen Nichtregierungsorganisationen reagiert. Im Frühjahr veröffentlichte das Unternehmen eine Pressemitteilung, derzufolge der Konzern seit 2009 weltweit 6,1 Milliarden Euro Steuern gezahlt habe. In der gleichen Zeit setzte er über 125 Milliarden Euro mit dem Verkauf seiner Möbel um, der Gewinn vor Steuern und Zinsen allein im Geschäftsjahr 2013 betrug rund vier Milliarden Euro.

Der Ikea-Deutschlandchef Peter Betzel empfängt in einem Konferenzraum in Wallau nahe Frankfurt, dem Deutschlandsitz des Konzerns. Die Aufregung um die Steuerpolitik seines Unternehmens kann er nicht verstehen. "In den vergangenen fünf Jahren haben wir allein in Deutschland mehr als 823 Millionen Euro Ertragsteuern gezahlt, dazu 33 Millionen Euro Grundsteuer", sagt der 53-Jährige. Das ist eine hohe Summe. Aber weit niedriger als jener Betrag, den Unternehmen aufbringen müssen, die auf niederländische Stiftungen und Lizenzmodelle verzichten.

Dann schwärmt Betzel von massiven Investitionen, von Expansionsplänen und vom ersten Ikea-Haus in einer Innenstadt, das gerade in Hamburg-Altona eröffnet wurde. "Unser Motto ist: Kleiner Geldbeutel, große Träume. Wir arbeiten täglich hart dafür, den Alltag der Menschen zu verbessern."

Aber, Herr Betzel, warum gibt es diese Stiftung in den Niederlanden? Auf die Frage wirkt der Manager ein wenig zu ratlos. Warum das gemacht wurde, entziehe sich seiner Kenntnis, sagt er. Der Hauptgrund für die Unternehmensstruktur sei auf jeden Fall nicht die Steuer: "Ingvar war wichtig, dass das Unternehmen finanziell gesund bleiben und unabhängig von Personen geführt werden kann."

Im Bezug auf Steuern gehe Ikea absolut transparent vor, sagt er – und verschweigt, dass der Informationsgehalt über die Kennzahlen des Unternehmens im Vergleich zu dem börsennotierter und anderer Konzerne gleicher Größenordnung ein Witz ist.

"Wir beachten in jedem Land die national vorgegebenen Steuergesetze", sagt Betzel. Am Kurs, den Kamprad einst einschlug, will er wenig ändern. Im Gegenteil: "Sein Geist und seine Ideen leben in vielen Mitarbeitern. Die Werte und die Kultur leben weiter, obwohl sich Ingvar aus dem Alltagsgeschäft zurückgezogen hat." Mit anderen Worten: Die Steuerpolitik von Ikea, sie bleibt so rätselhaft wie das Rezept von Köttbullar und Coca-Cola.